Carsten gegen Carsten: Mit viel Adrenalin in Bremerhaven

Die Spitzenkandidaten Sieling und Meyer-Heder gerieten in Bremerhaven derbe aneinander. Wirklich punkten konnten sie in der Stadt aber nicht.

Carsten Meyer-Heder beim Wahlduell in Bremerhaven
Bei einem Wahl-Duell der Nordsee-Zeitung kamen Carsten Meyer-Heder (CDU) und Carsten Sieling (SPD) zusammen.

Carsten Sieling (SPD) und Carsten Meyer-Heder (CDU) sind sich schon öfters begegnet. Ihr Treffen in der Bremerhavener Losche, einem sanierten Leuchtturm mitten im Stadtteil Lehe, war trotzdem eine Premiere. Erstens: Es ging fast nur um Themen der kleineren Stadt. Und zweitens: Die Spitzenkandidaten kamen mit mehr Adrenalin, als man es sonst von ihnen kennt.

Dabei fing alles ganz gemütlich an. Eingeladen hatte die Nordsee-Zeitung, das Publikum bestand aus Leserinnen und Lesern, die vorher ihre Fragen eingereicht hatten und diese nun persönlich stellen konnten. Aber zuerst mussten Sieling und Meyer-Heder die Frage aller Fragen beantworten: Was konkret werden Sie für Bremerhaven tun, wenn Sie Bürgermeister bleiben oder werden?

"In Bremerhaven ist alles schlimmer als in Bremen"

Meyer-Heder holte psychologisch aus: Als erstes habe er über Bremerhaven gelernt, dass hier die "instinktive Angst" herrsche, hinten runterzufallen. Eine mögliche Erklärung lieferte er gleich dazu: "In Bremerhaven ist alles schlimmer als in Bremen: die Armut, das Problem der Einpendler." Messbare Reaktionen aus dem noch ziemlich reservierten Publikum kamen keine. Das mag daran gelegen haben, dass Bremerhaven eben kein herunterskaliertes noch schlimmeres Bremen ist, sondern eine Stadt, die eigene und sehr originäre Probleme hat.

Carsten Meyer-Heder beim Wahlduell in Bremerhaven
Carsten Meyer-Heder, CDU

Auch Meyer-Heders Idee, in Lehe ein Lehrer-Institut zu errichten, traf nur auf mäßige Resonanz – obwohl er beim Ausbreiten üblicher Lehe-Klischees im letzten Moment die Notbremse ziehen konnte: "In Lehe ist ja alles etwas ..." Das Adjektiv ließ er dann lieber weg.

SPD-Spitzenkandidat Sieling hatte bei den Bremerhaven-Perspektiven natürlich den Amtsbonus: Bremerhaven sei ein Investitionsschwerpunkt im Land. OTB, Auswandererhaus, Seute Deern: Das alles sind in Bremerhaven Buzzwords, und die rot-grüne Koalition hat hier tatsächlich Fakten geschaffen. Auch Forschung und Wissenschaft stellte Sieling ins Schaufenster: "Hier arbeiten mittlerweile mehr Menschen als auf den Werften", sagte er. Kunststück: Nach vielen Werften-Pleiten und tausenden verlorenen Jobs lässt sich diese fast tote Branche leicht überklettern.

Reizthema Privatisierung

Die Fragen der Gäste führen dann quer durch die Bremerhavener Themenwelten. Will Meyer-Heder wirklich weiter privatisieren? In der Seestadt ist das ein großes Thema – viele Betriebe wie die Wohnungsgesellschaft Stäwog oder das Klinikum Reinkenheide sind in städtischer Hand und werden von den Bürgern geliebt. Sieling schloss eine Privatisierung kategorisch aus. Meyer-Heder auch, dafür bekam er ein Raunen, weil ein Wirtschaftsflügel seiner Partei die Privatisierung weiter vorantreiben will.

Carsten Sieling beim Wahlduell in Bremerhaven
Carsten Sieling, SPD

"Warum aber sollten wir das tun?", fragte der CDU-Spitzenkandidat, "die Betriebe werfen doch sogar Gewinn ab, es gibt doch gar keinen Grund." Was laut CDU mit den Betrieben passieren würde, wenn sie in die roten Zahlen geraten, fragte ihn dann niemand mehr.

Und schließlich die Bildung. Die Mutter aller Themen in Bremen und Bremerhaven. Im Publikum saß eine Pädagogin aus der Leitung einer Bremerhavener Schule. Inklusion? Kann nicht funktionieren, sagte sie. Schwierigste Schülerstrukturen, fehlendes Personal: Von allen Seiten klappe es nicht. Sieling wolle das Problem mit einer steigenden Zahl an Referendariatsplätzen lösen, Meyer-Heder antwortete ausschweifender und sprach über weitergehende Strukturen. Damit konnte er die Pädagogin im Saal am Ende vielleicht mehr überzeugen. Mehr Stellen würden nämlich gar nichts nutzen: "Das ist nicht das Problem. Der Stadt fehlt die Attraktivität, um die Lehrer überhaupt herzubekommen."

Zunehmend aggressives Diskussionsklima

ÖPNV, Polizeireform, Arbeitsmarktpolitik: Die beiden Konkurrenten arbeiteten sich immer lautstärker und teils ungewohnt aggressiv aneinander ab. Dabei rutschten beide oft von der Bremerhavener auf die Bremer Perspektive zurück, beide versicherten aber auch immer wieder, wie wichtig Bremerhaven für Bremen sei – und wie sehr sie Bremerhaven-Versteher seien: "Bremerhaven ist besser als sein Ruf", war sich Sieling sicher, "Bremerhaven wird nicht vergessen, sondern mit an den Tisch geholt", versprach Meyer-Heder.

Am Ende forderte Sieling Meyer-Heder auf, den Taxifahrern in München nicht immer so viel Schlechtes über Bremen und Bremerhaven zu erzählen. Meyer-Heder kündigte an, notfalls nach dem Trial-and-error-Prinzip zu regieren: "Wenn es nach vier Jahren nicht läuft, dann sage ich auch: Okay, das hat nicht geklappt, nun muss doch ein anderer ran."

Am deutlichsten wurde am Schluss eine Besucherin. Ziemlich ernüchtert fragte sie sich, welchen Sinn ein Regierungswechsel überhaupt machen würde: "Die große Koalition hat damals doch denselben Mist gemacht wie die SPD."

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Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 16. Mai 2019, 23.30 Uhr