Offene Jugendarbeit in "Not": Bremer Einrichtungen wollen mehr Geld

Bremer Jugendeinrichtungen beschweren sich über unzureichende finanzielle Mittel. Mit einer ungewöhnlichen Aktion wollen sie auf ihre Situation aufmerksam machen.

Jugendliche sprüht Graffiti auf eine Mauer
Die Offene Jugendarbeit umfasst ein breites Spektrum an Angeboten: etwa Kunst, Sport, Musik, digitale Kompetenzen. Bild: DPA | Daniel Karmann

Verkürzte Öffnungszeiten, Entlassungen, ausstehende Renovierungen: Die Bremer Träger der Freien Wohlfahrtspflege zeichnen ein düsteres Bild für die Offene Jugendarbeit. "Einige Einrichtungen mussten ihr Angebot reduzieren und konnten weniger oft in der Woche öffnen", erläutert Hanns-Ulrich Barde vom Bremer Paritätischen Wohlfahrtsverband. Ohne zusätzliche finanzielle Mittel drohten Kündigungen von Fachkräften und die Schließung von Einrichtungen.

Teilweise soll dieser Prozess bereits im Gange sein, wie einem Bericht des Bremer Dachverbandes der Träger der Freien Wohlfahrtspflege (LAG) zu entnehmen ist. Einrichtungen in Osterholz hätten demnach bereits Mitarbeiter entlassen, in mehreren Stadtteilen seien Angebote gestrichen worden, Schließungen drohten. Dabei sei die Offene Jugendarbeit für den sozialen Zusammenhalt der Stadt wichtig, betont Barde. "Wir sagen immer: Gemeinschaft ist die beste Prävention."

Sara Dahnken, Leiterin der Jugendförderung beim Deutschen Roten Kreuz in Bremen, sieht in der aktuellen Lage vor allem drei größere Probleme. "Das größte ist sicherlich die Unterfinanzierung. Tarifsteigerungen und die höheren Betriebskosten können dann nicht mehr gedeckt werden. Dann gibt es auch ein Nachwuchsproblem. Im 2014 beschlossenen Rahmenkonzept stand, dass neue Anerkennungsjahr-Praktikanten eingestellt werden sollten. Dafür ist aber bisher kein Geld zur Verfügung gestellt worden". An Bewerbern mangelt es laut Dahnken nicht. Dazu erwähnt ein Sprecher der Sozialsenatorin, Anja Stahmann (Grüne), dass das Rahmenkonzept von 2014 eine Summe von 120.000 Euro ab 2016 für die Anstellung von Anerkennungspraktikantinnen vorsehe. Im aktuellen Haushalt sei dafür eine Summe von 200.000 Euro veranschlagt.

Sanierungsstau erschwert die Lage

Das dritte Problem sei der Investitionsstau, betont die junge Leiterin.  

Manche Einrichtungen existieren schon lange. Viele gehören der städtischen Gesellschaft Immobilien Bremen. Wenn etwas kaputt geht, wird das nicht immer erneuert. Es heißt, wegen der schlechten Haushaltslage dürfe man nicht investieren.

Sara Dahnken vom Deutschen Roten Kreuz Bremen
Sara Dahnken, Leiterin der Jugendförderung beim Deutschen Roten Kreuz in Bremen

Die Situation ist Immobilien Bremen bekannt. "Das ist generell ein Problem in Bremen", bestätigt der Sprecher, Peter Schulz. Es gebe einen Sanierungsstau. "Jahr für Jahr stellen wir zusammen mit den Ressorts einen Sanierungsplan auf." Prioritäten würden in der Regel durch die Protokolle von  Architekten gesetzt, die alle drei Jahre jedes Gebäude begehen. Oder auch von den jeweiligen Ressorts.

Es gibt in Bremen einen Sanierungsstau in dreistelliger Millionenhöhe. Das spüren Schulen ebenso wie die Offene Jugendarbeit und Polizeireviere.

Peter Schulz, Sprecher von Immobilien Bremen  

Problematisch soll vor allem die haushaltslose Zeit sein

Die Grenzen zwischen Investitions- und Sanierungsstau sind offenbar nicht immer leicht zu ziehen. Erschwerend kommt die haushaltslose Zeit hinzu. "Es ist gerade sehr schwierig", sagt Barde vom Paritätischen. "Die Politik sieht, dass mehr getan werden muss. Das Problem momentan ist die haushaltslose Zeit." Der doppelte Haushalt für die Jahre 2020 und 2021 dürfte laut jüngsten Prognosen erst im Sommer verabschiedet werden.

In unserer Branche sind schon die Arbeitszeiten nichts besonders attraktiv. Wir können den Fachkräften nicht sagen: 'Wartet fünf Monate auf euer Gehalt.'

Hanns-Ulrich Barde im Interview
Hanns-Ulrich Barde, Der Paritätische Bremen

Sozialressort: Wir versuchen gerade, das Budget zu erhöhen

In den letzten zwei, drei Jahren seien die Kosten gestiegen, in den meisten Stadtteilen hätten die Vereine aber fast genauso so viel Geld zur Verfügung wie vor zehn Jahren, sagt Barde. Darauf antwortet das Sozialressort, dass das Budget für die Offene Jugendarbeit in den vergangenen Jahren immer wieder an die steigenden Kosten angepasst worden sei. Und zwar von 6,69 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 9,1 Millionen im Jahr 2018.

Die Senatorin bemüht sich derzeit um eine abermalige Anhebung des Budgets für die Offene Jugendarbeit in den laufenden Haushaltsberatungen. In der haushaltslosen Zeit ist eine Anpassung leider nicht möglich.

Bernd Schneider
Bernd Schneider, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne)

Am Dienstagabend ist der Haushaltsentwurf vorgestellt worden. Laut dem Sozialressort soll auf jeden Fall mehr Geld für die Offene Jugendarbeit zur Verfügung stehen. Noch ist es aber unklar, um wie viel es sich handelt. Der Entwurf muss noch in Fachausschüssen beraten und von der Bürgerschaft verabschiedet werden.

Die Forderung nach "mehr Geld" in einem Haushaltsnotlageland lässt sich nicht so ohne Weiteres umsetzen. (…) In einem solchen Kontext ist es sehr schwierig, finanzielle Forderungen für Themen durchzusetzen, die wichtig sind, hinter denen aber keine gesetzlichen Ansprüche stehen. So verhält sich das mit der Offenen Jugendarbeit. Die Senatorin streitet um eine bessere Ausstattung, aber weil die Offene Jugendarbeit nur dem Grunde nach, nicht aber der Höhe nach gesetzlich verankert ist, lassen sich zusätzliche Finanzmittel nur schwer gewinnen.

Bernd Schneider
Bernd Schneider, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin

Details über die Protestaktion noch nicht bekannt

Die Freien Träger und die Jugendeinrichtungen wollen heute mit einer kreativen Protestaktion ihre Stimmen im Fachausschuss hören lassen. Was genau geplant ist, möchten sie noch nicht verraten. "Es sind mehrere Aktionen verschiedener Art vorgesehen", sagt Dahnken. Verkehrsbehinderungen möchten sie aber vermeiden.    

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen EIns, Der Tag, 20. Februar 2020, 23:30 Uhr