Ein Jahr "Wir schaffen das" in Bremen

Ein Jahr nachdem Bundeskanzlerin Merkel sagte: "Wir schaffen das" und damit die Einreise der vielen Flüchtlinge meinte, ziehen wir Bilanz. Bremen schafft einiges schon gut, aber nicht alles.

Containerdorf mit rot-orangenen Elementen
In Bremen sind im vergangenen Jahr viele neue Flüchtlingsunterkünfte entstanden. Weitere sind geplant, auch wenn mittlerweile weniger Menschen nach Bremen kommen.

Gut 12.500 Flüchtlinge sind in diesem und im vergangenen Jahr nach Bremen gekommen. Sie wurden zugewiesen vom bundesweiten EASY-Verteilungssystem, kurz für Erstverteilung der Asylbegehrenden. Nach dem Königsteiner Schlüssel werden damit 0,96 aller Ankommenden in Deutschland in Bremen aufgenommen. Doch was passiert mit diesen Menschen, wenn sie erst einmal hier sind? Wo leben sie? Wie geht es ihnen? Diesen Fragen sind wir zum Jahrestag von "Wir schaffen das" nachgegangen.

Entwicklung der Flüchtlingszahlen

2014 kamen gut 2.200 Menschen in Bremen an. 2015 spitzte sich die Lage zu: Fast 10.300 Menschen nahm Bremen auf, zusätzlich noch fast 2.700 unbegleitete Minderjährige. Die Diskussion um die Flüchtlingspolitik in Deutschland und der Europäischen Union war Gesprächsthema Nummer eins. In diesem Jahr wurden Bremen bisher gut 2.400 Flüchtlinge zugewiesen. Vor allem wegen des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei sind diese Zugangszahlen inzwischen stark zurückgegangen.

Die Bundesregierung rechnet für 2016 für ganz Deutschland mittlerweile nur noch mit maximal 300.000 Flüchtlingen. Anfang des Jahres waren die Schätzungen noch doppelt so hoch ausgefallen.

Grafik: Zuganszahlen
Seit diesem Jahr kommen deutlich weniger Flüchtlinge nach Bremen. Turnhallen und Zelte konnten in Bremen deshalb mittlerweile geräumt werden.

Chancen auf Asyl

2015 kamen die meisten Flüchtlinge in Bremen aus Syrien (knapp 6.000) und Afghanistan (gut 1.400). Während Flüchtlinge aus Syrien eine große Chance haben, dass ihr Asylantrag bewilligt wird, liegt die Quote bei Flüchtlingen aus Afghanistan nur noch bei rund 50 Prozent. Der Grund: Die Hälfte des Landes gilt mittlerweile wieder als sicher. Schlechte Chancen auf Asyl haben hingegen Asylbewerber aus Albanien (knapp 700), Serbien (400) oder dem Kosovo (fast 300). Ihre Herkunftsländer gelten ebenfalls als sicher. Ihre Anträge werden deshalb fast immer abgelehnt.

Bremen setzt im Vergleich zu anderen Bundesländern auf die "freiwillige" Ausreise und schiebt abgelehnte Asylbewerber nur selten ab. Seit November 2015 wurden 39 Menschen abgeschoben, fast 300 reisten freiwillig aus. Insgesamt wurden 2015 mehr als 600 Asylanträge abgelehnt. Manche Menschen dürfen trotzdem vorerst mit einer Duldung in Deutschland bleiben, zum Beispiel, wenn sie krank sind.

Verteilung auf Stadtteile

Immer wieder Thema ist die Frage, ob die Flüchtlinge in Bremen gerecht auf die verschiedenen Stadtteile verteilt sind. Die Antwort darauf ist: jein. Ja, einige Stadtteile nehmen unterdurchschnittlich wenig Flüchtlinge auf. Nach Angaben der betroffenen Ortsamtsleiter und dem Sozialressort liegt das aber nicht an fehlendem Engagement, sondern an fehlenden Möglichkeiten. Der Vorwurf die "bürgerlichen" Stadtteile würden weniger leisten als andere Stadtteile, ließe sich deshalb so nicht halten. Das hatte zum Beispiel der Ortsamstleiter von Osterholz, Ulrich Schlüter, bemängelt.

Findorff, Schwachhausen oder die Östliche Vorstadt nehmen tatsächlich unterdurchschnittlich viele Menschen auf. In diesen Stadtteilen gibt es allerdings auch besonders wenige Freiflächen oder Leerstände. In Findorff verzögerte sich der Bau eines Übergangswohnheims in der Corveystraße, weil die Container irgendwann nicht mehr so schnell gebaut werden konnten wie Flüchtlinge ins Land kamen. In Schwachhausen war die ehemalige Schule in der Thomas-Mann-Straße nur zur Zwischennutzung frei. Und in der östlichen Vorstadt ist die Bebauung so eng, dass für größere Unterkünfte kein Platz ist.

Flüchtlingsverteilung in Bremen

Flüchtlingverteilung in Bremen
Sammelunterkünfte für Flüchtlinge in Bremen ohne Jugendhilfe-Einrichtungen für unbegleitete Minderjährige. Quelle: Bremer Sozialressort, Stand: Juli 2016

In Oberneuland stand zu Hochzeiten der Einwanderung eine Zeltstadt, genauso wie in Horn-Lehe. Die Standorte sind mittlerweile wieder leer und der Anteil an Flüchtlingen in den Stadtteilen deshalb zumindest kurzfristig gesunken. In Stadtteilen wie der Neustadt, Mitte oder Woltmershausen sind überdurchschnittlich viele Menschen untergekommen, weil dort unter anderem leer stehende Bürogebäude umgenutzt werden konnten.

Besonders viele Flüchtlinge sind seit diesem Jahr auch im Stadtteil Häfen untergebracht. Das Angebot mit fast 500 Plätzen in zwei Notunterkünften übersteigt deutlich die Zahl der Anwohner – von denen gibt es dort nämlich bisher gerade einmal rund 230.

Übergang in eigene Wohnungen

Wer drei Monate in Deutschland gelebt und eine gute "Bleibeperspektive" hat, darf theoretisch in eine eigene Wohnung ziehen. Praktisch liegt zwischen dem Leben in einer Erstaufnahme, Notunterkunft oder einem Übergangswohnheim und der eigenen Wohnung meist deutlich mehr Zeit – jedenfalls in Bremen.

2014 konnten knapp 1.000 Flüchtlinge in eine eigene Wohnung umziehen, 2015 waren es mehr als 1.700. In diesem Jahr ist die Zahl wieder leicht gesunken: Im ersten Halbjahr zogen gut 600 Flüchtlinge in eigene Wohnungen. Die Sozialbehörde erklärt sich den Rückgang in diesem Jahr damit, dass weniger über das Thema Flüchtlinge berichtet wird. Die Bereitschaft, Wohnungen explizit für Flüchtlinge anzubieten sei deshalb gesunken.

In Bremerhaven hingegen leben laut dem Magistrat 70 Prozent der Flüchtlinge von vornherein in eigenen Wohnungen.

Bildung in Schulen und Hochschulen

Schüler und Lehrer in einem Klassenraum
Die Wartezeit sinnvoll überbrücken, vor allem mit Deutschkursen, das ist das Ziel eines Modellprojekts, in dem Asylbewerber schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen.

Die Schulpflicht in Deutschland gilt auch für Flüchtlingskinder. In Bremen kommen sie erst in einen Vorkurs, nehmen in einigen Fächern aber von Anfang an am regulären Unterricht teil. Sobald sie gut genug Deutsch sprechen, kommen sie in eine reguläre Klasse. Insgesamt kamen im Schuljahr 2015/16 gut 1.000 Flüchtlingskinder zusätzlich auf Bremer Schulen. Seit 2014 wurden dort schon knapp 4.000 Schülerinnen und Schüler von Flüchtlingen unterrichtet.

Wie viele Studierende mit Flucht-Hintergrund zurzeit an den Hochschulen im Land studieren, ist unklar. Im Sommersemester 2016 meldeten sich fast 300 Flüchtlinge als Gaststudierende zum so genannten "In-Touch-Programm" an. Allerdings halten nicht alle dieses Programm durch. Wie viele anschließend regulär anfangen zu studieren, wird nicht gesondert erfasst.

Qualifizierung für den Arbeitsmarkt

Sobald der Asylantrag eines Flüchtlings anerkannt ist, wird er oder sie automatisch Kunde bei der Agentur für Arbeit beziehungsweise dem zuständigen Jobcenter. Während der Arbeitssuche steht diesen Flüchtlingen dann die Grundsicherung zu (Hartz IV), genauso wie allen anderen Arbeitssuchenden in Deutschland. Nach Angaben des Jobcenters dauert es mindestens zwei bis drei Jahre bis anerkannte Asylbewerber in die Arbeitswelt integriert sind. Die meisten stünden aber vor einem längeren Weg. Gut 300 Flüchtlinge haben in diesem Jahr einen Job oder einen Ausbildungsplatz bekommen.

Weil viele Flüchtlinge noch nicht gut genug Deutsch sprechen, nehmen viele an Fördermaßnahmen der Jobcenter teil. Oftmals geht es in diesen Kursen auch darum, wie in Deutschland der Arbeitsmarkt aufgebaut ist. Über Praktika sollen die Teilnehmenden einen Einstieg in den Beruf schaffen. Viele Bremer Unternehmen hätten großes Interesse, Flüchtlinge zu integrieren, berichtet das Jobcenter.

Versorgung bei Krankheit

Bei der Gesundheitsversorgung hat Bremen bundesweit eine Vorbildfunktion. Hier bekommen Flüchtlinge schnell eine elektronische Gesundheitskarte. Sind sie krank, können sie damit zum Arzt gehen wie andere Patienten auch. In anderen Bundesländern muss hingegen jeder einzelne Arztbesuch vom Sozialamt abgesegnet werden.

Dieses Modell gibt es in Bremen bereits seit mehr als zehn Jahren. Auch Hamburg hatte die Gesundheitskarte für Flüchtlinge vor drei Jahren eingeführt. Berlin und Schleswig-Holstein zogen nach. Versuche, das Modell auch bundesweit zu übernehmen, kommen bisher nur schleppend voran. Zu viele Kommunen sperren sich dagegen, weil sie hohe Kosten befürchten. Hamburg spart nach eigenen Angaben damit allerdings jährlich 1,6 Millionen Euro in der Verwaltung.

Ankommen in der Gesellschaft

Junge Männer mit Schubkarren
Im November 2015 halfen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, den Fußballplatz der Grundschule am Saatland trocken zu legen.

Integration bedeutet allerdings mehr als eine eigene Wohnung und Deutsch lernen. Am Ende bleibt die Frage, wie Neu- und Alt-Bremer miteinander in Kontakt kommen. In Bremen engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich, um Flüchtlinge zu Ämtern zu begleiten oder ihnen Deutsch beizubringen. Allein beim größten Träger in Bremen, der Arbeiterwohlfahrt (AWO), engagieren sich mehr als 1.300 Ehrenamtliche. Hinzu kommen Hunderte weitere Freiwillige beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der Inneren Mission sowie weiteren privaten Initiativen wie "Help A Refugee e.V." oder der "Flüchtlingshilfe Bremen" auf Facebook.

Dieses Engagement geht weit: In Borgfeld bekam das Amt für Soziales Anfang des Jahres Ärger mit Anwohnern der Grundschule am Saatland. Der Grund: Die Turnhalle, die mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen belegt war, sollte wieder geräumt werden – und das ärgerte die Borgfelder. Sie wollten "ihre Jungs" lieber behalten. Schließlich seien die Jugendlichen schon so gut in den Stadtteil integriert.

Autoren

  • Sarah Kumpf
  • Ramona Schlee

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, vom 29. August bis 3. September 2016, 19:30 Uhr