Nicht in meinen Arm: 4 Bremer Ungeimpfte über die Gründe und ihr Leben

Smartphone mit digitalem Covid-19-Zertifikat, geimpft, rekonvaleszent oder getestet, Ungeimpfte Person zeigt QR-Code mit ungültigem bzw. ungeimpftem Impfpass auf Handy
Bild: DPA | CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Der Druck auf Ungeimpfte in Bremen wächst. Oft fühlen sie sich beschimpft. Ihnen werde vorgeworfen, schuld an der Corona-Lage zu sein. Vier von ihnen erzählen aus ihrem aktuellen Leben.

Seit die 3G-Regel am Arbeitsplatz gilt, muss sich vor dem Arbeitgeber outen, wer nicht geimpft ist. Das hat Folgen. So sei zuletzt eine ganze Reihe von ungeimpften Patientinnen und Patienten hilfesuchend in den Arztpraxen aufgetaucht und habe von üblen Beschimpfungen durch Kollegen und von Arbeitgebern berichtet, etwa als "Idiot", sagt Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbands Bremen.

"Das geht gar nicht", stellt Mühlenfeld fest. Wer einen Beitrag dazu leisten wolle, dass sich mehr Menschen gegen Corona impfen lassen, der solle Ungeimpfte nicht beschimpfen, sondern versuchen, sie zu überzeugen. Dazu müsse man ihnen zunächst einmal zuhören und sich erklären lassen, weshalb sie sich nicht impfen lassen wollen. Diese vier Ungeimpften haben mit buten un binnen gesprochen.

1 Tanja N., 39, Personalentwicklerin

Menschen stehen vor einer Impfstelle in einer Schlange.
Wer nicht geimpft ist, muss dieser Tage häufig lange Schlangen vor den Teststellen in Kauf nehmen. Bild: DPA | Sina Schuldt

Tanja N. (Name von der Redaktion geändert) ist sich ziemlich sicher, dass sie früher oder später an Corona erkranken wird. Trotzdem möchte sich die 39-Jährige – zumindest vorerst – nicht gegen das Virus impfen lassen: "Mich haben die Argumente für die Impfung noch nicht überzeugt. Es gibt keine Untersuchung, die mir sagt, was mit mir in zwei, fünf oder zehn Jahre nach der Impfung passiert und wie zuverlässig der Impfschutz mittel- und langfristig wirklich ist."

Die Personalentwicklerin und Mutter zweier Kinder zahlt einen hohen Preis für ihre Haltung. Jeden Tag muss sie sich testen lassen, weil am Arbeitsplatz die 3G-Regel gilt. Doch das Testzentrum ist häufig überlaufen. Einmal, berichtet sie, habe sie sich bereits um 7.30 Uhr angestellt, obwohl die Teststelle erst um 8 Uhr öffnet. Trotzdem hätten bereits elf Leute vor ihr in der Schlange gestanden. Erst um 8.45 Uhr sei sie zur Arbeit gekommen, deutlich zu spät.

"Das trifft nicht nur mich, sondern auch die Kinder"

Auch Tanjas Freizeitleben ist nicht mehr das gleiche, schon gar nicht, seit vielerorts die 2G-Regel greift. Gern ginge Tanja mit ihren Kindern über den Weihnachtsmarkt oder ins Kino. Doch das geht gerade nicht. Zudem darf Tanja momentan keine Schwimmkurse geben. Denn derzeit haben im Land Bremen nur Geimpfte und Genesene Zutritt zu den Schwimmbädern. "Das trifft nicht nur mich, sondern auch die Kinder, die ihr Seepferdchen- und Bronze-Abzeichen machen wollen", sagt sie und fügt hinzu: "Ich kann mir vorstellen, dass das nicht nur beim Schwimmen so läuft, sondern auch beim Fußball oder beim Karate: Ehrenamtliches Engagement fällt hinten rüber!"

Tanja fühlt sich diskriminiert: "Ich mache einfach nur von meinem Recht Gebrauch, selbst zu entscheiden, dass ich derzeit nicht geimpft werden möchte." So lange es dieses Recht zur freien Entscheidung gebe, dürfe sie auch nicht dafür beschimpft werden, dass sie es nutze. "Aber in den Medien wird es meist so dargestellt, dass Ungeimpfte asozial sind, alles verweigern und alles schlecht reden", findet Tanja. Sie aber wolle gar nichts schlecht reden, sondern sei lediglich an einem differenzierten Diskurs interessiert.

Mit Vorschlägen dazu, wie sich die Pandemie in den Griff kriegen ließe, hält sich Tanja zurück: "Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen." Sie fände es aber wünschenswert, wenn mit mehr Ressourcen und Engagement an der Erforschung alternativer Behandlungs- und Präventionsmethoden gearbeitet würde, sagt sie. Im Übrigen sei es vor allem Aufgabe der Politik, Lösungen im Kampf gegen die Pandemie zu finden. Sie werde den eingeschlagenen Weg mittragen, auch dann, wenn es auf einen Lockdown hinauslaufe. Und sollte die Politik eine Impfpflicht herbeiführen, so würde sie auch diese Entscheidung respektieren.

Wie lange die Wirkung einer Corona-Impfung mit den jeweiligen Impfstoffen anhält, ist inzwischen bekannt. Die Informationen dazu finden Sie im folgenden Artikel.

Auch beantwortet ist die Frage nach möglichen Langzeitfolgen. Weshalb diese Sorge unbegründet ist, erkärt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer hier:

2 Angie M., 64

2G-Regel steht im Schaufenster eines Cafés
Dort, wo die 2G-Regel greift, sind Ungeimpfte außen vor. Bild: DPA | Ole Spata

Angie M. aus Bremen-Nord darf sich nicht gegen Corona impfen lassen. Das Risiko wäre aufgrund verschiedener Allergien, unter denen sie leide, zu groß, sagt die 64-Jährige. Ihre Internistin habe ihr daher schon vor einigen Monaten ein entsprechendes Attest ausgestellt.

Von der Testpflicht aber ist Angie M. dadurch nicht befreit. Seit die 3G-Regel greift, müsse sie sich beinahe täglich auf Corona testen lassen, etwa um zum Arzt oder zum Reha-Schwimmen fahren zu können, berichtet die krebskranke Frau. Ein Auto besitzt Angie nicht, ein Taxi kann sich die Hartz IV-Empfängerin nicht leisten. "Ich muss mit dem Bus fahren, um zum Testzentrum zu kommen", sagt sie. Der Haken an der Sache: Auch für die Busfahrt benötigt sie einen aktuellen Test.

Angie weiß nicht, wie sie das Problem lösen soll. Sie fühlt sich von der Politik und von den Behörden im Stich gelassen. "Ich habe mit dem Ordnungsamt telefoniert, ich habe mit dem Gesundheitsamt telefoniert. Ich habe gefragt: Was soll ich machen?" In der Folge hätten sich die Ämter den Schwarzen Peter gegenseitig zugeschoben. Geholfen aber habe ihr niemand, sagt Angie. Wie es für sie weitergehe, wisse sie nicht. "Wieso denken unsere Politiker nie an alle?" wüsste sie gern.

3 Petra R., 47, Programmiererin

Eine Person mit Schutzhandschuhen hat eine Impfampulle mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty, BNT162b2, Biontech / Pfizer
MRNA-Impfstoffe sind vielen Ungeimpften nicht geheuer. Sie würden sich wahrscheinlich gegen Corona impfen lassen, gäbe es bereits entsprechende Totimpfstoffe bei uns. Bild: DPA | Fotostand / K. Schmitt

Petra R. hat zwar Angst davor, sich mit Corona zu infizieren. Dennoch möchte sie sich derzeit nicht gegen das Coronavirus impfen lassen. Denn sie traut den Impfstoffen nicht: "Das ist mir suspekt. Es gibt zu wenig Informationen darüber", sagt die 47-jährige Programmiererin. Zwar kenne man die mRNA-Technologie aus der Krebsforschung schon seit Jahrzehnten. Aber im Kampf gegen das Coronavirus seien mRNA-Impfstoffe etwas Neues. "Wir wissen einfach nicht genug darüber, wie sich die Impfung auf lange Sicht auswirkt", findet Petra.

Die alleinerziehende Mutter räumt allerdings ein, dass sie unsicher sei. "Manchmal frage ich mich auch, ob ich mich aus Trotz nicht impfen lasse", sagt sie. Denn sie sei nicht einverstanden damit, wie einseitig und wie unzuverlässig die Politik die Bevölkerung in der Pandemie informiere. Hinzu komme: "Wir wissen inzwischen, dass man auch trotz Impfung nicht hundertprozentig geschützt ist und das Virus weitergeben kann."

Trotzdem werde der Druck auf Ungeimpfte immer größer, insbesondere durch die Pflicht, sich täglich für die Arbeit testen zu lassen. "Dadurch wird mir Zeit genommen, die ich irgendwie hinten ranhängen muss", ärgert sich Petra. Das Gute an den Tests sei allerdings: "Ich merke, dass ich nicht allein bin. Es gibt noch andere Menschen, die sich jeden Tag beim Testzentrum anstellen müssen und mit denen ich sprechen kann." Petra fühlt sich als Ungeimpfte zu Unrecht immer wieder an den Pranger gestellt.

Ich muss mich ganz oft rechtfertigen für meine Angst vor der Impfung. Aber Angst ist nicht greifbar.

Petra R., Programmiererin

"Bin keine komplette Impfgegnerin"

Besonders ärgerlich findet sie, dass Ungeimpfte immer wieder über einen Kamm geschoren würden. Dabei müsse man weder Verschwörungstheorien anhängen noch ein typischer Impfgegner sein, um Angst vor der Covid-Impfung zu haben. Auch möchte Petra nicht ausschließen, dass sie sich doch noch gegen Corona impfen lassen wird: "Ich habe auch andere Impfungen, bin ja keine komplette Impfgegnerin", sagt sie.

Allerdings wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich doch noch für die Immunisierung entscheide größer, gäbe es bereits einen Totimpfstoff gegen Corona. Denn den alten Technologien traue sie mehr als den mRNA-Impfungen.

Dass die Sorge bei mRNA-Impfstoffen laut Medizinern unbegründet ist, können Sie in den oben verlinkten Artikeln nachlesen. Was ein Totimpfstoff ist und weshalb Virologen und andere Mediziner es nicht für notwendig halten, darauf zu warten, lesen Sie hier:

4 Andrea S., 40, Arzthelferin

Auch Andrea S. möchte sich nicht gegen Corona impfen lassen, weil sie den mRNA-Impfstoffen misstraut. "Ich möchte nicht Teil einer Studie sein", sagt die 40-jährige Arzthelferin. Sie habe mehr Angst vor dem, was der Impfstoff mit ihr machen könne, als vor Corona.

"Ich habe vor 20 Jahren, als ich meinen Beruf gelernt habe, auch gelernt, wie Impfstoffe entwickelt werden: aus Krankheitserregern." Das aber treffe auf mRNA-Impfstoffe nicht zu. Andrea fürchtet nicht nur, dass ihr ein mRNA-Impfstoff schaden könne. Sie bezweifelt auch, dass diese Impfstoffe so wirksam sind, wie weithin angenommen. "Gäbe es einen Corona-Totimpfstoff bei uns, würde ich wahrscheinlich nicht lange zögern", sagt sie.

So lange das aber nicht der Fall ist, testet sich Andrea lieber jeden Tag vor Antritt ihrer Arbeit in der Arztpraxis. Zwar würden ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Haltung respektieren, ebenso die meisten Patientinnen und Patienten. Mit einigen sei sie allerdings bereits aneinander geraten. Sie sei eine Egoistin, habe gefälligst an die Allgemeinheit zu denken – solche und ähnliche Vorwürfe habe sie sich dabei anhören müssen.

Bei einem neuen Virus und einer Pandemie sind Ängste erst einmal normal. Die meisten Menschen waren wohl auch den neuen Impfstoffen zunächst skeptisch gegenüber. Wie man damit umgehen kann, lesen Sie hier:

"Recht auf eigene Meinung"

"Der Umgang miteinander ist respektlos geworden", sagt Andrea dazu. Sie hoffe, dass sich die latenten Feindseligkeiten Ungeimpften gegenüber, die sie immer wieder spüre, nicht weiter zunehmen. Die Nachrichten verfolge sie vorerst nicht mehr: "Da werden wir auch ständig beschimpft", sagt sie. Die ganze Gesellschaft werde aufgehetzt, immer mehr Menschen beteiligten sich an der Diskriminierung Ungeimpfter. Sehr traurig sei das, findet Andrea und betont: "Es gibt bei uns das Recht auf eine eigene Meinung." Und dieses Recht wolle sie sich nicht nehmen lassen.

Nicht geimpft, aber warum: Das sagen Bremer

Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. November 2021, 15.10 Uhr