Interview

Bremer Forscher: Reihentests und mehr Personal für Pflegeheime

Wissenschaftler der Universität Bremen haben die Probleme von Pflegeheimen und Pflegediensten in der Corona-Krise untersucht. Diese Lösungen schlagen sie nun vor.

Eine Mitbewohnerin eines Pflegeheims fährt mit ihrem Rollstuhl in die Kantine (Symbolbild)
Menschen in Pflegeheimen sind laut einer aktuellen Studie besonders stark von Corona gefährdert. Bild: DPA | Marcel Kusch

Die meisten Corona-Toten in Bremen gab es bislang unter Pflegebedürftigen, das zeigen die Daten des Gesundheitsamtes. Dass Pflegeeinrichtungen in der Corona-Krise vor besonderen Herausforderungen stehen, ist längst bekannt. Wissenschaftler der Universität Bremen wollten genau wissen, wo die größten Probleme liegen und haben über 1.500 Pflegeheime und -dienste bundesweit im vergangenen Monat befragt. Es soll die erste deutschlandweite Studie dieser Art in einer solchen Größenordnung sein. Über die Ergebnisse berichten die Forscher Karin Wolf-Ostermann und Heinz Rothgang im Interview mit buten un binnen.

Frau Wolf-Ostermann, können Sie die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammenfassen?
Sehr prägnant ist, dass wir im Verhältnis zur Zahl der Infizierten sehr hohe Totenzahlen unter den Pflegebedürftigen haben – sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Aber auch die Pflegekräfte haben ein viel höheres Risiko zu erkranken als der Durchschnitt der Bevölkerung: doppelt so hoch bei den Pflegediensten und sechsmal so hoch in den Pflegeheimen. Außerdem können Heime, wenn sie von Corona betroffen sind, schnell zu Hotspots werden. Und im ambulanten Bereich muss man feststellen, dass die Versorgung schlichtweg gefährdet sein kann.
In den Medien ist oft über die Lage von Pflegeheimen berichtet worden. Pflegedienste sind dabei nicht selten in Vergessenheit geraten. Wie sieht die Lage für sie momentan aus?
Sobald wir im ambulanten Bereich und in ländlichen Verhältnissen sind, wird die Personaldecke dünn. Und während der Pandemie ist ein großer Teil der unterstützenden Maßnahmen weggebrochen. Das ist einfach ein großes Loch in der Versorgung, das keiner füllt.
Sowohl Beschäftigte als auch Bewohner haben also in Pflegeheimen und -diensten ein hohes Ansteckungsrisiko. Wie könnte man sie am besten schützen?
Rothgang: Wenn man schaut, was getan wird, damit das Virus nicht ins Heim kommt, dann sind es sehr drastische Zugangsbeschränkungen. Diese können wir aber nicht ein Jahr lang fortsetzen. Das wird nicht gehen. Man muss sich etwas anderes einfallen lassen. Hinzu kommt, dass laut unserer Befragung 60 Prozent der positiv Getesteten in den Pflegeheimen keine Symptome hatten. Das heißt: Man wird nicht umhinkommen, Reihentestungen zu machen.
Und es braucht mehr Personal: Jetzt haben wir im Schnitt eine Stunde mehr Aufwand für das Personal und keine Ehrenamtlichen mehr. Jetzt spitzt sich also die Situation zu. Auf dem Markt könnte man beispielsweise Assistenzkräfte noch kriegen. Was ich mir wünschen würde, wäre, dass man ordnungsrechtlich die Möglichkeit schaffen könnte, mehr Hände in die Einrichtungen zu bringen. Im Moment ist es so: Wenn Sie zehn zusätzliche Assistenzkräfte einstellen würden, würde Ihnen die Einrichtung geschlossen, weil die Fachkraftquote nicht eingehalten wird. Mehr Hände heißt also: Die Qualität wird schlechter. Das ist ein Witz.
Wolf-Ostermann: Und auch bundeseinheitliche Richtlinien sind von mehreren Einrichtungen erwähnt worden - sowie die Refinanzierung von Schutzkleidung.
Wie ist denn die Lage mit der Schutzkleidung?
Wolf-Ostermann: Zu Beginn der Pandemie haben Schutzkleidung und Desinfektionsmittel in mehr als der Hälfte der Einrichtungen schlichtweg gefehlt. Jetzt hat sich der Mangel reduziert. Aber in jedem vierten Pflegedienst hat es im Mai noch an Schutzkleidung gemangelt. Das finde ich viel.

Rothgang: Im stationären Bereich war es jedes sechste Heim.
Ihre Daten zeigen, dass knapp 19 Prozent der Heime Corona-Fälle unter den Mitarbeitern hatten, lediglich 12 Prozent hatten jedoch Fälle unter den Bewohnern. Herr Rothgang, bedeutet das, dass die Schutzmaßnahmen für die Bewohner zumindest zum Teil funktioniert haben?
Wir waren sehr vorsichtig mit der Interpretation. Sicherlich kann man sagen: Wenn es Fälle unter den Bewohnern gibt, sind auch die Mitarbeiter betroffen. Das gilt aber nicht immer umgekehrt. Das heißt, dass es offensichtlich gelingen kann, die Übertragung auf die Bewohner zu verhindern. Wobei man auch sagen muss: In den Einrichtungen mit infizierten Bewohnern und Mitarbeitern kennen wir die Ansteckungsrichtung nicht.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 09. Juni 20202,19:30 Uhr