Interview

Bremen plant Schulstart: Können wir von anderen Bundesländern lernen?

Diese Woche kehren Bremens Schüler in ihre Klassenräume zurück. Andernorts hat der Schulbetrieb bereits angefangen. Ein Bildungsforscher bewertet Bremens Pläne.

Video vom 24. August 2020
Ein Schulflur mit Schülern die Masken tragen.
Bild: Radio Bremen

Ab Donnerstag sollen die Schulen in Bremen und Bremerhaven in den Regelbetrieb zurückkehren. Der Senat plant eine Maskenpflicht ab der 5. Klasse, allerdings nicht im Unterricht. In anderen Bundesländern hat die Schule schon wieder begonnen. Vereinzelt meldeten die Länder Infektions-Fälle, Quarantänen wurden verordnet. In Frankfurt am Main soll jetzt wegen der steigenden Corona-Fälle zumindest an weiterführenden Schulen ein Mund-Nasen-Schutz auch im Unterricht getragen werden. Ob Bremen aus diesen jüngsten Erfahrungen etwas lernen kann, darüber sprach buten un binnen mit Till-Sebastian Idel, Professor für Schulpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Herr Idel, in vielen Bundesländern haben die Schulen bereits wieder geöffnet. Wie fällt die Bilanz aus?
Es gibt in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Regelungen, was Kontaktbeschränkungen und das Tragen der Masken angeht. Es gab vereinzelte Schließungen von Lerngruppen oder Schulen, aber den großen Ausbruch haben wir noch nicht gehabt. Es gab glücklicherweise noch keine Horrormeldungen.
Kann Bremen aus den bisherigen Erfahrungen in den anderen Bundesländern irgendwelche Lehren ziehen?
Stand jetzt plant Bremen, die Masken nicht im Unterricht tragen zu lassen, dafür aber in den Fluren. Dazu wird mit festen Kohorten gearbeitet und es kann individuell entschieden werden, ob Lehrkräfte Masken im Unterricht anlegen wollen. Ich würde den entscheidenden Punkt beim Tragen der Masken im Unterricht sehen. Soll die Pflicht in den Unterricht hinein gelten oder nicht?
Viele Diskussionen drehen sich gerade bundesweit tatsächlich um die Maskenpflicht. Wie sehen Sie die verschiedenen Positionen – als Bildungsforscher?
Ein Unterricht, der viel auf Kooperation und Zusammenarbeit setzt, ist natürlich mit Abstandsgebot und Maskenpflicht schwierig, das ist klar. Daher begrüße ich das Konzept der Bildungsbehörde, das zunächst mal einen regulären Unterricht ohne Maske vorsieht. Andererseits muss man das Risiko abschätzen, was man sich einhandelt, wenn man darauf verzichtet. Bedingungen herzustellen, die optimal sind, wird sicherlich nicht an allen Schulen möglich sein. Nehmen wir etwa die Belüftung: Es kommt auf die räumlichen Verhältnisse in der Schule an, die Größe der Klassenzimmer, wie nah sie an befahrenen Straßen liegen. Dann macht es vielleicht eher Sinn, die Masken im Unterricht nicht abzulegen, auch um die Infektion von Lehrkräften zu vermeiden. Mir erscheint genau in solchen Situationen das Maskentragen geboten zu sein.
Sie wären also für eine Maskenpflicht auch im Unterricht?
So generell würde ich das jetzt nicht sagen. Wie gesagt, ich bin dafür, dass man verantwortlich mit Blick auf die Bedingungen in den Schulen vor Ort handelt. Genauso wie das Abstandsgebot erinnert uns die Maske daran, dass das Virus da ist. Man muss sich gerade jetzt zum Schulstart und auch mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen klar machen, dass wir in einer ziemlich labilen Situation sind. Vielleicht macht es gerade deswegen Sinn, am Anfang strenger zu verfahren. Und dann, wenn man mehr Erfahrung gesammelt hat, könnte man schauen, dass wieder gelockert wird. Natürlich ist ein Unterricht, in dem sich Schüler und Lehrer sehen, ganz wichtig. Andererseits ist das Risiko auch sehr hoch.
Außerdem ist natürlich relevant, dass die Gruppen überschaubar sind. Vor allem für Lehrer an weiterführenden Schulen, die zu einer größeren Zahl von Schülern Kontakt haben. Man muss auch auch die Gesundheit der Lehrkräfte schützen.
In Berlin und Brandenburg waren Eltern offenbar verwirrt, weil nach Corona-Fällen einige Schulen geschlossen wurden und in anderen nur Quarantänen verordnet worden sind. Was würden Sie der Politik empfehlen, wenn es um Kommunikation mit den Schulen und den Eltern geht?
Ich würde sagen, dass Transparenz total wichtig ist. Alle Beteiligten sollten so früh wie möglich informiert werden. Das ist in so einer dynamischen Lage nicht einfach, aber es wäre wichtig, dass die Schulen so schnell wie möglich von den Behörden wissen, welche Hygiene- und Schutz-Konzepte gelten und wie im Fall von Infektionen zu verfahren ist. Die Bremer Behörde hat das Konzept für den Schulstart bereits Mitte Juli vorgelegt. Und die Schulleitungen müssen diese Informationen den Eltern natürlich rasch mitteilen.
Finden Sie also sinnvoll, jetzt in den Regelbetrieb zurückzugehen?
Zunächst würde ich sagen, dass es keine Alternative dazu gibt, die Schulen wieder in den Präsenzunterricht zu überführen. Natürlich kombiniert mit dem digitalen Unterricht, hier ist Bremen mit der Lernplattform "itslearning" Vorreiter gewesen. Auch um zu verhindern, dass der Einfluss der sozialen Herkunft stärker wird: Kinder, die digital nicht so gut ausgestattet sind oder von den Eltern nicht ausreichend unterstützt werden können, riskieren sonst weitere Nachteile. Aber nicht nur das: Die Schule ist auch ein zentraler Ort in der Lebenswelt der Schüler. Dort treffen sie ihre Freunde, tauschen sich mit anderen über ihre Familien hinaus. Sie hat eine Sozialisationsfunktion. Sie ermöglicht soziales Lernen und wechselseitige Unterstützung. Das wird in der aktuellen Diskussion oft vergessen, weil man sich eher auf die schulischen Leistungen konzentriert.
Kann die Schule aber mit all den Corona-Maßnahmen wirklich zu einem Ort der Sozialisation werden und diese Funktion erfüllen?
Ja, das kann man durchaus in dieser Corona-Krise herstellen. In dem Moment, wo die Kinder in Präsenz sind, sind sie auch zusammen in der Pause. Sie können sich austauschen. Und auch das Verhältnis zu ihren Lehrern bekommt die Beziehungskomponente zurück, die unbedingt notwendig ist.

Wie gut ist Bremen auf den Schulstart mit Corona-Auflagen vorbereitet?

Video vom 19. August 2020
Die Stühle in einem leeren Klassenzimmer sind zum Wischen hochgestellt.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. August 2020, 19:30 Uhr