Wie eine Bremerin ein Jahr als Astronautin auf Hawaii lebte

Auf dem Vulkan "Mauna Loa" hat eine Forschergruppe ein Jahr auf Hawaii gelebt – so als wäre es der Mond oder der Mars. Eine Geophysikerin aus Bremen war dabei.

Video vom 11. April 2018
Angehende Astronautin Christiane Henicke steht in einem Raumanzug.
Bild: HI-SEAS IV
Warum wurde die Station genau dort auf Hawaii gebaut?
Das Umfeld des Vulkans ist nicht viel anders als auf dem Mars – von der Geologie her. Die Station befand sich auf einem Schildvulkan. Die hat man auf dem Mars auch schon gefunden. Zudem ist die geochemische Zusammensetzung des Gesteins ähnlich. Und das Wetter ist immer gleich, dadurch dass sich die Jahreszeiten praktisch nicht ändern auf Hawaii.
Christiane Heinicke
Mit den gesammelten Erfahrungen von Hawaii will die 32-jährige Geophysikerin Christiane Heinicke, die am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (Zarm) an der Bremer Universität forscht, eine Wohnanlage bauen, die auf dem Mond oder auf dem Mars einsetzbar ist. Bild: Radio Bremen
Was genau sollte erforscht werden?
Es ging um die psychologischen Komponenten dieses langen Aufenthalts und speziell darum, wie eine kleine Gruppe auf engem Raum über diesen langen Zeitraum gut miteinander arbeiten kann und wie sich die Gruppendynamik in der Isolation entwickelt. Diese Erfahrung wollte ich gern selber machen, als sie nur in Berichten zu lesen.
Wie war es für Sie dort, ein Jahr lang auf so engem Raum, abgeschlossen vom Rest der Welt zu leben?
Spannend und anstrengend. Die psychische Belastung ist natürlich enorm während dieser Zeit, aber auf der anderen Seite hatten wir einen so engen Zusammenhalt zwischen manchen Crew-Mitgliedern, den man "auf der Erde" nicht kennt. Das Zusammenleben mit den anderen war so, wie man das aus dem normalen Leben kennt: Mit manchen kann man besser, mit anderen weniger gut. Man hat gute und man hat schlechte Phasen. Mir persönlich hat sehr gut gefallen, dass ich mit engen Freunden auf engem Raum gewohnt habe. Das hat uns sehr eng zusammengeschweißt. Dass man mit der restlichen Crew dann nicht so eng geworden ist, ist dann auch okay.
Habitat
Die Physikerin Christiane Heinicke (Mitte) war die einzige deutsche Teilnehmerin an diesem Nasa-Projekt. Bild: Zarm Fallturm-Betriebsgesellschaft mbH
Wie ist das denn, in solch einer Enge zu leben?
Gar nicht so schlimm: Rein physisch misst die Kuppel gerade mal elf Quadratmeter im Durchmesser und ist innen in zwei Geschosse aufgeteilt. Aber im Erdgeschoss man eine sehr hohe Decke über sich, die uns sprichwörtlich nicht auf den Kopf gefallen ist. Zum anderen sind wir durch unsere vielen Außeneinsätze immer mal rausgekommen und hatten dort eine riesengroße Weite. Bis zum Nachbarvulkan "Mauna Kea" liegen Dutzende Kilometer Sichtweite, die man hier in Deutschland nicht hat.
Was hat Ihnen dort besonders gefehlt?
Frisches Obst und insbesondere frische Himbeeren. Und dass man nicht spontan rausgehen konnte, ohne es vorher anzumelden und ohne sich den Raumanzug vorher anzuziehen. Darin kann man die Umgebung nicht spüren, wie die Sonne auf der Haut und den Wind im Gesicht. Zudem klingen die Geräusche draußen ganz anders. Man hört vor allem das Funkgerät und das Lebenserhaltungssystem. Jetzt wieder draußen zu sein, ist einfach großartig.
Habitat
Für jeden Gang nach draußen mussten die Astronauten in den Raumanzug steigen. Bild: Zarm Fallturm-Betriebsgesellschaft mbH
Gab es in dem Jahr auch ein emotionales Auf und Ab?
Auf und Ab trifft es nicht so ganz. Denn durch die Begebenheiten und die verzögerte Kommunikation mit der Außenwelt war unser genereller Rhythmus gar nicht so sehr tagesabhängig, sondern relativ lang. Aber davon abgesehen ist der typische Ablauf einer Mission so, dass alle am Anfang sehr euphorisch sind. Da ist alles neu und aufregend. In der Mitte gibt es einen Durchhänger und zum Ende hin freut sich jeder darauf, seine Familie bald wiederzusehen.
Worauf muss man beim Bau eines Habitats beziehungsweise einer Wohnanlage für den Mond oder den Mars achten?
Ganz wichtig ist, dass das Ganze funktionsfähig bleibt, wenn mal etwas schiefgeht. Dabei ist die Frage nicht, ob etwas schiefgeht, sondern wann. Es kann ein technischer Defekt eintreten, es kann ein Feuer ausbrechen oder es kann irgendetwas kontaminieren. Egal, was passiert, das Habitat muss immer funktionsfähig bleiben. Gerade beim Feuer ist das nicht mit den Bedingungen auf der Erde vergleichbar. Wenn es hier in einem Gebäude brennt, laufen die Menschen nach draußen. Anders auf dem Mond oder Mars, da kann man nicht einfach rauslaufen. Wenn also ein Modul brennt, muss es möglich sein, dass die Astronauten sich zu einem anderen Modul retten können.
Zudem müssen die verbauten Materialien den extremen Bedingungen im Weltall standhalten, insbesondere dem Druck, dem Staub auf dem Mond oder der Strahlung. Auf dem Mond gibt es ja quasi keine Wetter wie auf der Erde, sondern "Weltraumwetter". Das ist im Wesentlichen Weltraumstrahlung und die ist für den Menschen extrem schädlich. Das bedeutet, dass wir um das Habitat einen Schutz bauen müssen, wie einen Wall oder eine Mauer.
Dorf auf dem Mond / Moon Village
So stellen sich die Wissenschaftler der europäischen Raumfahrtagentur eine Siedlung auf dem Mond vor. Bild: Esa
Wie realistisch ist ein Moon-Village bis 2030?
Das ist schwer zu sagen. Aber ich bin mir sicher, dass es bald eine Basis auf dem Mond geben wird. Das kann in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten passieren. Die Entwicklung geht dahin, dass die Menschen andere Planeten bevölkern werden, zunächst den Mond, vielleicht den Mars und noch weiter hinaus. Der Mond im ersten Schritt ist da schon sehr realistisch. Wenn es für mich eine Chance gäbe, an einer solchen Mission teilzunehmen, wäre ich sofort dabei.

Autoren

  • Heike Kirchner
  • Anna-Lena Borchert Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. April 2018, 19.30 Uhr

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