Demo gegen türkischen Einmarsch: "Dafür muss man kein Kurde sein"

Kurdischstämmige Bremer erleben Zuspruch für ihre Demonstrationen gegen die türkische Militäroffensive in Nordsyrien. Doch es gibt Schattenseiten.

Demonstrierende Menschen vor dem Bremer Hauptbahnhof, die ein Banner in der Hand halten. Darauf der Schriftzug "Solidarität mit Rojava".

Die Welt wird kleiner und dreht sich schneller. So hat nicht nur die "Fridays for Future"-Bewegung inzwischen auch einen Ableger im nordsyrischen Rojava, gegründet von kurdischen Schülern. Umgekehrt hallen die Granaten und Bomben, mit denen die türkische Armee in diesen Tagen das Siedlungsgebiet beschießt, bis nach Bremen.

Deutlich wurde dies am Donnerstag, als sich rund 1.400 Menschen spontan am Hauptbahnhof trafen, um von dort aus zum Marktplatz zu marschieren. Dort demonstrierten sie lautstark gegen die Militäroffensive in Nordsyrien. Das Bemerkenswerte: Die große Demo fand erst am Samstag statt. 2.000 Menschen gingen laut Polizei auf die Straße. Die Organisatoren kündigten an, künftig weitere – sogar tägliche – Proteste zu veranstalten.

Bremer Initiativen bekunden Solidarität

"Wir hoffen auf mehr als tausend Teilnehmer", sagte Ercan Mesut, einer der Organisatoren im Vorfeld der Demonstration. Angemeldet haben er und seine Mitstreiter bei der Polizei allerdings nur 150 Teilnehmer – so wie schon bei der spontanen Demo am Donnerstag. Und sein Wunsch hat sich am Samstag auch erfüllt.

Ercan Mesut hofft, dass sich nicht nur Kurden unter die Demonstranten mischen. Und das aus gutem Grund: So haben die "Fridays for Future"-Bewegung und die Vereinigung "Seebrücke" bereits ihre Solidarität mit den vom Krieg heimgesuchten Kurden bekundet.

Die Bevölkerung ist gegen Krieg. Dafür muss man ja auch kein Kurde sein, dafür muss man einfach nur ein Mensch sein.

Ercan Mesut, Mit-Organisator der Demonstration

Angemeldet hat die Demonstration der kurdische Verein Birati. Dieser "Verein zur Förderung demokratischer Gesellschaft Kurdistans" gilt dem jüngsten Verfassungsschutzbericht des Bremer Innenressorts zufolge als "regionales Ausführungsorgan der PKK in Bremen". Er wurde gegründet unmittelbar nachdem in den 1990er Jahren vier "Unterstützervereine" der zuvor verbotenen PKK geschlossen worden waren. Denn die kurdische Arbeiterpartei PKK wurde von den Behörden damals als militant und seit 2002 auch als terroristisch eingeschätzt.

Von Gewaltbereitschaft oder Spannungen zwischen Türken und Kurden war auf der Demo am Donnerstag nichts zu spüren. "Ich frage die Menschen nie nach Nationalitäten", sagt Ercan Mesut. "Bei den Demonstrationen sieht man auch, dass man miteinander demonstrieren kann, während in den Medien oft eher das Gegeneinander dargestellt wird."

Kurden verfolgen unterschiedliche Ziele

So einfach sei es allerdings auch wieder nicht, sagt der Bremer Nahostexperte Çetin Gürer. Es gebe unter den Kurden durchaus verschiedene Lager. "Es gibt drei Gruppen, die sich politisch gespalten haben." So strebe der Verein Birati politisch eher eine Selbstverwaltung der Kurden innerhalb der Türkei an. "Sie wollen keinen unabhängigen kurdischen Nationalstaat", sagt Gürer.

Andere Gruppen wie die Sozialistische Arbeiterpartei Kurdistans (PSK) gingen noch weiter. So fordere die PSK für die kurdischen Regionen der Türkei ein eigenes, durch Regionalwahlen legitimiertes Parlament, eine regionale Verwaltung, eigene Polizeikräfte und muttersprachlichen Schulunterricht. Die Demokratische Partei Kurdistans (PUK) stehe schließlich für die Forderungen nach einem eigenen Staat.

Zusammenhalt vor allem in Krisenphasen

Zwei Männer blicken auf aufsteigenden Rauch über der nordsyrischen Provinz Sanliurfa
In Rojava sind derzeit mehr als 60.000 Menschen auf der Flucht vor dem türkischen Militär. Bild: DPA | Emrah Gurel

"Diese sehr unterschiedlichen politischen Lösungsvorschläge für die Zukunft der Kurden führen zu einer politischen Spaltung", sagt Gürer. Und das sei ein Problem. So gebe es in Krisenphasen wie jetzt zwar Aufrufe von Aktivisten und Politikern, dass die Kurden sich zusammenschließen müssten gegen die türkische Invasion. "Wir müssen aber sehen, wie nachhaltig das ist."

Gürer, dessen Vater Kurde und dessen Mutter Türkin ist, weiß, wovon er spricht. Er promovierte mit einer Abhandlung über die kurdischen Autonomiebestrebungen. Nachdem er 2016 eine Friedenspetition unterschrieben hatte, kündigte ihm seine Universität in Istanbul. Daraufhin kam er über ein Stipendium als Gastforscher an die Uni Bremen.

Die Gründe für die Militäroffensive der Türkei verknüpft er vor allem mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser versuche, durch die Militäroffensive seinen politischen Niedergang im Inneren zu kaschieren.

Erdogan tritt dabei als kriegsverherrlichender Staatschef auf, der einen neo-osmanischen Ansatz verfolgt und die Eroberung neuer Territorien propagiert.

Nahostexperte Çetin Gürer

Im Ergebnis führe dies jedoch nur dazu, dass der Krieg in Syrien noch viele weitere Jahre andauern werde, sagt Gürer. "Es werden Menschen sterben, Städte und Infrastruktur zerstört“.

Rund 10.000 kurdischstämmige Menschen in und um Bremen

Der Mit-Organisator der Demo, Ercan Mesut, erhofft sich daher Aufmerksamkeit für die mehr als 60.000 Menschen, die nach den türkischen Angriffen im Siedlungsgebiet Rojava auf der Flucht sind. Er hoffe, dass auch die deutsche Bevölkerung von einem Stopp der Waffenlieferungen an die Türkei überzeugt werde, sagt er. Allein im ersten Quartal dieses Jahres lieferten deutsche Rüstungskonzerne Waffen im Wert von 180 Millionen Euro in die Türkei. "Meiner Meinung nach sollte Deutschland bei dieser unmenschlichen Herangehensweise nicht mitmischen."

So wie er denken vermutlich viele Kurden, von denen viele – wie auch die Eltern Ercan Mesuts – bis Anfang der Neunziger Jahre aus den Kurdengebieten nach Deutschland flüchten mussten. Auf rund 10.000 schätzen Experten ihre Anzahl in und um Bremen. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Denn Minderheiten, die keinen Nationalstaat haben, werden in der Statistik nicht erfasst.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Oktober 2019, 19:30 Uhr