Wussten Sie, dass man in Bremens Fallturm heiraten kann?

Der Fallturm gehört zu den Wahrzeichen Bremens. Er ist einzigartig und mehr als ein Labor für Weltraumforschung. Hier sind sieben spannende Fakten zu seinem Geburtstag.

Der Bremer Fallturm sieht aus wie ein überdimensionaler Bleistift, der in den Himmel ragt. Im Hintergrund ist das Uni-Gelände zu sehen.
Eine Höhe von 146 Metern macht den Fallturm Bremen zum einzigen Labor dieser Art in Europa. Bild: Radio Bremen

Er ist nicht zu übersehen: Mit seien 146 Metern überragt der Fallturm den Bremer Dom um 50 Meter. Wissenschaftsteams aus aller Welt können im Fallturm – oder Englisch: Drop Tower – Experimente im freien Fall und damit nahezu in Schwerelosigkeit machen. Weil – wie übrigens sogar auch auf der Internationalen Raumstation im Weltall – immer noch kleinstes Kräfte wirken, sprechen Experten von Mikrogravitation. Daher auch der Name des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM).

Am 28. September 1990 um exakt 15:30 Uhr wurde laut ZARM "der Startknopf für eine europaweit einzigartige Forschungsanlage gedrückt". Seither wurden dort fast 9.000 Experimente durchgeführt. Am Sonntag wollte das ZARM den 30. Geburtstag des Turms mit einem Tag der offenen Tür begehen, der nun 2021 im Rahmen der 50-Jahr-Feier der Universität Bremen nachgeholt werden soll. Stattdessen liefert das ZARM diese Woche via Twitter einen Blick hinter die Kulissen.

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Und um gut für einen wissenschaftlichen Smalltalk zum Jubiläum gewappnet zu sein, hier sieben erstaunliche Fakten zu Bremens Riesenbleistift.

1 Experimente in großen Dosen: Es geht nicht nur nach unten

120 Meter geht der Blick in die orange-gelbe Röhre des Fallturms hinauf.
Der Blick von unten in die 120 Meter lange Fallröhre: Mit bis zu 9,3 Sekunden Experimentzeit ist der Fallturm einzigartig auf der Welt. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Gerade mal 4,74 Sekunden dauert der Fall in der luftleeren Röhre des Turms, bis die Kapsel mit dem Experiment unten in einem großen Behälter mit kleinen Styroporkügelchen einschlägt. Weil das wirklich wenig Zeit ist, gibt es ein Katapultsystem, mit dem die Kapsel, die aussieht wie eine telefonzellengroße Getränke-Dose, zunächst von unten nach oben geschleudert wird. Bis zu knapp 170 Stundenkilometer wird das Geschoss dabei schnell. Die Ingenieure müssen dabei immer aufpassen, dass das Katapult richtig eingestellt ist. Sonst würde die Kapsel durchs Dach krachen. Auf jeden Fall verlängert sich auf diese Weise die Dauer des freien Falls auf 9,3 Sekunden. Für das Experiment selbst spielt es keine Rolle, ob es nach unten oder nach oben "fällt".

2 Überraschend: Wie sich Feuer in Schwerelosigkeit verhält

Ein Experiment aus viel Technik wird in einem Regal für den Versuch vorbereitet.
Beim Experiment HYDRA wird untersucht, wie die Verbrennung von flüssigen Sauerstofftröpfchen in einer Wasserstoffumgebung unter Mikrogravitation funktioniert. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Weil der Fallturm so gute Forschungsbedingungen bietet, kommen Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Bremen. Es geht bei ihren Experimenten um Astrophysik, Biologie, Chemie, Verbrennungsforschung, Strömungsmechanik, Fundamentalphysik und Materialwissenschaften. Auch Technologietests für Weltraumeinsätze werden hier durchgeführt. Eine Frage, mit der sich auch Bremer Forscher beschäftigen: Wie verhält sich eigentlich Feuer in Schwerelosigkeit? Die Flamme ist dann kugelrund. Erstaunlicherweise brennen Materialien im freien Fall besonders gut, die auf der Erde unter normalen Bedingungen kaum zu entzünden sind. Das kann insbesondere wichtig werden für künftige Weltraum-Missionen: Gerade für längere Flüge wie etwa zum Mars dürften die Erkenntnisse eine entscheidende Rolle spielen.

3 Bald ein kleiner Geschwister-Turm für noch mehr Experimente

Zwei oder drei Experimente lassen sich pro Tag im Fallturm durchführen. Die Fallröhre luftleer zu pumpen und so ein Vakuum herzustellen, dauert einfach seine Zeit. Deshalb wurde ein kleines Geschwisterchen gebaut – direkt neben dem großen Turm – und auf den Namen "GraviTower Bremen Pro" getauft. Da soll es Schwerelosigkeit dann auch ohne Vakuum geben. Bis zu 100 Experimente sind dann täglich möglich. Die Fallzeit beträgt zwar nur 2,5 Sekunden, aber oftmals reicht das. Der 16 Meter hohe Minifallturm wird gerade für den Betrieb vorbereitet und soll Anfang 2021 an den Start gehen.

4 Das Ja-Wort in Bremens höchster Hochzeits-Location

Mit Sektgläsern wird auf eine Hochzeit auf dem Fallturm in Bremen angestoßen.
"Hoch-Zeit" wörtlich genommen: Im Fallturm kann man auch heiraten. Bild: Zarm; Universität Bremen

Die gläserne Panorama-Lounge in der Fallturmspitze kann man für Veranstaltungen mieten. Viel Platz ist nicht, maximal 14 Personen dürfen dabei sein. Und seit 2014 kann man in der Fallturmspitze auch heiraten. Es gibt ein eigenes Trauzimmer in 130 Meter Höhe. 150 Paare haben sich dort schon das Ja-Wort gegeben. Trotz Corona ist das in kleinem Rahmen auch jetzt wieder möglich. Wichtig ist: Die Gäste sollten einen guten Gleichgewichtssinn haben. Der Turm schwankt bei starkem Wind, als wäre man auf einem Schiff. Ein sicherer Stand ist von Vorteil – insbesondere beim Sektempfang.

5 Gefiederte Besucher ziehen Nachwuchs auf dem Turm groß

Ein Wanderfalke sitzt in seinem Nest.
Ein besonderer Gast: Im Fallturm nisten immer wieder Falken. In diesem Jahr hat hier ein Wanderfalkenpaar seine Jungen aufgezogen. Bild: Zarm; Universität Bremen

Immer wieder haben sich Turmfalken den Fallturm als Nistplatz ausgesucht. In diesem April kamen besondere Gäste. Ein Wanderfalkenpaar hat sein Nest im Turm bezogen. Von ursprünglich drei Küken haben zwei überlebt. Die Jungfalken bleiben etwa fünf bis sieben Wochen bei ihren Eltern und jagen gemeinsam mit ihnen. Dann ist es an der Zeit, die Kinderstube zu verlassen und ein eigenes Revier zu suchen. Die Eltern bleiben meist in der Nähe und überwintern hier auch. Wanderfalken sind mit Spitzengeschwindigkeiten von 320 Stundenkilometern die schnellsten Tiere – und damit sogar schneller als die Experimentkapsel in der Fallröhre.

6 Kunst im Keller: A. R. Penck hat sich an den Wänden verewigt

Der Fallturm ist ein einzigartiges Forschungsgebäude – von der Spitze bis zum Keller. Dort, wo das Katapult eingebaut ist, hat sich der Künstler A. R. Penck kreativ betätigt. Auf den grauen Betonmauern hat er bunte Akzente gesetzt. Um sein Werk nicht zu zerstören, wurden Stahlstreben sogar um die Malereien herum montiert. Bilder davon dürfen wir hier nicht zeigen. Penck wollte einen geheimen Ort der Kunst schaffen. Seine Bilder bleiben den wenigen vorbehalten, die in den Katakomben des Fallturms arbeiten. Und vielleicht den Menschen, die den Fallturm in Tausenden von Jahren vielleicht wieder ausgraben...

7 Ab jetzt Zugaben: Turm nur für 30 Jahre konstruiert

Der wissenschaftlich-technische Leiter des ZARM blickt vom Boden der Röhre des Fallturms nach oben.
Christian Eigenbrod war schon vor 30 Jahren im Team. Er ist wissenschaftlich-technischer Leiter. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Und damit kommen wir zum letzten Punkt. Beim Bau wurde der Fallturm auf 30 Jahre ausgelegt. Er hat sich gut gehalten. Und bestimmt lassen sich noch einige Jahre dranhängen. Weltweit würde das Forscher freuen, die meist mindestens ein Jahr auf ein paar Sekunden Schwerelosigkeit warten. Ab jetzt ist jedes Experiment wie eine Zugabe.

Autor

  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Cosmo, 27. September 2020, 18:40 Uhr