Lange vor "Alexa": Bremer brachte Computern das Sprechen bei

Die erste Sprachassistentin gab es schon lange vor Amazons "Alexa". Der heute vor zehn Jahren verstorbene Joseph Weizenbaum erfand "Eliza" - die "Psychotherapeutin".

Joseph Weizenbaum
Computer-Experte und Philosoph zugleich: Joseph Weizenbaum war ein Pionier der Computertechnologie und zugleich ein Kritiker der künstlichen Intelligenz. Bild: DPA | Computermuseum Paderborn

Der Professor mit den schulterlangen weißen Haaren, der Brille und dem Schnauzbart hat dafür gesorgt, dass wir heute mit unseren Smartphones sprechen können. Wenn wir das Handy nach ihm fragen, erhalten wir – gern auch vorgelesen – folgende Informationen: "Joseph Weizenbaum ist ein deutsch-US-amerikanischer Informatiker sowie Wissenschafts- und Gesellschaftskritiker."

Der überraschende Eliza-Effekt

1966 entwickelt er den ersten Sprachassistenten, der eigentlich eine Assistentin ist: Sie heißt "Eliza" und kann Dialoge führen mit durchaus menschlichen Zügen. Dabei unterhielten sich Probanden im Chat mit einer virtuellen Psychotherapeutin. Das klang in etwa so:

Benutzerin: "Ich brauche Hilfe."
Eliza: "Was würde es Dir bringen, wenn Du Hilfe bekommst?"
Benutzerin: "Vielleicht könnte ich lernen, mit meiner Mutter auszukommen."
Eliza: "Erzähl mit mehr über deine Familie."

Tatsächlich beantwortet Eliza fast nie Fragen, sondern nutzt nur Schlüsselbegriffe, um damit Gegenfragen oder Aufforderungen zu formulieren. Dennoch fühlt sich ein Großteil der Testpersonen von der Maschine verstanden. Viele amerikanische Psychotherapeuten hoffen bereits, mit Unterstützung von Eliza noch mehr Patienten behandeln zu können. Dagegen ist Weizenbaum nicht besonders stolz auf sein Programm. Er ist sogar erschüttert darüber, wie leichtfertig Probanden dem Computer gegenüber Privates preisgeben.

Da habe ich angefangen mir Sorgen zu machen: Also, wenn so ein einfaches Programm solch eine Illusion auslösen kann, dann muss man sich fragen, was wir hier eigentlich machen.

Joseph Weizenbaum

In den folgenden Jahren wird Weizenbaum, der am renommierten Massachusetts Institut of Technology (MIT) forschte, immer mehr zum Computer- und Gesellschaftskritiker: zum Mahner vor unreflektierter und überbordender Hightech-Euphorie. Er sagt voraus, dass der Computer bald überall sein wird. "Irgendwann werden wir gar nicht mehr darüber nachdenken", warnt er. Diese Befürchtungen veröffentlicht er 1977 in seinem bekanntesten Buch: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft".

Joseph Weizenbaum
Das Internet ist nach Ansicht von Weizenbaum ein "Schrotthaufen" und verführt die Menschen zur Selbstüberschätzung.

Nach seiner Zeit am MIT kehrt Weizenbaum, der mit seiner jüdischen Familie 1938 vor den Nazis floh und in die USA emigrierte, zurück nach Deutschland. Es folgen Gastprofessuren in seiner Geburtsstadt Berlin, in Freiburg und an der Universität Bremen. Seine Zeit in der Hansestadt gefiel ihm "außerordentlich gut".

Der Informatiker war auch oft zu Gast bei Radio Bremen. Ende der 1990er Jahre sprach er mit einem buten un binnen-Moderator über die neuen Möglichkeiten des gerade aufkommenden Internets. Dies sei vor allem bei jungen Menschen sehr beliebt und für viele eine billige Möglichkeit, weltweit Kontakte zu pflegen. Auf die Frage, ob Weizenbaum selbst einen Internetanschluss habe, gab er an, dass er jeden Tag online sei – manchmal für mehrere Stunden. Es fasziniere ihn, dass Leute aus Deutschland jetzt mit Australien kommunizieren können. Aber wichtig sei doch, ob sie noch mit ihren Nachbarn sprechen.

Die Universitäten Bremen und Hamburg verliehen diesem genialen und besonnenen Computerwissenschaftler die Ehrendoktorwürde. Gestorben ist Joseph Weizenbaum im Alter vom 85 Jahren – am 5. März 2008.

  • Tobias Nagorny
  • Heike Kirchner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik 5. März 2018, 7:50 Uhr