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So sollen Seiteneinsteiger in Bremen gegen den Lehrermangel helfen

Schulen fehlen die Lehrer – in ganz Deutschland. Deshalb gibt es immer mehr Seiteneinsteiger in den Klassenzimmern – auch in Bremen. Erik Schuchort ist einer von ihnen.

Video vom 9. Februar 2020
Ein Lehrer an einer Tafel
Bild: Radio Bremen

Die 8. Klasse der Oberschule Sebaldsbrück ist aufgeregt – zum ersten Mal gibt es für sie Noten und in wenigen Stunden werden die Zeugnisse verteilt. Erik Schuchort kommt ins Klassenzimmer und beginnt an die Tafel zu schreiben, was heute im Unterricht ansteht. Denn trotz der Zeugnissausgabe wiederholen die Schüler das Thema der vorherigen Deutschstunde – "das" versus "dass". Nicht der spannendste Stoff für einen Haufen Teenies.

Die 25 Schüler und Schülerinnen arbeiten trotzdem gut mit. Firadt kommt an die Tafel und zeigt seine Antworten – die sind mal richtig und mal falsch. Der Rest der Gruppe verbessert ihn. Firadt albert ein wenig herum. Lehrer Schuchort lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Am Ende steht korrekt an der Tafel: "Das ist das Haus, das am Waldrand steht – es ist so schön, dass viele Spaziergänger davon träumen, darin zu wohnen".

Herausforderungen im Alltag: Viel mehr als nur unterrichten

Schuchort war bis vor rund eineinhalb Jahren kein Lehrer, sondern Dozent für Deutsch als Fremdsprache am Goethe-Institut in Bremen. Er gründete eine Familie. Der Job mit seinen ständigen Befristungen war nicht mehr sicher genug. "Da mir das Unterrichten immer viel Spaß gemacht hat, habe ich mich für diesen Weg entschieden", sagt er.

Der Schüler Firadt im Unterricht bei Erik Schuchort an der Oberschule Sebaldsbrück.
Firadt lobt seinen Lehrer: Zwar würde er merken, dass Erik Schuchort noch nicht so lange unterrichtet, aber dafür komme er im Unterricht gut mit. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Auch wenn es am Tag der Zeugnisausgabe glatt läuft und er Lob von seinen Schülern einheimst – einfach war der Wechsel in die Schule nicht immer. Seine Schüler mögen ihn: "Man merkt zwar, dass er noch nicht so lange an der Schule unterrichtet, aber er gibt sich sehr viel Mühe und macht seine Arbeit gut. Bei ihm verstehe ich viele Dinge sehr schnell – obwohl ich sonst oft länger brauche", sagt Firadt zum Beispiel.

Herausforderungen gibt es genug im Leben eines angehenden Lehrers. Los geht es damit, dass Erik Schuchort direkt von Anfang an 30 Stunden unterrichtete – mit allem drum und dran. Aber auch Dinge wie Schulstrukturen kennenzulernen, mit Behörden zu kommunizieren und die Klassenleitung waren anfangs schwierig.

Ganz zu schweigen davon, dass man akzeptieren muss, dass man beim besten Willen nicht allen Schülern gerecht wird.

Erik Schuchort, Seiteneinsteiger ins Lehramt

Seiteneinsteiger bieten großes Potential

Schulleiterin Claudia Bundesmann ist seit fünf einhalb Jahren für die Leitung der Oberschule Sebaldsbrück zuständig.
Schulleiterin Claudia Bundesmann freut sich über die Seiteneinsteiger, die sie für ihre Schule gewinnen konnte. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Für Claudia Bundesmann ist klar: Seiteneinsteiger sind eine Bereicherung für die Schule. Seit fünfeinhalb Jahren ist sie die Schulleiterin der Oberschule Sebaldsbrück. "Schule ist kein Paralleluniversum und Seiteneinsteiger können den Schülern die Realität gut vermitteln, schließlich haben sie in wirtschaftlichen Betrieben gearbeitet", sagt sie. Viele Lehrer würden schließlich direkt nach dem Abi an die Uni gehen, nur um von der Uni stante pede wieder in die Schule zurückzukehren.

Außerdem seien Seiteneinsteiger auch von Anfang an nicht die per se schlechteren Lehrer. Ihnen würden zwar meistens ein paar pädagogische Handgriffe fehlen, dafür brächten sie Fachwissen mit. "Wir haben zum Beispiel eine ehemalige AWI-Mitarbeiterin. Die bringt natürlich jede Menge mit, was sie den Schülern vermitteln kann", sagt Bundesmann. Außerdem würden sie sich ganz bewusst für den Lehrerberuf entscheiden, nachdem sie bereits andere Erfahrungen gemacht hätten: "Sie wollen also in der Regel wirklich Wissen vermitteln und haben Spaß daran."

Wie wird man in Bremen Seiteneinsteiger?

Die Zahl der Seiteneinsteiger im Lehramt steigt in ganz Deutschland. Das wird aus einer Statistik der Kultusministerkonferenz deutlich. 2013 wurden bundesweit 700 Quer- und Seiteneinsteiger angeworben. Bis 2018 stieg die Zahl auf 4.800. Das bedeutet, dass 2018 13,3 Prozent aller neu eingestellten Lehrer Seiten- oder Quereinsteiger waren.

In Bremen gibt es aktuell 61 Seiteneinsteiger. Auch Stefan Freese, Oberschulrat in Bremen, bestätigt: "Die Einstellung von Seiteneinsteigern und Seiteneinsteigerinnen hat in den letzten 10 Jahren aufgrund des Fachkräftemangels zugenommen."

Wir sind in Bremen auf dem letzten Platz bei Pisa – wir müssen alle unserer Lehrer so ausbilden, dass sie qualitativ gut unterrichten können.

Stefan Frese, Oberschulrat in Bremen

Bremen hat drei Wege in den Lehramtsberuf entwickelt. Sie werden Seiteneinstieg A, B und U genannt. Seiteneinstieg A beginnt direkt mit dem Vorbereitungsdienst – also dem Referendariat. Voraussetzung dafür ist, dass der Seiteneinsteiger ein Studium in einem Mangelfach abgeschlossen hat und sich ein zweites Fach aus seinem Abschlusszeugnis ableiten lässt. Ein Beispiel: Jemand hat Englisch und Kunst erst im Bachelor studiert und dann in Anglistik einen Master gemacht, um als Übersetzer zu arbeiten. Ein paar Jahre später könnte diese Person dann in Bremen als Seiteneinsteiger ins Lehramt einsteigen – direkt mit dem Referendariat.  

An diesen Schulformen unterrichten die Seiteneinsteiger

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Für den Seiteneinstieg B bewerben sich die Seiteneinsteiger direkt auf eine Stelle in einer bestimmten Schule – dann gibt es zunächst eine einwöchige Hospitation, an deren Ende der Bewerber 45 Minuten unterrichtet. Der Unterricht wird vom Schulleiter beobachtet, damit beide wissen ob es passt. Der Seiteneinsteiger wird als "Lehrkraft in Ausbildung" eingestellt und unterrichtet direkt 17 Stunden. Das Ganze geht 24 Monate in Vollzeit und 36 Monate in Teilzeit und am Ende steht das 2. Staatsexamen und in Folge dessen auch die Verbeamtung.

Die "Lehrkräfte in Ausbildung" bekommen – genauso wie im klassischen Referendariat – ein Seminar, welches die Ausbildung begleitet. In dem Seminar werden pädagogische Fähigkeiten vermittelt. Das Seminar startet aber oft nicht direkt mit der Ausbildung in der Schule. Viele Seiteneinsteiger unterrichten erst einige Zeit, bevor sie im Seminar geschult werden – einer von ihnen ist Erik Schuchort. Auch er musste auf seinen Seminarplatz warten.

Spezieller Seiteneinstieg gegen Grundschul-Lehrermangel

Auch der Seiteneinstieg U startet mit einer Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle. Diese Form des Seiteneinstiegs ist für das Land Bremen ziemlich teuer. Denn die Bewerber gehen nicht nur ins Referendariat, sondern zusätzlich auch noch auf die Universität. Bewerber, die bereits ein sogenanntes "Mangelfach" wie zum Beispiel Musik mitbringt, studiert also noch ein weiteres Fach.

Das Programm dauert dreieinhalb Jahre. Im ersten Halbjahr sind die Seiteneinsteiger voll an der Schule. Danach geht es in die Uni und für nur zehn Stunden an der Schule. Am Ende können sie zwei Fächer unterrichten und schließen ihr Studium ab, um ebenfalls das 2. Staatsexamen zu erreichen. Mit dem Programm für den Seiteneinstieg U möchte Bremen angehende Lehrer besonders fürs Grundschullehramt fit machen. 

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Was sich noch verbessern muss

Auch wenn Bremen laut Oberschulrat Frese besser als der Stadtstaat Berlin dasteht, gibt es noch Verbesserungspotential. Bremen bildet seine Seiteneinsteiger besser aus als andere Bundesländer. Jedoch sollten Seiteneinsteiger früher mit dem Seminar beginnen, sagt Erik Schuchort. Denn unterrichten, ohne das pädagogische Rüstzeug zu haben, sei trotz der Unterstützung von anderen Lehrer schwierig.

Hilfreich wären auch Entlastungsstunden für eben jene Mentoren, erklärt Schulleiterin Bundesmann. Sie sind die Lehrer, die Seiteneinsteiger betreuen. Außerdem ist sie der Meinung, dass die Anforderungen noch weiter herunter gesetzt werden könnten, damit noch mehr Leute den Beruf des Lehrers ergreifen können. "In den Volkshochschulen unterrichten zum Beispiel viele Menschen, die super als Lehrer geeignet wären, aber vielleicht nicht die nötige Hochschulbildung haben. Sie sollten auch eine Chance bekommen", sagt Bundesmann. 

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Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Februar 2020, 19:30 Uhr