Infografik

Jahrelange Fehleinschätzungen in der Schulpolitik

Bildung ist für viele Bremer eines der wichtigsten Themen – eines der größten Probleme: der Lehrermangel. Lasten Fehler der Vergangenheit auf den Schultern von Senatorin Bogedan?

Eine Schülerin meldet sich im Unterricht, auf ihrer Hand steht das Wort Geld
Bildung ist für viele Bremerinnen und Bremer das wichtigste Thema ein Jahr vor der Bürgerschaftswahl. Bild: DPA | Daniel Karmann

Lehrerverbände, Eltern und die Opposition machen Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan Vorwüfe: Eigentlich müsste Bremen viel mehr Lehrer haben. Der "Markt" signalisiert der SPD-Politikerin: Sie wird diese 300 Lehrer kaum bekommen. Denn nicht nur Bremen sucht Lehrkräfte, sondern ganz Deutschland. Derzeit sind von den 300 neuen Lehrerstellen in Bremen noch rund 100 unbesetzt.

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Lehrermangel – zumindest in der Bremer Politik war das viele, viele Jahre lang ein Fremdwort. Angesagt war dagegen die "demografische Rendite". Das meint: Bei abnehmender Schüler- und gleichbleibender Lehrerzahl verbessert sich automatisch die Schüler-Lehrer-Relation. Oder anders ausgedrückt: Der Senat muss nur noch die Pensionäre durch neue Kräfte ersetzen und kann trotzdem die Klassen immer weiter verkleinern. Qualitätsverbesserung kostet kein Geld – so glaubte die Politik damals. Oder: So wollte es die Politik vielleicht glauben. Denn die "demografische Rendite" war ganz schön bequem. Bremen brauchte nur die Lehrerzahl konstant zu halten und konnte doch mit politischen Projekten punkten.

Entscheidungen, die Millionen kosten

  • 2008: Die Bürgerschaft beschließt mit breiter Mehrheit den sogenannten Schulfrieden. Neben den Gymnasien soll es nur noch Oberschulen geben. Die aber werden gestärkt. Auch durch kleinere Klassen, sie sollen eine echte Alternative für leistungsstarke Schüler sein. Und sie sollen auf direktem Wege zum Abitur führen.
  • 2009: Bremen setzt Inklusion um. Behinderte Kinder sollen nicht mehr auf Sonderschulen gehen, sondern auf die Regelschulen, gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf. Die Grünen setzen durch: Es wird keinen fließenden Übergang geben, die Sonderschulen werden schnellstmöglich geschlossen.

Beide Projekte kosten Millionen. Vor allem bei der Inklusion wird das zum Problem. Denn als die Parlamentarier für das hehre Ziel die Hand heben, wissen sie gar nicht, wie hoch der Finanzbedarf wirklich ist. Noch kleinere Klassen, zusätzliche Sozialpädagogen. Erst nach und nach stellt sich heraus, wie teuer die Inklusion wirklich ist. Offenbar zu teuer für Bremen. Denn das Haushaltsnotlageland hat kein Geld für das benötigte Personal, Lehrer und Eltern klagen zunehmend über unhaltbare Zustände. Und zwar für behinderte und für nicht-behinderte Kinder.

So funktioniert Inklusion in Bremen

Texttafel: So funktioniert die Inklusion in den Bremer Schulen

Symbol für falsche Einschätzungen

Der Streit um das Geld forderte übrigens auch in der Politik ein Opfer. Die damalige Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) lag zunehmend mit Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) über Kreuz. Im November 2012 trat sie zurück. Zu allem Überfluss wirft die "demografische Rendite" immer weniger frei gewordene Lehrerstellen ab. Denn seit 2007 steigen die Geburtenzahlen wieder. Sechs, sieben Jahre später schlägt sich das in den Schülerzahlen nieder. Zudem kommen mit der Flüchtlingswelle auch viele Familien mit schulpflichtigen Kindern an die Weser.

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Und die Politik reagiert viel zu zögerlich auf die neuen Zahlen. Noch in den Koalitionsverhandlungen nach der Bürgerschaftswahl 2015 beschließen SPD und Grüne: Der neue Campus der Schule Ohlenhof wird nicht gebaut. Angesichts der Schülerzahlen sei er schlicht überflüssig, so die Begründung. Kurz danach dann die Kehrtwende: Die neue Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) bekommt grünes Licht, die Schule doch zu bauen. Aber das "Nein" zum Ohlenhof im Koalitionsvertrag 2015 bleibt ein Symbol für die jahrelange Fehleinschätzung.

  • Christian Dohle

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Mai 2018, 19:30 Uhr

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