Wie sich die Grünen vor 40 Jahren in Bremen zur Partei mauserten

"Wir haben echt was Neues angefangen", erinnert sich Gründungsmitglied Helga Trüpel an die Anfänge der Partei. Geburtshelfer der Grünen waren auch Ex-Sozialdemokraten.

Alte Wahlplakate der Partei Die Grünen

Helga Trüpel war eine Frau der ersten Stunde bei den Bremer Grünen. Als Studentin hat sie 1979 die Aufbruchstimmung miterlebt, die die Parteigründer erlebt haben. Und hat auch den Gegenwind der etablierten Parteien noch in Erinnerung: "Die haben sich natürlich auch angegriffen gefühlt von dieser grünen Haltung."

Wer die Partei der Grünen in Bremen verstehen will, muss an ihre Wurzeln zurück. Es war Zeit der Anti-AKW Bewegung, Umweltschutz das Thema der Stunde. In Bremen gründet sich zuerst die Bremer Grüne Liste (BGL). Sie sind die ersten Grünen, die in ein Parlament einziehen und die den etablierten Politikbetrieb ordentlich aufmischen.

Aus dem Stand schafft es die damals noch junge Gruppierung ins Landesparlament. Viele Spitzenpolitiker hatten ihr das nicht zugetraut – weder CDU-Spitzenkandidat Bernd Neumann noch SPD-Bürgermeister Hans Koschnick. Letzterer hatte damit aber durchaus gerechnet. Denn schon zuvor bei der Europawahl zeigte sich das starke Protestpotential: Hier holten die Umweltaktivisten mit 3,2 Prozent zwar keine Mandate, aber sicherten sich dadurch eine 4,5 Millionen Mark hohe Parteienfinanzierung.

Vom Bürgerprotest zur politischen Bewegung

Vier Abgeordnete freuen sich
Sie waren die ersten grünen Politiker im Bremer Parlament: Peter Willers, Delphine Brox, Axel Adamietz und Olaf Dinné. Bild: DPA | Wolfgang Weihs

Ihre Wurzeln hat die BGL in einer Bürgerinitiative gegen den Bau der sogenannten Mozarttrasse. Diese Umgehungsstraße sollte nach den Plänen des Senats das Ostertorviertel durchschneiden. Die Bürgerinitiative verhinderte das. Führende Köpfe wie der Bremer Architekt Olaf Dinné traten aus der SPD aus und gründeten die neue Grüne Liste. Zunächst hatte er noch als Sozialdemokrat versucht, das "aus der Partei heraus zu regulieren". Erfolglos. Besorgte Bürger – vor allem aus dem linken Spektrum – schlossen sich der neuen Wählervereinigung an. Mit Flugblättern, Programmheften und eigener Zeitung setzten sie ihre Themen, diskutierten mit den Menschen auf dem Marktplatz.

Gerade mal 25 Mitglieder zählte sie damals, holte aber über 20.000 Wählerstimmen. Die Zahlen der ersten Hochrechnung gingen auf ihrer Wahlparty im Jubel unter. Mit vier Abgeordneten zog die Bremer Grüne Liste 1979 in die Bremische Bürgerschaft ein. Darunter die Deutsch-Französin Delphine Brox, die gern eine französische Sitte eingeführt hätte, nämlich dass man sich zur Begrüßung küsst. Eine Idee, die Ausnahmen erforderte, fand damals der BGL-Spitzenkandidat, Ex-Sozialdemokrat Peter Willers: "Also Hans Koschnick küsse ich nicht!"

Vorläufer der Grünen läuten Zeitenwende ein

Gern hätte Willers mit seiner neuen Liste die absolute Mehrheit der Sozialdemokraten in Bremen geknackt, "um endlich mal auch die SPD zu zwingen, unsere ökologischen Programmvorstellungen stärker als bis jetzt zu bearbeiten." Auch wenn die SPD weiter mit hauchdünner Mehrheit allein regieren konnte, stellte diese Bürgerschaftswahl eine Zeitenwende dar – nicht nur für Bremen, schwante damals auch dem Regierungschef.

Ich sehe insofern eine neue Entwicklung für die Bundespolitik, als alle Parteien sich den Kopf zerbrechen müssen, was aus diesen Alternativbewegungen – grün und bunt oder wie wir sie bezeichnen wollen – im Wesentlichen an Protestpotential vorhanden ist.

Hans Koschnick spricht auf dem SPD-Parteitag in Berlin 1979
Hans Koschnick, SPD

In Zeiten von Anti-Atomkraft- und Friedens-Bewegung engagierten sich immer mehr Menschen in vielen kleinen Bürgerinitiativen. Umweltschutz war ein großes Thema. Und was SPD, CDU und FDP dazu anboten, reichte nicht, sagte BGL-Spitzenkandidat Peter Willers. Der Wahlerfolg in Bremen zeigte ihm "ganz eindeutig die Unzufriedenheit mit der Politik der etablierten Parteien".

Ich glaube, dass dieses Bürgerschaftsergebnis auch nur die Spitze eines Eisbergs darstellt.

Peter Willers, Bremer Grüne Liste

Eine Partei wird geboren

Aufnahmeantrag für "Die Grünen" von Helga Trüpel
Den Aufnahmeantrag für "Die Grünen" hat Helga Trüpel aufbewahrt.

Er sollte Recht behalten. Am 11. November 1979 gründete sich im Welpenhof in Fischerhude der Bremer Landesverband der Partei und war damit der vierte seinesgleichen bundesweit. Manche Wegbereiter der BGL schlossen sich der neuen Partei an, andere nicht. Die Grünen brachten die bundesdeutsche Parteienlandschaft nachhaltig durcheinander. Als erste besetzte sie beispielsweise ihre Ämter gleichberechtigt mit Frauen und Männer. Dieser 50-Prozent-Quote sind sie bis heute treu geblieben.

Wir haben ganz viel bewegt.

Helga Trüpel
Helga Trüpel, Bündnis90/Die Grünen

Alexandra Werwath ist seit zwei Jahren Landesvorstandssprecherin der Bremer Grünen. Die Mitgliederzahlen haben sich in dieser Zeit verdoppelt. Neuer Auftrieb kommt unter anderem durch die Fridays for Future-Bewegung. "Als wir uns vor 40 Jahren gegründet haben, war ja die DNA der Kit: der politische Aktivismus mit den Anti-AKW-Protesten, mit den Frauenrechtlerinnen", sagt die 26-jährige Grünen-Politikerin. Ein ähnliches "Selbstermächtigungs-Momentum" spüre sie heute.

Aus einer anfänglichen Bürgerbewegung ist eine feste Größe im Bremer Parlament geworden. Seit 40 Jahren sind die Grünen ununterbrochen im Bremer Parlament vertreten – und das mittlerweile zum fünften Mal als Regierungspartei.

Mehr zu den Bremer Grünen:

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. November 2019, 19:30 Uhr