Digitalpakt: Darum sind die Millionen eine Riesen-Herausforderung

50 Millionen Euro in fünf Jahren: Laptops und WLAN an Bremens Schulen sind erst mal gesichert. Doch das ist nur der Anfang. Geschultes Personal muss her, und was ist in Jahr sechs?

Zu sehen ist eine Schulklasse, die mit Hilfe Tablets unterrichtet werden.

Nach monatelangem Streit zwischen Bund und Ländern folgte ein beiderseitiges Aufatmen: Der Vermittlungsausschuss ist sich einig, die nötige Gesetzesänderung für den Digitalpakt bewilligt. Damit ist der Weg frei für die Milliardenhilfen des Bundes für die Länder: Neue Computer und schnelles Internet, das verspricht der neue Finanzierungstopf.

In Bremen ist dieser fast 50 Millionen Euro schwer. Bis 2025 erhält das Land jedes Jahr 9,6 Millionen Euro für die digitale Bildung. Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) zeigte sich zufrieden: "Ich freue mich sehr über die Einigung. Wir sind schon vor geraumer Zeit durchgestartet und können deshalb schnell in die Umsetzung gehen."

Bremen – schon eine gute digitale Basis?

Das Land Bremen könne mit guten Voraussetzungen aufwarten, heißt es seitens des Bildungsressorts. An allen Oberschulen und Gymnasien gibt es demnach WLAN, weitgehend großflächig. Ähnlich sei die Situation an den Berufsschulen. In den Grundschulen seien bisher vor allem Lehrerzimmer mit WLAN ausgestattet, aber auch schon viele Unterrichtsräume. So gebe es dort beispielsweise auch schon einige Tablet-Klassen, von insgesamt 76 Grundschulen hätten bloß zwölf bislang kein WLAN.

An der Neuen Oberschule Gröpelingen (NOG) mache man davon bereits eine Menge Gebrauch, sagt der stellvertretende Schulleiter Christian Radke.

Es ist nicht so, dass wir erst jetzt mit dem Digitalpakt eine 'digitale Revolution' einleiten, denn viele Dinge passieren ja schon.

Christian Radke, stellvertretender Schulleiter Neue Oberschule Gröpelingen

Die Lehrer arbeiten laut Radke mittlerweile mit einem digitalen Klassenbuch, und mit "itslearning" habe das Land eine Lernplattform eingekauft, die man an der NOG bereits intensiv nutze. Unterrichtsmaterialen könnten damit unkompliziert hoch- und runtergeladen werden. Das mache "die unzähligen Kopien und Bücher" langfristig immer unnötiger, so Radke weiter.

Schüler sehen digitalen Verbesserungsbedarf

Dazu kommen diverse Apps, wie die Lernandwendung "Sofatutor" – in Videos werden Lerninhalte erklärt, durch Arbeitsblätter und interaktive Übungen soll der Stoff gefestigt werden. Schon jetzt arbeiten die Schüler damit, wie Radke weiter erzählt, und künftig plane man sogar eine Verknüpfung mit der Stadtbibliothek: "Die Schüler hätten dann problemlos und niedrigschwellig Zugriff auf digitale Texte, Bücher und Illustrationen. Wenn dieses Arbeiten damit immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit wird, ist das eine große Bereicherung für die Lehrer und natürlich auch für die Schüler", sagt der Pädagoge.

Die Devise für die Anschaffungen in den nächsten Jahren lautet tatsächlich: Geräte, Geräte, Geräte.

Christian Radke, stellvertretender Schulleiter der NOG
Khaled, Adnan und Zeynep arbeiten an der Neuen Oberschule Gröpelingen an einem Laptop
Khaled, Adnan und Zeynep wünschen sich mehr Computer und eine stabile Internetverbindung.

Die Schüler freuen sich über die geplanten digitalen Aussichten, denn zurzeit sehen sie Verbesserungsbedarf. Gingen zu viele gleichzeitig ins Internet, komme es schon mal vor, dass man mitten in der Arbeit aus dem Netz fliegt, berichten der 16-jährige Khaled sowie Adnan und Zeynep, beide 15 Jahre alt. Alle drei besuchen die NOG. Ein weiterer Kritikpunkt der Schüler: die Menge an Geräten. Die sei bisher unzureichend, sagt Khaled: "Dass man sich abwechseln muss, nervt. Bei uns sind es ja zwei Schulstunden, zumindest bei der Projektarbeit. Dann machen wir das so, dass die eine Klasse die Laptops eine Schulstunde benutzt – und dann geben wir sie ab. Wir können dann nicht mehr an der Projektpräsentation weiterarbeiten."

160 Euro pro Schüler im Jahr

Ähnlich sieht der Landesvorstandssprecher der Lehrergewerkschaft GEW in Bremen, Christian Gloede, die aktuelle Situation. In seinen Gesprächen mit Lehrern erzählten ihm diese häufiger von dem Problem, dass das WLAN "in die Knie geht", was eine Nutzung im Unterricht unattraktiver mache. "Ebenso häufig kommt es vor, dass die Lehrer auf die Endgeräte der Schüler zurückgreifen, weil an der Schule zu wenige oder gar keine vorhanden sind", sagt Gloede.

Er wolle den Erfolg des Digitalpaktes nicht schmälern und freue sich über die dringend nötige Finanzspritze; "nur muss erst mal extrem viel investiert werden, um überhaupt technische Voraussetzungen zu schaffen, bevor man Akzente setzt und lauter tolle Endgeräte anschafft", so Gloede weiter. Denn die Summe des Digitalpaktes erscheine zunächst weit größer, als sie tatsächlich sei: Teile man die knapp zehn Millionen Euro im Jahr auf die rund 60.000 Schüler, komme man bloß auf etwa 160 Euro, die für jeden Schüler im Jahr zur Verfügung stehen.

Um diese 50 Millionen wird es seitens der Schulen ein Hauen und Stechen geben.

Christian Gloede, Landessprecher GEW Bremen

"Das Land Bremen kommt also nicht umhin, selbst zu investieren", sagt der GEW-Sprecher. Das hatte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) bei buten un binnen bereits angekündigt. Laut Gloede bleibe da aber erst mal der Haushaltsplan der neuen Regierung abzuwarten, nach der Wahl im Mai. Fakt sei jedenfalls: "Um diese 50 Millionen wird es seitens der Schulen ein Hauen und Stechen geben", so Gloede, und damit diese bestimmen können, was sie wirklich bräuchten, dürfe man nicht nur die Lehrer einbeziehen; Eltern und Schüler müssten genauso zu Wort kommen. Und das brauche vor allem eines: Zeit.

Digitalisierung als Daueraufgabe

Andreas Breiter, Geschäftsführer ifib - Institut für Informationsmanagement Bremen an der Uni Bremen
Andreas Breiter ist Professor an der Uni Bremen sowie Geschäftsführer des IFIB und forscht seit zehn Jahren zur Transformation von Bildungsinstitutionen. Bild: Andreas Breiter | Andreas Breiter

Das sei ein Faktor, den man auf keinen Fall vergessen dürfe, sagt auch Andreas Breiter vom Institut für Informationsmanagement (IFIB) an der Uni Bremen. In den vergangenen zehn Jahren hat er mit seinem Team deutschlandweit zur Transformation von Bildungsinstitutionen geforscht und verschiedene Projekte in den Bundesländern gestartet. Dabei habe er vor allem eines festgestellt: Je nach Infrastruktur und Hintergrund sind einige Schulen ganz vorne dabei, was das Digitale angeht, mit motiviertem Kollegium und gutem Lehrkonzept, während andere Schulen teils stark hinterherhinken.

"Es wird daher erst einmal vor allem darum gehen, diese Diskrepanzen, diese Lücken zu füllen bevor man Akzente setzt, meint Breiter. Das sei die eine große Aufgabe für die kommenden fünf Jahre. Die andere bestehe darin, das Geld so einzusetzen, "dass auch im Jahr Sechs noch ausreichend Mittel im Haushalt eingeplant sind." Denn IT-Investitionen seien Dauerkosten; Betrieb, Wartung und Support müsse man immer mit einplanen, denn diese steigen entsprechend der Menge an Infrastruktur und Endgeräten. Dafür brauche man eigenes Personal.

Wenn ein modernes Whiteboard nur dafür benutzt wird, um wie damals bei einem Overhead-Projektor eine Folie an die Wand zu schmeißen, hat das den Sinn verfehlt.

Andreas Breiter, Geschäftsführer des Instituts für Informationsmanagement an der Uni Bremen

"So, wie wir künftig noch mehr digitalkompetente Lehrkräfte brauchen, brauchen wir künftig genauso Systemadministratoren für Bildungseinrichtungen." Und auch die Qualifizierung der Lehrer selbst dürfte aus Sicht von Breiter teurer werden: "Selbst wenn die Lehrer schon fit sind, sollen sie ja trotzdem nicht nur kreativ, sondern auch kritisch mit den Geräten umgehen. Wenn ein modernes Whiteboeard nur dafür benutzt wird, um wie damals bei einem Overhead-Projektor eine Folie an die Wand zu schmeißen, hat das den Sinn verfehlt." Das bedeute im Umkehrschluss: Mehr Investitionen in die Lehrerausbildung, was aber wiederum Ländersache sei und einen langen Atem brauche.

In all diesen Dingen seien Bremen und Bremerhaven konzeptionell schon sehr gut aufgestellt und hätten konkrete Vorgehensweisen im sogenannten Medienentwicklungsplan festgelegt. Anfang April will das Bildungsressort diesen vorstellen. "Nur wird das Land selbst trotz des Digitalisierungspaktes viel investieren müssen – und das kann das Bildungsressort alleine finanziell einfach nicht leisten."

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  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Februar, 19:30 Uhr