Infografik

Klassische Infektionskrankheiten in Bremen so selten wie lange nicht

Windpocken, Durchfall, Grippe: Drängen die Corona-Schutzmaßnahmen die klassischen Infektionskrankheiten zurück? Zahlen aus Bremen deuten darauf hin.

Eine Frau liegt krank im Bett und greibt nach Medikamenten auf dem Nachttisch.
Im Corona-Jahr 2020 sind die Bremer Fallzahlen bei den klassischen Infektionskrankheiten auf historische Tiefstwerte gesunken. (Symbolbild) Bild: Imago | photothek

Infektionskrankheiten in Deutschland sind meldepflichtig. Das heißt, wer zum Beispiel an Grippe, Masern oder Corona erkrankt, wird statistisch beim Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst. Abstandsregeln, Maskenpflicht und Lockdown haben die Statistik 2020 nun deutlich beeinflusst. So meldete das RKI Anfang Januar, dass nach dem März-Lockdown die Zahl der gemeldeten Infektionserkrankungen in Deutschland allein bis August um rund 35 Prozent niedriger lag als es die Zahlen vom Januar 2016 bis Februar 2020 erwarten ließen.

Bremen ist da keine Ausnahme. Recherchen von buten un binnen zufolge fielen die vom Land an das RKI gemeldeten Fallzahlen im Jahr 2020 bei vielen Infektionskrankheiten auf historische Tiefstwerte.

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So wurde die Durchfallerkrankung Campylobacter-Enteritis im vergangenen Jahr so selten gemeldet wie seit zwanzig Jahren nicht. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Fallzahl 2020 um rund ein Drittel von 457 auf 310 gemeldete Fälle.

Auch die Infektionen mit Noroviren, die Gastroenteritis verursachen, also Brechdurchfall, sind 2020 deutlich auf 210 gemeldete Fälle zurückgegangen. Zum Vergleich: In den Jahren 2018 und 2019 waren es jeweils mehr als 600 Fälle. Bei Rotavirus-Infektionen, die ebenfalls den auch als Magen-Darm-Grippe bezeichneten Brechdurchfall verursachen, wurden für 2020 nur 57 Fälle gemeldet. In den Jahren zuvor war die Fallzahl stets dreistellig.

Rückgang durch Lockdown

Fälle von Salmonellen und Windpocken wurden im vergangenen Jahr ebenfalls so selten gemeldet wie noch nie seit Beginn der Statistik im Jahr 2001. Darüber hinaus sanken die gemeldeten Keuchhusten-Fälle im Vergleich von 2019 zu 2020 deutlich von 89 auf 69.

"Es ist tatsächlich so, dass sich in Bremen derzeit weniger Menschen anstecken als sonst", sagt Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen. Denn viele Krankheiten würden genauso übertragen wie die Covid-19-Erkrankung. So wie die Ärztin, begründet auch das Robert-Koch-Institut den Rückgang unter anderem damit, dass Maßnahmen wie Schul- und Kitaschließungen, Homeoffice, Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen und Handhygiene die Übertragung von Atemwegs- und Magen-Darm-Erregern von Mensch zu Mensch verhindert hätten. Dies gelte für die Grippe ebenso wie für andere Infektionskrankheiten.

Nicht alle Fallzahlen sanken 2020

Doch nicht alle Infektionskrankheiten waren 2020 auf dem Rückmarsch. Bei Masern und Tuberkulose stieg die Zahl der gemeldeten Fälle den RKI-Zahlen zufolge in Bremen sogar leicht an.

Vergleichsweise moderat scheint auf den ersten Blick auch der Rückgang gemeldeter Influenza-Fälle, also der Grippe, zu sein. So wurden in Bremen und Bremerhaven 2020 in Summe 374 saisonale Influenza-Fälle gemeldet. Zum Vergleich: 2019 waren es 408.

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Der genaue Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass die meisten jährlichen Influenza-Ansteckungen auf die Grippe-Saison entfallen. Und diese hatte auch 2020 im Februar und März ihren Höhepunkt – also zum Beginn der Corona-Pandemie. Auffällig ist dabei, dass die Grippesaison im Vergleich zu den Jahren 2018 und 2019 im Corona-Jahr 2020 früher endete als sonst – und zwar unmittelbar nach dem ersten Lockdown im März 2020.

Experten rechnen mit flacher Grippe-Kurve

Experten überrascht das nicht. "Wir sehen, dass das Maskentragen wirkt", sagt der Bremer Lungenarzt Marcus Berkefeld. "Wir haben kaum Lungenkrankheiten, weil es in diesem Jahr diese Infekte nicht gibt." Für die anstehende Grippesaison rechnet er ebenfalls mit einer flacheren Kurve als sonst. "Wir sehen das auch in Australien, die immer Vorläufer sind. Dort gab es in dieser Saison nur wenige Grippefälle."

Auch Ärztekammer-Präsidentin Gitter rechnet mit weniger Grippe-Infektionen als üblich. Schon deshalb, weil in diesem Jahr mehr Grippe-Impfungen durchgeführt worden seien als in den vergangenen. Noch jetzt sei es dafür nicht zu spät, sagt sie. "Meine Bitte wäre, nochmal zum Hausarzt zu gehen und sich impfen zu lassen."

Sind wir durchs Maskentragen seltener erkältet?

Video vom 9. Dezember 2020
Eine Frau putzt sich die Nase
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 14. Januar 2020, 23:30 Uhr