Bremer Skulptur landet im Müll – und 6 weitere zerstörte Kunstwerke

Ist das Kunst oder kann das weg? Ein Bildhauer hat die Stadt Bremen verklagt, weil sein Werk aus Versehen bei Bauarbeiten entsorgt wurde. Leider kein Einzelfall.

Mehrere Metallplatten, die als Bodenskulptur inszeniert wurden.
Bild: Gunther Gerlach

Der "Semizirkel" war Teil der Installation "Im Strom" am Weserwehr in Bremen. Er war Rolf Noldens Beitrag zum Kunstwerk, das an das abgerissene Wasser- und Stauwerk erinnern sollte. Das war 1994. Seit 2010 ist der "Semizirkel" verschwunden. Im Zuge des Umbaus des Weserwehrs wurden die Einzelteile vermutlich versehentlich mit abtransportiert, zu ähnlich sahen sie dem Schutt und Müll der Baustelle. Das sei Unsinn, findet der Münsteraner Nolden und forderte Schadensersatz von der Stadt Bremen. Mit Erfolg: In der heutigen Verhandlung einigten sich alle Beteiligten auf einen Vergleich. 30.000 Euro erhält der Bildhauer von der Stadt, die Gerichtskosten werden geteilt. Sauer ist der Künstler immer noch.

Die Kunstwerke sind wie eigene Kinder und wenn ein Kind woanders ist, macht man sich Gedanken darüber, wie es ihm geht.

Rolf Nolden zu buten un binnen
Künstler Rolf Nolden zeigt eins seiner Werke im Gerichtssaal.
Bildhauer Rolf Nolden zeigt eins seiner Werke im Gerichtssaal.

Vorfälle, bei denen versehentlich Kunstwerke als Abfall entsorgt werden, haben eine gewisse Tradition. Nicht unbedingt in Bremen, aber in Deutschland. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Es könnte am Wandel in der Kunst liegen: Installationen und Skulpturen werden abstrakter und großflächiger, sie hängen nicht mehr einfach an der Wand wie ein Gemälde. Außerdem passiert Kunst immer mehr im öffentlichen Raum, nicht nur in Museen.

6 Kunstwerke, die versehentlich im Müll landeten

1 Joseph Beuys: "unbetitelt (Badewanne)" (1960)

Die sogenannte Fettwanne wurde Mitte der 1970er Jahre während einer Feier in einer Ausstellung in Leverkusen zerstört. Zwei Frauen waren bei der Suche nach einem Waschbecken für die schmutzigen Gläser der Gäste auf die Wanne gestoßen. Und haben diese erstmal gründlich gereinigt. Der extra angebrachte Schmutz war weg, Joseph Beuys fuchsteufelswild und der Schaden belief sich auf etwa 80.000 Deutsche Mark.

2 Joseph Beuys: "Fettecke" (1982)

Spuren der zerstörten Fettecke im ehemaligen Raum 3 von Joseph Beuys sind am 07.01.2016 in der Kunstakademie in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in einem ehemaligen Atelierraum von Beuys zu sehen.
Überreste der "Fettecke", Joseph Beuys (1982/1986). Bild: DPA | Rolf Vennenbernd

Fett war ein wichtiges Thema in Joseph Beuys Kunst. Doch auch die Installation in seinem Atelier in der Kunstakademie Düsseldorf überlebte den Putzfimmel nicht. Das in einer Ecke hinter einer Scheibe angebrachte Stück Butter wurde 1986 vom Hausmeister der Akademie entfernt. Beuys war bereits verstorben. Fast 30 Jahre später wurden die Überreste der Fettecke vom Bremer Künstlerduo Korpys/Löffler zu einem Schnaps verarbeitet. Er soll nach Parmesan geschmeckt haben.

3 Martin Kippenberger: "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen" (20. Jahrhundert)

Die Installation des deutschen Künstlers Martin Kippenberger war als Leihgabe 2011 in Dortmund ausgestellt. Vernagelte Holzlatten bildeten ein hohes Konstrukt, darunter auf dem Boden stand eine kleine Wanne mit einem Kalkfleck in der Mitte. Und dieser fiel natürlich den Händen einer Putzkraft zum Opfer. Kippenberger war seit 14 Jahren tot, der Leihgeber der Installation immerhin versichert: 800.000 Euro war das Kunstwerk wert. Die Putzkraft hat ihren Job angeblich behalten können.

4 Lotty Rosenfeld: "Una Milla de Cruces sobre el Pavimento (Eine Meile aus Kreuzen auf dem Asphalt)" (2007)

Für die Aufstellungsreihe documenta in Kassel klebte die Chilenin Lotty Rosenfeld weiße Fahrstreifen über Kreuz, um auf verquere Machtstrukturen hinzuweisen. Die Aktion hatte sie bereits zuvor in Berlin und Chile durchgeführt. In Kassel machte ihr jedoch das Stadtreinigungsamt einen Strich durch die Rechnung: Es entfernte die Markierungen noch bevor die documenta eröffnete.

5 Romana Menze-Kuhn: "Behausung 6/2016" (2016)

Die Künstlerin Romana Menze-Kuhn steht am 03.02.2016 in Mannheim (Baden-Württemberg) in der evangelischen Philippuskirche an ihrem Kunstobjekt «Behausung 6/2016». Eine Reinigungskraft hatte versehentlich Teile der Rettungsfolie, die ursprünglich auf dem Boden lagen, in einen Mülleimer geworfen. Die Künstlerin nutzte den Zwischenfall und baute die Mülltonne in ihr Werk mit ein.
Romana Menze-Kuhn mit ihrem zerstörten Kunstwerk "Behausung 6a/2016". Bild: DPA | Uwe Anspach

In Mannheim war eine Reinigungskraft zu voreilig, als sie die Philippuskirche sauber machen wollte. Die Goldfetzen der dort ausgestellten Installation landeten in einer Mülltonne. Eigentlich handelte es sich um Kühldecken, die von Romana Menze-Kuhn so drapiert wurden, dass sie an Zelte in Flüchtlingsunterkünften erinnern sollten. Die Künstlerin reagierte empört auf die unbeabsichtigte Zerstörung, integrierte die Tonne daraufhin aber in ihr Kunstwerk und änderte den Namen in "Behausung 6a/2016".

6 Herman de Vries: "Sanctuarium" (1993)

Das Sanctuarium von Herman de Vries am Pragsattel in Stuttgart: ein eingezäunter Kreis, in dem Bäume und Pflanzen seit 1993 ungestört wachsen konnten.
Vorher: Das wuchernde "Sanctuarium" von Herman de Vries am Pragsattel in Stuttgart. Bild: BR | Isabella Geiger

Bei der Internationalen Gartenschau (IGA) 1993 schuf der niederländische Künstler Herman de Vries eine runde umzäunte Fläche, in der die Natur ohne menschliche Einflüsse wachsen konnte und sollte. 25 Jahre ging das gut, dann hat die Stadt Stuttgart 2018 den Kreis "gerodet". Nichts war mehr übrig von den wuchernden Bäumen, dafür war die Empörung beim Künstler umso größer. Das zuständige Garten-, Friedhof- und Forstamt bezeichnete die Aktion als "nicht super optimal".

Vom Sanctuarium von Herman de Vries am Pragsattel in Stuttgart ist nach der Rodung 2018 durch das Gartenbauamt nur noch der kreisrunde Zaun übrig geblieben.
Nachher: Das leere "Sanctuarium", Herman de Vries (2018). Bild: SWR | Silke Arning

Autorin

  • Katharina Kuntze

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Juni 2019, 19:30 Uhr