Ende der Flexibilität: Arbeitgeber kritisieren Urteil zur Arbeitszeiterfassung

Arbeitgeber müssen laut Europäischem Gerichtshof Arbeitszeiten komplett erfassen – was Bremer Gewerkschafter erfreut, entsetzt manchen Arbeitgeber.

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Europäische Unternehmen müssen die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter komplett erfassen. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Bild: DPA | blickwinkel(McPHOTO/M. Gann

Arbeitgeber müssen die Arbeitszeiten ihrer Arbeitnehmer komplett erfassen. Dieses Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hat bei Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden auch in Bremen für Aufregung gesorgt. Die Richter gaben einer spanischen Gewerkschaft Recht, die in Spanien gegen eine Deutsche-Bank-Tochter geklagt hatte, die lediglich die Überstunden der Mitarbeiter dokumentiert hatte – von denen allerdings ein Großteil nicht erfasst worden seien.

Das Urteil schiebt der Flatrate-Arbeit einen Riegel vor – und das ist gut so.

Annette Düring, Vorsitzende des DGB Bremen

"Die Zahl der unbezahlten Überstunden in Deutschland ist inakzeptabel hoch und kommt einem Lohn- und Zeitdiebstahl gleich", sagt Annette Düring, Vorsitzende des DGB Bremen. Standby-Modus und Entgrenzung könnten gravierende gesundheitliche Folgen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach sich ziehen. "Um dem entgegenzuwirken, ist eine Erfassung der Arbeitszeit entscheidend", so die Gewerkschafterin.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi begrüßt das Urteil ebenfalls. "Auch wenn in vielen Bereichen in Deutschland die Arbeitszeiterfassung durchgeführt wird, möchten die Arbeitgeber gerne das Rad zurückdrehen", sagt Markus Westermann, Verdi-Bezirksgeschäftsführer Bremen-Nordniedersachsen.

Arbeitgeber zeigen sich entsetzt

Doch die Freude der großen Gewerkschaften mögen viele Arbeitgeber nicht teilen. Auf Nachfrage von buten un binnen verwies beispielsweise Bremens größter Arbeitgeber Daimler auf die Aussagen der Arbeitgeberverbände zum EuGH-Urteil.

Diese reagierten entsetzt. Die Entscheidung des Gerichts wirke wie aus der Zeit gefallen, monierte beispielsweise die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) am Dienstag in Berlin.

Wir Arbeitgeber sind gegen die generelle Wiedereinführung der Stechuhr im 21. Jahrhundert.

Stellungnahme der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitnehmerverbände

"Auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Arbeitszeiterfassung 1.0 reagieren." Die Entscheidung dürfe keine Nachteile für Arbeitnehmer mit sich bringen, die flexibel arbeiteten. Auch künftig gelte aus Sicht der BDA: "Der Arbeitgeber kann seine Arbeitnehmer verpflichten, die von ihnen geleistete Arbeit selbst aufzuzeichnen."

So sehen alternative Zeitmodelle für Arbeitnehmer aus

Zwei Mitarbeiter im Büro von Hanse Wasser bei der Arbeit.

Marburger Bund freut sich auf Umsetzung des Urteils

Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund sieht das anders. Sie verweist angesichts des Urteils darauf, dass eine "systematische und objektive, das heißt nicht manipulierbare Arbeitszeiterfassung" bereits Teil der aktuellen Tarifverhandlungen sei. Aus Gewerkschaftssicht sollte hierbei für ein manipulations- und fehlerfreies System gesorgt werden, sagt Christina Hillebrecht, Vorsitzende des Bremer Landesverbands des Marburger Bundes.

Auf eine Umsetzung freuen wir uns jetzt schon!

Christina Hillebrecht, Vorsitzende des Marburger Bundes Landesverband Bremen

Denn dies bedeute: "Keine nachträgliche Erfassung aus dem Gedächtnis auf Zetteln." In den Bremer Krankenhäusern sei dies sicher eher die Regel als die Ausnahme.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 14. Mai 2019, 12 Uhr