Mehr Stellen und mehr Verdienst: Wie Pflege gut werden kann

Im Land Bremen arbeiten rund 12.000 Krankenschwestern und Pfleger. Sie geben täglich ihr Bestes – doch die Situation ist trotzdem oft unbefriedigend.

Video vom 12. Mai 2020
Mehrere Menschen demonstrieren, Mund und Nasenschutz tragend, für mehr Gerechtigkeit in Pflegeberufen.

Am "Tag der Pflege" demonstriert Dagmar Latz auf dem Bremer Marktplatz. Die Krankenschwester aus Niedersachsen und ihre Kolleginnen und Kollegen aus Bremen wollen auf die Situation der Altenheim-Bewohner aufmerksam machen. Viele Menschen fühlten sich wegen der strengen Corona-Regeln wie "im goldenen Käfig" und vereinsamten langsam, so Latz.

Die Demonstranten planen auch eine Schweigeminute für diejenigen Schwestern und Pfleger, die schon an Covid-19 gestorben sind – vielleicht auch, weil noch immer oft Schutzkleidung fehle. "Das kann man nicht akzeptieren!", sagt Latz. Sie ist Vorsitzende des Vereins "Pflegestimme", der sich für die Belange von Pflegekräften deutschlandweit einsetzt.

Applaus reicht nicht aus

Die beiden erklärten Ziele der Demonstration zeigen das Spannungsfeld, in dem Pflegekräfte in Deutschland sich bewegen: Einerseits liegt ihnen das Wohlergehen ihrer Patientinnen und Patienten am Herzen. Viele von ihnen haben sich ihren Beruf auch aus Idealismus ausgesucht. Andererseits wünschen sich viele ein deutlich besseres Arbeitsumfeld – und eine bessere Bezahlung. Eins jedenfalls ist klar: Applaus, auch wenn er wie in Corona-Zeiten täglich kommt, reicht nicht aus.

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Pflegekräfte arbeiten in Deutschland in drei verschiedenen Bereichen: im Krankenhaus, in Alten- und Pflegeheimen und als mobile Dienstleister, die Menschen zuhause versorgen. In allen drei Bereichen gibt es unterschiedliche Arten der Tätigkeit – und auch verschiedene Ausbildungen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: In allen Bereichen fehlt Personal. Und in der Altenpflege verdienen die Pflegekräfte rund 600 Euro brutto weniger als diejenigen, die im Krankenhaus arbeiten.

"Diese 600 Euro machen den Unterschied", sagt Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Junge Pflegekräfte würden sich deshalb in Zukunft eher für die Arbeit im Krankenhaus entscheiden – und so wachse die Lücke in den Pflegeheimen.

Bremer Studie zum Bedarf in Altenheimen

Eine junge Ärztin schlägt die Hände über dem Kopf zusammen (Symbolbild)
Viele Pflegekräfte arbeiten in Teilzeit oder steigen früher aus dem Beruf aus, weil die Arbeitsbelastung sie körperlich und emotional zu sehr fordert. Bild: Imago | Photothek

Rothgang ist Pflegeforscher und Gesundheitsökonom – und hat mit seinem Team eine Formel entwickelt, wie Altenheime ihren Bedarf an Arbeitskräften berechnen können. Ihr Ergebnis im Frühjahr dieses Jahres: Deutschlandweit müssten ein Drittel mehr Pflegekräfte eingestellt werden, um "gute Pflege" zu ermöglichen. Das sind mehr als 100.000 Pflegerinnen und Pfleger Deutschlandweit – in Bremen knapp 1.300.

"Das kostet schon Geld", sagt Rothgang. Doch Pflegekräfte seien eben auch eine wichtige Arbeitsgruppe. Die Ausgaben für eine Pflegereform hätten aber trotzdem "ein anderes Niveau als die zur Rettung der Lufthansa und der Automobilindustrie". Rothgang fürchtet, dass die dringend überfällige Pflegereform auch wegen der vielen Corona-Hilfen verpuffen könnte. Er sagt: "Das darf nicht sein."

Personalbedarf in Krankenhäusern unklar

Für die Pflege im Krankenhaus fehlt eine vergleichbare Studie bisher. Die Gewerkschaft Verdi, die Krankenhausgesellschaft DKG und der Deutsche Pflegerat haben aber bereits im Januar angeregt, dass neue Grundlagen geschaffen werden sollen, um den Bedarf an Personal zu bestimmen. Sie fordern festgelegte Personalschlüssel, die sich daran orientieren, wie viele Patienten gleichzeitig gepflegt werden müssen – und wie viel Pflege sie benötigen.

Dagmar Latz ist Mitte 50 und hat in den 1980ern ihre Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Sie erinnert sich, dass die Zustände damals "auch nicht paradiesisch" waren. Doch Stress und Arbeitsbelastung hätten deutlich zugenommen. Sie wünscht sich deutlich mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten.

Wenn man das Gefühl hat, dass man dem Menschen, den man versorgt, ohne Zeitdruck das geben kann, was er braucht, dann ist es schon mal eine gute Situation.

Dagmar Latz, Krankenschwester
Video vom 7. Mai 2020
Eine Krankenpflegerin in einem Krankenhausflur.

Autorin

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Mai 2020, 19:30 Uhr