Interview

Ein Bremer Psychoanalytiker erklärt: Was Ihre Träume bedeuten können

In unseren Träumen können wir fliegen – oder unser Haustier spricht plötzlich italienisch. Manche Träume machen auch Angst. Warum erklärt Psychoanalytiker Michael Szonn.

Video vom 28. November 2020
Ein Mann schläft, um ihn herum unscharfe Kreise (Symbolbild)
Bild: Imago | Begsteiger

In unseren Träumen ist alles möglich. Aber nicht immer sind Träume einfach nur wirr, witzig und voller Fantasie. Albträume reißen uns aus dem Schlaf, wir werden verfolgt, drohen zu ertrinken oder fallen unaufhaltsam in die Tiefe. Was hinter wiederkehrenden Träumen steckt und wie wir trainieren können, uns besser an unsere Träume zu erinnern, weiß der Bremer Psychoanalytiker Michael Szonn.

Herr Szonn, was kommt zutage, wenn man träumt?
Häufig wird ja davon gesprochen, dass Tagesreste verdaut werden, wenn man träumt. Manche sprechen dem gar keine weitere Bedeutung zu. Tatsächlich gehe ich auch davon aus, dass das, was wir am Tag erlebt haben, was wir abgeschlossen und auch was wir nicht abgeschlossen haben, wieder in Einzelteile zerlegt wird. Man kann sich das wie ein Lego-Häuschen vorstellen: Am Tag hat man es gebaut und in der Nacht macht man sich davon noch mal ein Bild und zerlegt es dann wieder in einzelne Steine – und am nächsten Tag kann man wieder neue Geschichten daraus bauen.
Woher kommen die Elemente eines Traums?
Wir haben einmal die äußere Realität. Wir sammeln am Tag und im Laufe des Lebens Eindrücke, die wie auf einer Leinwand erscheinen. Die Frage ist: 'Wo bin ich da eigentlich?' Um Träume besser verstehen zu können, ist mein Vorschlag, davon auszugehen, dass sich mein psychischer Apparat zwischen den beiden Seiten einer Leinwand befindet.
Ich bin also in der Mitte. Aber was befindet sich an den beiden Enden der Leinwand?
Auf der einen Seite erscheint die äußere Welt und auf der anderen Seite ist die innere Welt. Beide treffen aufeinander. In der Nacht ist der äußere Teil der Leinwand still. Ich nehme nichts wahr, außer das Klingeln des Weckers oder Störgeräusche. Dann tritt, deutlicher als am Tag, die innere Welt hervor. Dieser inneren Welt kann ich mich auch am Tage nähern, aber in der Nacht gibt es sozusagen einen direkten Zugang zu diesem unbewussten Denken und Fühlen.
Was träumen wir am häufigsten?
Ich weiß nicht, was häufig vorkommt. Man kann nur sagen, was häufig berichtet wird und in aller Regel sind das Angst-Träume. Diese Träume unterbrechen den Schlaf, wir wachen auf und können uns gut daran erinnern. Häufig sind das Fall-Träume, Verfolgungs-Träume, zum Beispiel, dass ein Tier hinter mir her ist. Manchmal sind es aber auch beglückende Träume: Ich entkomme der Bedrohung, ich kann fliegen oder Dinge tun, die sonst eigentlich nicht gelingen können.

Trotzdem träumt jeder Mensch seine eigenen Träume und ich kann nie den Traum eines anderen träumen.

Michael Szonn
Michael Szonn, Psychoanalytiker
Manchmal erinnert man sich kaum an Träume, manchmal sind sie wirr oder aber auch sehr real. Woran liegt das?
Wenn ich mich an meinen Traum erinnere, dann kann das wirres Zeug sein, was auch wirr bleibt, es ist nicht nachvollziehbar. Aber es kann auch sein, dass ich Bezüge herstellen kann zu Dingen, die mich aktuell oder auch schon seit längerer Zeit im Inneren beschäftigen. Das sind unabgeschlossene Prozesse, die zur Wiedervorlage kommen und im Traum bildhaft gefasst werden.
Was bedeutet es, wenn ich mich im Traum verfolgt fühle?
Es kann das Durchspielen einer äußeren Gefahr sein. Zum Beispiel eine Konkurrenzsituation an meinem Arbeitsplatz. Fühle mich von einem Kollegen bedroht und fürchte um meinen Arbeitsplatz? Traumelemente gehören aber immer auch zu mir. Es lohnt sich also immer zu schauen, was das für ein Teil von mir ist. Dieser Teil von mir könnte auch einer sein, der selber bedroht, zum Beispiel den Kollegen im Konkurrenzkampf. Aber ich traue mich nicht so richtig, diese Art der Aggressivität in meine Persönlichkeit hinein zu nehmen.
Warum ist das bedrohlich?
Im Erleben bleibt es ein Stück weit außen, weil ich mich nicht traue, mich aggressiv zu behaupten. Die Bedrohung ist, wenn ich mich aggressiv behaupte, dann geschieht eine Katastrophe. Das ist nicht erlaubt, das geht nicht, so darf ich nicht sein.
Welche Bedeutung haben Fall-Träume?
Die können viele Bedeutungen haben. Träume kommen nicht immer aus unserer persönlichen Geschichte, sie kommen auch aus unserer Menschheitsgeschichte. Es gibt Träume, die immer wieder auftauchen und zu unseren Grundängsten gehören. Irgendwo endlos herunterzufallen, in etwas zu ertrinken oder in eine Enge eingeschlossen zu sein. Wenn man einen biografischen Bezug herstellt, können Fall-Träume auch einen Zustand des Nichtgehaltenseins darstellen: Es ist niemand mehr da, es gibt keinen Halt mehr, ich bin nicht mehr verbunden, ich gehe verloren. Das sind Ängste, die wir ohnehin in uns tragen.
Inwiefern kann man beeinflussen, sich an Träume besser zu erinnern?
Wir alle träumen. Die Traumforschung hat bisher keine Antwort darauf gefunden, warum sich manche Menschen super an sie erinnern und andere nicht.

Wenn man unter Freunden oder in Partnerschaften anfängt, sich seine Träume zu erzählen und sie so mit ins Wach-Leben hinein nimmt, dann wird man sehen, dass das Traumerleben auch stärker wird und man mehr erinnert. Da tritt dann allerdings das Problem ein, was man mit dem Traum anfängt.

Michael Szonn
Michael Szonn, Psychoanalytiker
Was schlagen Sie vor?
Die meisten gehen da oft doch sehr rational heran. Das entspricht nicht dem Wesen des Traums. Wenn ich mir meine Träume anschaue, wäre es gut zu überlegen, welche Einfälle ich dazu habe. Man muss auf die Stimmung gucken, denn Träume sind mal düster, mal sehr hell, sie können sehr freudig sein oder erfüllend, sie können aber auch beunruhigend und ängstigend sein. Hier sollte man hingucken: Was gibt es gerade in meinem Leben? Wozu gehört das? Wozu passt das? Wenn ich mir da eine Freiheit lasse und nicht zu eng denke, tauchen auf einmal viele Einfälle dazu auf. Dann wird das Ganze oft eine Runde Sache und ich kann mich auf einmal besser verstehen.
Auch schlechte Träume können also positiv sein?
Man kann daraus etwas schöpfen. Wenn ich mich Träumen offen nähere, können sie eine große Kraft entfalten und mir auch Lösungsmöglichkeiten bieten wo ich denke: 'Ja, das wär's doch, mach es doch so.' Viele nutzen das und schätzen auch ihre schweren und schlimmen Träume weil sie wissen, dass es sie weiterbringt, wenn sie sich denen stellen. So, wie wenn man sich auch einer beängstigenden Situation stellt.
Psychoanalytiker Michael Szonn
Psychoanalytiker Michael Szonn ermutigt Menschen dazu, sich intensiver mit ihren Träumen zu beschäftigen. Bild: Radio Bremen
Warum träumen viele Menschen auch Jahrzehnte nach ihrer Schulzeit noch von Prüfungssituationen oder bestimmten Momenten, die schon sehr lange zurückliegen?
Ich kenne das auch von mir. Ich habe immer wieder davon geträumt, dass mir jemand im Krankenhaus einen Pieper in die Hand drückt und sagt: "Übernimm' mal eben!". Ich habe früher auch im intensivmedizinischen Bereich gearbeitet und viele Situationen erlebt, die sehr belastend und vielleicht auch überlastend waren. Die Träume sprechen dafür, dass das Mikrotraumata sind, zum Beispiel Prüfungssituationen, in denen man einfach überlastet war – und das geht einem immer wieder nach. Aber auch hier gibt es Entwicklungen.
Sie meinen also, Menschen und ihre Träume können sich weiterentwickeln?
In meinem persönlichen Fall gab es dann im Laufe der Jahre in meinem wiederkehrenden Traum auch Situationen, wo ich dann bezüglich des Piepers gesagt habe: "Nein, ich bin ja gar nicht mehr up to date, ich weiß nicht, wie man mit diesen ganzen Maschinen hier umgeht, so kann ich das nicht machen." Ich habe mich also auch im Traum gewehrt und eine Lösung gefunden. Viele Menschen berichten genau das: Nach 30 Jahren haben sie für ihre Prüfungsangst plötzlich eine andere Lösung.
Gilt diese Möglichkeit für alle Menschen?
Nicht unbedingt. Die Qualität der Träume hängt sehr von der Entwicklung der Persönlichkeiten ab. Menschen, die das Glück hatten, sich gut entwickeln zu können und sich dann auch differenziert entwickelt haben, haben in ihren Träumen einen größeren kreativen Reichtum. Wenn ich das nicht hatte, sind die Träume kärger. Sie entsprechen schon sehr der eigenen inneren Welt. Die traumatischen Inhalte sind auch sehr ungleich verteilt, insofern sprechen wir nie über den einen Traum. Der ist so unterschiedlich, wie wir Menschen es auch sind.

Geheimnisvolle Welt der Träume: Warum träumen wir?

Video vom 23. November 2020
Eine Person mit geschlossenen Augen, die scheinbar schläft.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Marianne Strauch Redakteurin und Autorin
  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. November 2020, 19:30 Uhr