Infografik

Wie die Inflation die Armen in Bremen und Bremerhaven in Not bringt

Eine Abholerin zeigt in einer Tafel auf Obst
Die Bremer Tafel rechnet für die nahe Zukunft mit einem größeren Zulauf aufgrund der Inflation und der gestiegenen Preise auch für Lebensmittel. Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Vor allem die Energiekosten lassen die Inflation steigen. Das setzt vor allem den sozial Schwächeren zu. Die Verbrauchzentrale fordert höhere Transferleistungen.

Menschen mit geringen Einkünften merkten naturgemäß immer zuerst, dass sie weniger für ihr Geld bekommen als sonst, sagt Uwe Schneider. Der Vorsitzende der Bremer Tafel rechnet damit, dass der Kundenkreis der Tafel aus derzeit rund 2.400 bis 2.500 Bremerinnen und Bremern demnächst anwachsen wird – als Folge der Inflation. "So etwas wirkt sich bei uns meist mit einer leichten Verzögerung aus", sagt Schneider. Auf der Kostenseite spüre die Bremer Tafel die Preissteigerungen allerdings schon jetzt: aufgrund der hohen Energiepreise.

Mit sieben großen Fahrzeugen fahre man regelmäßig etwa 160 Spender an. Sondertouren zu Zwischenhändlern kämen noch dazu. "Wir zahlen fast 2.000 Euro monatlich für Kraftstoff", sagt Schneider. Gleichzeitig machten sich die gestiegenen Heizkosten in den Ausgabestellen bemerkbar. Wie stark sich die Mehrausgaben für den Strom, den die Tafel für ihre Kühl- und Tiefkühlzellen benötigt, noch auswirken werden, lasse sich noch nicht überblicken. Klar sei aber, dass die Tafel dringend mehr Geldspenden einwerben müsse als in den Jahren zuvor. "Wir können die Mehrkosten schließlich nicht an unsere Kunden weitergeben", stellt Schneider fest.

Es gibt viele ältere Menschen bei uns, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen

Uwe Schneider, Vorsitzender der Bremer Tafel

Die Bremer Tafel sammelt seit Mai 1995 überzählige Lebensmittel, die andernfalls weggeworfen würden, um sie für eine kleine Schutzgebühr an Menschen mit niedrigen Einkünften zu verteilen. "Seit Corona kommen zu uns auch zunehmend Kundinnen und Kunden, die in der Pandemie ihre Stelle verloren haben oder in Kurzarbeit geraten sind", so Schneider. Zudem bezögen viele ältere Menschen Lebensmittel bei der Bremer Tafel. Wegen der Inflation von mittlerweile 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat könnten es bald noch deutlich mehr werden, glaubt Schneider. "Es gibt viele ältere Menschen bei uns, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen."

Inflationsrate in Deutschland von November 2020 bis November 2021

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Dass die Bremer Tafel die Inflation derzeit vor allem aufgrund der gestiegenen Energiepreise zu spüren bekommt, ist kein Zufall. Sind die Preise etwa für Nahrungsmittel und für Dienstleistungen mit 4,5 beziehungsweise 2,8 Prozent innerhalb eines Jahres eher moderat gestiegen, so sind jene für die Energie drastisch in die Höhe geschnellt. Energie kostete im November nach Angaben des Statistischen Bundesamt 22,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor – eine Folge nicht zuletzt der gestiegenen Nachfrage durch die Wirtschaft, die in der Pandemie zeitweise die Produktion herunterfahren musste.

Stom-, Wasser- und Gaspreise zugleich stark gestiegen

"Die Energiepreise sind bei uns gerade das Thema schlechthin", sagt denn auch Inse Ewen, Energieberaterin der Verbraucherzentrale Bremen: "Wir erhalten gerade viele, viele Anfragen von Leuten, die sagen: Wir können das zukünftig nicht mehr bezahlen. Die Preise von Strom, Wasser und Gas schießen in die Höhe."

Bei den Betroffenen handele es sich oft um Frauen, Männer und Familien, die bislang gerade noch über die Runden gekommen sind, die aber aufgrund ihrer geringen Einkünfte keinen Puffer haben, um Mehrkosten aufzufangen: "Die Kette setzt sich ja auch fort: Nicht nur die Energiepreise steigen, sondern auch die für Lebensmittel und für den ÖPNV. Das ist dann in der Summe einfach zu viel", erklärt Ewen.

Besonders schlecht sehe es für Haushalte aus, die von Transferleistungen wie Arbeitslosengeld II leben. "Diese Transferleistungen erhöhen sich eben leider nicht automatisch, wenn die Strompreise steigen", moniert die Verbraucherschützerin. Daher fordere sie, dass Transferleistungen wie das Arbeitslosengeld an die Inflationsraten angepasst werden.

Machtlos vor steigenden Energiepreisen

So, wie es jetzt laufe, gerieten immer mehr Leute im Land Bremen in Bedrängnis. Könnten die Betroffenen beispielsweise auf steigende Lebensmittelpreise unter Umständen zumindest noch durch besonders bewusstes und sparsames Einkaufen reagieren, so seien sie steigenden Energiepreisen nahezu machtlos ausgeliefert: "Der Frust ist bei diesen Menschen zum Teil so groß, dass sie nicht einmal mehr die Post öffnen mögen, weil sie sich vor weiteren Preiserhöhungen und Mahnungen fürchten", so Ewen.

Doch das sei ein schwerer Fehler. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, sollten sich Betroffene unbedingt möglichst frühzeitig bei der Verbraucherzentrale melden, um sich beraten zu lassen und zu verhindern, dass sich Schulden auftürmen.

Wie geht es jetzt weiter?

In der Frage, ob und wie sich die Inflation fortsetzen wird, gehen die Meinungen der Expertinnen auseinander. Isabel Schnabel, Direktorin der Europäischen Zentralbank (EZB), sagte dazu dem ZDF: "Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist." Die Teuerungsrate werde 2022 wahrscheinlich wieder allmählich in Richtung zwei Prozent sinken, der Zielmarke der EZB.

Inse Ewen von der Verbraucherzentrale Bremen findet diese Prognose der EZB zumindest gewagt: "Wir haben keine Glaskugel", sagt sie. Die Entwicklung hänge von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zähle etwa, inwiefern es der Wirtschaft wieder gelinge, ebenso unkompliziert wie vor der Pandemie Rohstoffe zur Erzeugung ihrer Produkte zu beschaffen. "Wenn das alles wieder ganz einfach ist, werden sich die Preise auch wieder normalisieren", so Ewen. Wann es aber so weit sein wird – das hält die Bremer Verbraucherschützerin für ebenso schwer vorhersehbar wie den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie.

Energiepreise machen Wohnen in Bremen teurer – hilft sanieren?

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Juli 2021, 19:30 Uhr