Sollen Kinder in Bremen und Bremerhaven geimpft werden? Wer sagt was?

Video vom 3. August 2021
Ein junges Mädchen wird von einer Ärztin geimpft.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Wie sollen Eltern entscheiden? Die Gesundheitsämter haben ein Impfangebot gemacht, die Ständige Impfkommission will eine Impfung noch nicht empfehlen. Das sind die Positionen.

Rund 34.000 Kinder und Jugendliche im Land Bremen stehen gemeinsam mit ihren Eltern vor der Frage: Impfen oder nicht? Der Grund: Bremen und Bremerhaven machen ab sofort allen 12- bis 17-Jährigen ein Impfangebot. Doch der Beschluss, der auf eine Entscheidung der Gesundheitsminister-Konferenz zurückgeht, ist umstritten. Die Meinungen gehen auch in Bremen auseinander.

Stiko: Empfehlung nur für Risikogruppen

In Deutschland ist die Ständige Impfkommission, kurz Stiko, für Impfempfehlungen zuständig. Bislang empfiehlt sie die Corona-Impfung jedoch nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder Adipositas, also starkem Übergewicht, mit bestimmten Herzerkrankungen, chronischem Lungenleiden oder Nierenschwächen. Denn bei diesen jungen Menschen ist das Risiko für einen schweren Verlauf der Corona-Erkrankung höher als bei anderen.

Für andere Kinder und Jugendliche spricht die Stiko bislang zwar keine Empfehlung aus, sie rät allerdings auch nicht direkt von einer Impfung ab. Ihre Zurückhaltung begründen die Experten damit, dass es bislang noch zu wenige Daten zu möglichen gesundheitlichen Folgeschäden für 12- bis 17-Jährige gebe, sagte ihr Chef Thomas Mertens dem NDR. Man könne ohne "die notwendige Datensicherheit" keine generelle Empfehlung aussprechen, so Mertens.

Gesundheitsressort: Impfangebot ja, aber keine Impfpflicht

"Es gibt ja tatsächlich eine Stiko-Empfehlung, die ja doch auch weitreichende Möglichkeiten zulässt", sagt daher der Sprecher des Bremer Gesundheitsresorts, Lukas Fuhrmann. Für Bremen sei es lediglich wichtig, ein Angebot auch für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zu schaffen.

Es geht nicht darum, den Druck zu erhöhen.

Lukas Fuhrmann, Sprecher Bremer Gesundheitsbehörde

Der Ressortsprecher verweist darauf, dass Kinderärzte und Jugendärztinnen vor jeder Impfung für eine ausführliche Beratung bereitstünden, um Bedenken und Fragen der Jugendlichen zu besprechen.

Schon bislang dürfen sich 12- bis 17-Jährige nach eingängiger Beratung mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin impfen lassen. Dieses Angebot wird nun auch in Bremen auf die Impfzentren sowie geplante Impfzelte, beispielsweise an der Schlachte, erweitert.

Ärzte: Wissenschaftliche Erkenntnisse abwarten

Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes, bezweifelt, dass zum Beispiel in Impfzelten die Beratung die nötige Tiefe erreichen kann. "Ich meine, das sollte immer der behandelnde Arzt mit den Eltern besprechen", sagt Mühlenfeld.

Kinderärzte in Bremen kritisieren zudem den Druck, den die Politik mit ihrer Entscheidung ausübe. "Mein Eindruck ist, dass der politische Druck, der hier auf Stiko und auch auf die Familien ausgeübt wird, unsachgemäß ist", sagt der Vorsitzende des Verbands der Bremer Kinder- und Jugendärzte, Stefan Trapp.

Das ist wichtig für uns Ärztinnen und Ärzte, dass wir uns nach diesen Empfehlungen richten können und dass Empfehlungen wissenschaftlicher und nicht auf politischer Grundlage getroffen werden.

Stefan Trapp, Verbandsvorsitzender der Bremer Kinder- und Jugendärzte

Solange es nicht ausreichend Daten gebe, um zu sagen, die Impfung habe auch keine sehr seltenen Nebenwirkungen, müsse man darüber hinaus gerade bei Kindern und Jugendlichen besonders vorsichtig sein. Nicht zuletzt müsse die Stiko weiterhin als unabhängiges Gremium agieren können, so Trapp.

Epidemiologe: Individuelle Vorteile für Kinder geringer

Aus epidemiologischer Sicht spreche vor allem die Annäherung an die Herdenimmunität für eine Impfung der 12- bis 17-Jährigen, sagt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. Darüber hinaus könnten so längere und wiederholte Quarantänen ebenso verhindert werden wie mögliche Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion.

"Gegen die Impfung von Kindern und Jugendlichen sprechen die noch offenen Fragen in Bezug auf mögliche unerwünschte Wirkungen", sagt Zeeb. In geringem Maße sei auch die Tatsache bedeutsam, dass der individuelle Vorteil durch die Impfung, also auch die Verhinderung schwerer Verläufe, bei Kindern deutlich weniger ausgeprägt sei.

Kinder haben seltener schwere Verläufe und versterben so gut wie nie an Corona.

Hajo Zeeb, Epidemiologe

Das frühere Argument geringer Impfdosen, die dann anderen global vorenthalten würden, sei angesichts des Überangebots an Impfdosen hingegen nicht mehr valide, sagt der Epidemiologe.

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. August 2021, 19:30 Uhr