Wie ein Bremer vor 40 Jahren Bundespräsident wurde

Karl Carstens war der fünfte Präsident der Bundesrepublik. Obwohl er in Bremen von SPD-Bürgermeister Wilhelm Kaisen gefördert wurde, machte er Karriere in der CDU.

Bundespräsident Karl Carstens (CDU) im Bonner Bundestag
Seine staatsrechtlich bedeutsamste Entscheidung war die Auflösung des Bundestages nach der absichtlich verlorenen Vertrauensfrage Helmut Kohls. Bild: Imago | Sven Simon
Karl Carstens schwört den Eid vor dem Bundestagspräsidenten Richard Stucklen, daneben steht der damalige Berliner Bürgermeister Dietrich Stobbe
Bild: DPA | Keystone/Zuma Press

Karl Carstens war gut zu Fuß, das Volk gab ihm den Beinamen "Wanderpräsident". Auf seinen Touren spazierte er kreuz und quer durch West-Deutschland – meist in Begleitung seiner Ehefrau Veronica.

Mit Freude stellte er 1979 fest, dass die Wanderbewegung wieder zunimmt. Interessierte Bürger begleiteten ihn und wollten mit ihm ins Gespräch kommen. Carstens gab sich dabei entspannt und volksnah, doch er konnte auch anders – manchmal etwas knarzig und vor allem konservativ.

Ich glaube noch heute, dass damals in den 60er und 70er Jahren fundamentale Fehler gemacht wurden in der deutschen Bildungspolitik. Antiautoritäre, kritische, emanzipatorische Erziehung. Das bedeutete den Abbau aller herkömmlichen Wertvorstellungen und Tugenden.

Karl Carstens
Bundespräsident Karl Carstens und Ehefrau Veronica
Immer gern mit Rucksack unterwegs zusammen mit seiner Frau Veronica. Bild: DPA | Hartmut Reeh

Geboren wurde Karl Walter Claus Carstens im Dezember 1914 im gutbürgerlichen Bremer Stadtteil Schwachhausen. Seinen Vater lernte er nicht kennen, der fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Abitur studierte Carstens Rechtswissenschaft, noch vor Ausbruch des Krieges trat er in die NSDAP ein und gehörte sogar der SA an. Beim Militär stieg er rasch auf und wurde Offizier der Luftwaffe. Kritiker hielten Carstens später seine Vergangenheit vor – doch seiner steilen politischen Karriere nach Kriegsende schadete es nicht.

Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen von der SPD erkannte das Talent des jungen Juristen – und förderte ihn. "Kaisen war eine großartige Persönlichkeit, ich verehre ihn bis heute", gestand er. Dennoch trat Carstens nicht etwa in die SPD ein, sondern in die CDU. Er wurde Staatssekretär im Auswärtigen Amt und im Verteidigungsministerium. Unter der Großen Koalition unter Kurt Kiesinger (CDU) wurde er Chef des Kanzleramts, ab 1972 Bundestagsabgeordneter und nur ein Jahr später Oppositionsführer – als Chef der Unions-Fraktion. Carstens, der von sich selbst sagte, er habe sich in kein einziges politisches Amt gedrängt, wurde dann zunächst Bundestagspräsident – und am 23. Mai 1979 zum Bundespräsidenten gewählt.

Geprägt war seine Amtszeit vom Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982. Die FDP zog es zur Union, neuer Bundeskanzler wurde Helmut Kohl und der strebte rasche Neuwahlen an. Carstens tat sich damit zunächst schwer, erklärte dann aber:

In dieser kritischen einmaligen Situation, die in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bisher einmalig ist, erscheint mir die von allen Parteien erhobene Forderung nach Neuwahlen auch politisch begründet.

Karl Carstens

Eine zweite Amtszeit als Bundespräsident ab Mitte 1984 kam für Carstens nicht infrage – aus Altersgründen, wie er sagt. Acht Jahre später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls in Meckenheim bei Bonn.

  • Michael Kück

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 23. Mai 2019, 7:50 Uhr