Wie den Ostfriesen der Schnaps ausgetrieben werden sollte

Es gab in Ostfriesland eine Zeit, da gab es Bier und Schnaps zu jeder Gelegenheit. Als sich die Todesfälle häuften, sollte dem Trinken ein Ende bereitet werden.

Schnapstrinkende Ostfriesen stoßen an
Prösterchen! Ein Schnaps in Ehren, aber im 19. Jahrhundert blieb es nicht immer bei dem einen. Bild: Imago | Hans Blossey

Geburtstag, Hochzeit, Taufe, Beerdigung – besonders in Ostfriesland gab und gibt es viele Traditionen, bei denen Bier und Schnaps dazu gehören. So manches Glas wird dann geleert. Im 19. Jahrhundert war das mit dem Alkoholkonsum in Ostfriesland aber geradezu eine Epidemie. Unfälle und sogar Todesfälle waren an der Tagesordnung.

Trinken, das mögen die Ostfriesen. Schon immer! Aber nicht nur, weil es ihnen Spaß machte, sagt Heinrich Buurmann. Der ehemalige Apotheker hat ein Buch über die Trunksucht der Ostfriesen geschrieben. "Das war die Armut, die Armut brachte sie dazu, und dann wurde der Alkohol als Sättigungsmittel genommen."

Todesfälle häuften sich

Viele Ostfriesen lebten kärglich, verdingten sich als Deichbauer oder stachen Torf im Moor. Der Schnaps half über vieles hinweg. Wie eine Seuche breitete sich die Alkoholsucht in Ostfriesland aus. Viele ließen im Suff ihr Leben. In Leer fiel ein Arbeiter tot um, weil er zu viel getrunken hatte. Und ebenfalls in Leer verbrannte eine 82-jährige Frau sitzend an ihrem Küchentisch. Neben ihr standen eine erloschene Lampe und eine leere Flasche Schnaps. Ein Arzt stellte fest: "Der mit Alkohol überfüllte Atem hatte sich wohl an der Flamme entzündet. Dann hatte sich die Verbrennung von den Lungen und dem Herzen aus durch die großen Blutgefäße auf die übrigen, mit Alkohol durch und durch angefüllten und durch das Alter ausgedörrten Körperteile ausgebreitet."

Ähnlich erging es einem Weber in Esens. In Uphusen stürzte ein betrunkener Zimmermann in einen Graben und starb. In Leer wurden zwei Brüder gefunden, sechs und neun Jahre alt. Sie lagen in einem ausgetrockneten Graben und daneben eine Flasche Schnaps. Bereits die Kinder waren alkoholkrank.

So konnte es nicht weitergehen. In Ostfriesland gründeten Alkoholgegner Mäßigkeitsgesellschaften. Sie wollten die Trinker bekehren, erklärt Buchautor Buurmann. Und sie hatten eine echte Waffe gegen den Schnapsteufel: Freiherr Albert von Seld. Der kam 1846 aus Berlin nach Ostfriesland. "Der ist also durch Ostfriesland getigert zu Fuß oder auf dem Pferd, im Rheiderland durfte er sogar über den Deich reiten, was sonst nur Ärzten erlaubt war", so Buurmann. "Und der sollte die ganzen Mäßigkeitsgesellschaften, die sich seit 1839 hier gegründet hatten, besuchen, neue gründen und die bestehenden unterstützen."

Schwierige Mission

In einigen Gegenden hatte Agent von Seld sogar Erfolg, doch vielerorts blieben ihm die Türen verschlossen. Oft wurde er von den Ostfriesen verspottet und verhöhnt. In Bunde im Rheiderland sei er mit Kot beworfen worden. Kinder seien hinter ihm hergelaufen, erzählt Buurmann. Im nördlichen Ostfriesland habe er mit dem Pastoren und seiner Frau in der Kammer gesessen, als ein Stein durchs Fenster geflogen kam.

Nach einem halben Jahr war Schluss mit der Mission. Allerdings nicht so wie geplant. In seinem Bericht schrieb von Seld:

Ich habe noch kein Land gefunden, in dem die Mäßigkeitssache so viel Spaltung, ja Feindseligkeit hervorgerufen hat als in Ostfriesland.

Freiherr Albert von Seld

Erst 1887 konnte dem Schnapsteufel Einhalt geboten werden in Ostfriesland. Reichskanzler Otto von Bismarck setzte eine Branntweinsteuer durch. Dennoch wird immer noch viel getrunken. Gelegenheiten gibt es schließlich genug.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. März 2018, 10:40 Uhr