Warum die Bremer früher tiefer gelebt haben

Im Mittelalter spielte sich das Leben in Bremen nicht nur wesentlich tiefer ab als heute – die Friedhöfe wurden gleichzeitig auch als Marktplatz genutzt.

Kupferstich von 1641, der den Bremer Marktplatz zeigt.
Heute liegt der Marktplatz rund eineinhalb Meter höher als noch im Mittelalter. Bild: Matthäus Merian

In Bremen gibt es viele Baustellen, und in regelmäßigen Abständen stoßen die Arbeiter beim Buddeln auf zwei Dinge: Weltkriegsbomben und altes Gemäuer. Von letzterem geht keine Gefahr aus, für Archäologen wie Dieter Bischop ist es aber von ganz besonderem Wert. Sein Job ist es, alte Backsteine, Knochen oder Scherben als Funde aufzunehmen, zu analysieren und damit für die Nachwelt zu bewahren.

Bischop und das Team der Landesarchäologie setzen mit jedem Fund ein neues Puzzlestück in das Gesamtbild des Bremens vergangener Tage. Manche Dinge sind noch unklar, fest steht jedoch: Im Mittelalter hat sich das Leben in der Stadt an vielen Stellen eine Etage tiefer abgespielt. Am historischen Marktplatz zum Beispiel liegen die Überreste des 13. Jahrhunderts etwa einen Meter fünfzig unter den heutigen Straßenbahnschienen. "Wenn man heute auf dem alten Marktplatzpflaster stehen würde, dann würde man so gerade noch rausgucken mit dem Kopf", sagt der Archäologe.

Das Bremer Stapelprinzip

Bremer Landesarchäologe Dr. Dieter Bischop
Dieter Bischop vervollständigt mit jeder Ausgrabung das Bild der Bremer Vergangenheit.

Die Gründe dafür sind simpel: Alles, was früher so kaputt gegangen ist, wurde nicht etwa aufwendig entfernt und aus der Stadt gebracht. Ein Straßenverkehrsamt gab es damals noch nicht, und so wurden morsche Balken, Steine, Mist oder Müll einfach an Ort und Stelle belassen. Neue Straßenbeläge oder Häuser wurden dann einfach obendrauf gebaut – und so hat sich das Stadtbild mit den Jahren stetig erhöht.

Auch Abfälle oder Exkremente wurden schlicht vor der eigenen Haustüre abgeladen – und zusammen mit anderem Schutt für den Bau neuer Häuser benutzt. Das gängige Ziel war, höher als zuvor zu wohnen. In unmittelbarer Nähe zur Weser ein sinnvolles Anliegen. "So hat man sich dann gezielt den Müll der Nachbarn rangeholt, um darauf zu bauen", sagt Bischop.

Von wegen Totenruhe

Nicht nur beim Hausbau schien es den Bremern relativ egal gewesen zu sein, was sich unter ihren Füßen befand. Ein weiteres Beispiel dafür sind die mittelalterlichen Friedhöfe, die – wohl aus Platzmangel – gleichzeitig als Märkte genutzt wurden.

Blumenmarkt an der Liebfrauenkirche in Bremen.
Da, wo heute Blumen verkauft werden, gab es auch im Mittelalter schon einen Markt – und den größten Friedhof der Stadt.

Der Liebfrauenfriedhof war im Mittelalter der größte Friedhof der Stadt. Nicht selten kollidierten Beerdigungen mit dem wuseligen Marktgeschäft. Fundstücke belegen: Auch direkt auf den Gräbern muss es damals Verkaufsstände gegeben haben. Das Problem dabei: Die vielen Gräber sind nicht selten zusammengesackt. "Wir wissen, dass Schweine die Verstorbenen teilweise wieder herausgeholt haben", sagt der Archäologe. Erst nach 1800, unter Napoleon, wurden die Friedhöfe aus der Innenstadt verbannt.

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Februar 2018, 23:20 Uhr