Infografik

Was Bremens Stadtmauer mit Wichteln und Wickeltischen zu tun hat

Die alte Bremer Stadtmauer prägt Bremen bis heute. Welche Straßen und Orte das verraten und was das mit Schweinen und dem Weihnachtsmann zu tun hat, verraten wir hier.

Video vom 5. November 2019
Die Überreste der Bremer Stadtmauer in der Grube einer Baustelle.
Bild: Radio Bremen
Freigelegte Stadtmauer auf der Baustelle Harms Am Wall
Freigelegte Stadtmauer auf der Baustelle Harms am Wall. Bild: Radio Bremen | Rebecca Küsters

Fest steht: die Mauer muss weg. Doch fest steht auch: Die Mauer soll bleiben. Wohin die auf der Baustelle am Wall freigelegten Halbturmfundamente der mittelalterlichen Bremer Stadtmauer gebracht werden, ist zwar noch offen. Dass Dieter Bischop möglichst viel von dem retten darf, was da im Erdboden unter dem abgerissenen Kaufhaus Harms am Wall schlummert, darüber herrscht jedoch Einigkeit.

"Denn das hier ist wirklich etwas Besonderes", sagt der Bremer Landesarchäologe, der mit seinem Team jede freie Minute am Fundort verbringt. Denn es ist wohl die letzte Möglichkeit, jemals einen der mehr als 700 Jahre alten Mauertürme zu sehen, die Bremen einst umgaben.

Ein Tor für Viehhirten, eins für den Klerus

Die Bedeutung des mittelalterlichen Baus lässt sich bis heute im Stadtbild ablesen. Zwar müssen sich die Bremer Bürger nicht mehr mit fünf Meter hohen und anderthalb Meter breiten Mauern gegen Feinde verteidigen. Dennoch erinnern die Namen von Straßen und Vierteln noch immer an den mittelalterlichen Backsteinbau und seinen einstigen Verlauf.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Denn wer in die Stadt hinein und aus ihr hinaus wollte, musste seit dem 13. Jahrhundert jene Stadttore passieren, deren Namen vielen Bremern bis heute geläufig sind. Eines der ersten urkundlich erwähnten war 1229 das Herdentor, durch das die Viehherden aus der Altstadt auf die Bürgerweide getrieben wurden, um zu grasen. An die Säue – oder "Söge" – erinnert seit 1974 der bronzene Schweinehirt und seine Herde in der Sögestraße, die in Richtung Herdentor und Herdentorsteinweg unterwegs sind.

Das Bischofstor, das nur einen Steinwurf von der aktuellen Fundställe am Wall entfernt lag, diente hingegen dem Klerus als kleiner Durchlass in den Bremer Dombezirk. Schon damals wurde das Tor als Bischofsnadel bezeichnet. Den Straßennamen gibt es bis heute.

22 Türme zierten den rund fünf Meter hohen Bau

Figurengruppe "Schweinehirt und seine Herde" in der Bremer Sögestraße.
Der "Schweinehirt und seine Herde" ist seit 1974 auf dem Weg in Richtung zum Herdentor. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Nach anderen Stadttoren wurden später ganze Viertel benannt. Das 1238 erstmals erwähnte Ostertor, durch das sich Bremer in Richtung Osten über den Ostertorsteinweg auf den Weg ins Umland machten, prägt bis heute den Namen eines der bekanntesten Bremer Stadtviertel. Seit 1307 erweiterten die Bürger die Befestigung dann, um auch das neue westliche Vorstadtviertel, damals als Steffensstadt bezeichnet, um die damalige Stephani-Kirche zu sichern.

Insgesamt zierten die von der Weser aus halbkreisförmig um die Stadt errichtete Ringmauer in dieser Zeit 22 Türme. Der Bau selbst war rund 1,20 Meter dick und fünf Meter hoch. Außerdem besaß er einen hölzernen Laufgang und Schießscharten für Armbrust- und Bogenschützen.

Vom Weihnachtsladen zum Fangturm

Teil der historischen Bremer Stadtmauer im Geschäft Weihnachtsträume im Schnoor hinter einem dekorierten Weihnachtsbaum.
Ein Mauerstück aus dem 13. Jahrhundert steht auch im Weihnachtsladen im Schnoor. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooss

Reste der einstigen Befestigung finden sich bis heute in der Altstadt. Wer beispielsweise im Schnoor das Bremer Geschäft "Weihnachtsträume" betritt, dem blinken und winken dort nicht nur Lichterketten, Wichtel und Weihnachtsmänner entgegen. An der Rückwand des bei Touristen beliebten Geschäfts findet sich auch ein großes Mauerstück aus dem 13. Jahrhundert. "Seit Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Mauer nicht mehr zur Stadtverteidigung gebraucht wurde, haben die Bremer Bürger sie direkt als Wände in ihre Häuser eingeplant", sagt Stadtarchäologe Bischop.

Neben solchen oberirdischen Zeugnissen gibt es jedoch auch jene, die mit der Zeit überbaut worden sind. So erinnert seit 2014 eine Plakette und ein ins Straßenpflaster eingelassener Grundriss mit rund acht Metern Durchmesser an den Bremer Fangturm zwischen Jugendherberge und Brill. Er lag einst außerhalb der Bremer Festungsanlage. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde er aber in die auf das Stephani-Viertel ausgeweitete Stadtmauer integriert. "Als er in den 1920er wiederentdeckt wurde, fanden die Ausgräber dort sogar Skelette", sagt Bischop. Der Turm, der wohl einst zur Verteidigung außerhalb der Stadt errichtet worden war, wurde daraufhin als Gefängnis genutzt – und erhielt so seinen Namen.

Windeln wechseln auf der Stadtmauer

Ein Teil der alten Bremer Stadtmauer im Keller eines Hotels in Bremen.
Das Bremer Hotel ÜberFluss hat die Mauer 2003 in den Neubau integriert. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooss

Eine weitere bedeutende Fundstelle liegt nur ein paar Meter entfernt. Dort, wo seit 2003 das Bremer Designhotel "ÜberFluss" errichtet wurde, sicherte vor Jahrhunderten die mittelalterliche Mauer sowie einige massive Gebäude die Stadt.

Hotelgäste kommen an diesen Funden nicht vorbei. Denn die Mauerreste sind unter anderem in die Sauna- und Wellness-Landschaft des Hotels eingebunden. Und Gäste, die ihr Kind wickeln wollen, können dies im Untergeschoss auf einem originalen Stadtmauerabschnitt tun.

"Unter dem Hotel liegen drei massive Häuser nah aneinander, die einst Teil der Befestigung waren", sagt Bischop, der 2003 zu den Ausgräbern gehörte. Denn die rund 10.000 bis 15.000 Stadtbewohner, die Bremen am Anfang des 13. Jahrhunderts zählte, verwalteten sich selbst. Die Stadtmauer zu bauen und zu unterhalten, das sei zu jener Zeit auch eine Aufgabe der Bürger gewesen, sagt Bischop. "Dafür musste jeder Geld geben oder selbst Hand anlegen."

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 29. Oktober, 14:00 Uhr