Der Erste Weltkrieg des Heinrich Vogeler

Heinrich Vogeler ist als Maler berühmt. Unbekannt hingegen ist, dass er sein Leben für den Frieden riskierte – obwohl er als Freiwilliger in den Krieg gezogen war.

Eine alte Schwarz-Weiß Aufnahme zeigt Heinrich Vogeler in jungen Jahren.

Anfang Januar 1918 war für Heinrich Vogeler der Erste Weltkrieg vorbei. Er ging nach Hause, auf den Barkenhoff nach Worpswede. Dass ausgerechnet der friedliebende, freundliche Heinrich Vogeler sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, war seiner tiefen Lebenskrise geschuldet. Er war verzweifelt, weil er glaubte, dass seine Kunst tot sei. Was er vom Leben wollte, erfüllte sich nicht. Sein Leben sah er als Irrtum. Deshalb suchte er die Rolle des Soldaten, die das Leben noch einmal von außen formt. So erklärt Biograph Bernd Stenzig die Situation des berühmten Jugendstil-Malers.

Heinrich Vogeler
Bild: Peter Elze

Das Leben und die Kunst waren für Heinrich Vogeler ein und dasselbe. Er wollte Schönheit und Märchen in die Welt bringen – und war vermutlich einer der wenigen, der eine Ritterrüstung tragen konnte, ohne dabei lächerlich zu sein. Doch die Traumwelt des Heinrich Vogelers bekam Risse. Martha Vogeler wollte keine Prinzessin mehr sein und verließ ihn. Und zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die Zeit des Jugendstils vorbei.

Spätestens als Russland Frieden schließen wollte, erkannte Vogeler, dass es dem Deutschen Kaiser nicht um die Verteidigung des Vaterlandes ging. Das Deutsche Reich nutzte die Friedensverhandlungen, um weitreichende Gebietsgewinne von den geschwächten Russen einzufordern. Vogeler entschloss sich, dem Kaiser einen Brief zu schreiben. Er ist wie ein Märchen geschrieben, das Märchen vom lieben Gott. Und zwar zu einer Zeit, als die Verhandlungen laufen. Bisher lagen nur die Forderungen der Deutschen auf dem Tisch. Und Vogeler glaubte, dass ein solcher Diktat-Frieden den Keim eines neuen Krieges in sich trägt. Dass es ein vergifteter Frieden ist.

Heinrich Vogeler
Heinrich Vogeler zu Hause in Worpswede. Bild: Peter Elze

Der Brief liegt heute in Worpswede in einer Abschrift vor. Im Haus im Schluh hat seine Urenkelin ihn hinter Glas verwahrt. Im Brief steigt Gott auf die Erde und bittet den Kaiser um Frieden.

Sei Friedensfürst, setze Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, Kaiser!

Auszug aus Vogelers Brief

Auf den Rand schrieb er noch: "Ich bete, dass dieses der Kaiser liest, dann mag er die Feigheit haben, mich erschießen zu lassen. Ich gehe gern, um bei ihm zu sein, sein ganzes Leben!" Heinrich Vogeler wusste, dass er mit diesem Brief sein Leben riskiert.

Bernd Stenzig
Bernd Stenzig hat gerade ein Buch über Vogelers Kaiserbrief geschrieben. Er lehrt am Institut für Germanistik der Universität Hamburg.

Ob der Kaiser seinen Brief auch gelesen hatte, ist nicht bekannt. Biograph Stenzig berichtet: "Man weiß aber, dass die Oberste Heeresleitung mit Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff den Brief gelesen hat. Ludendorff war empört und wollte die sofortige Erschießung anordnen." Davon rückte er aber ab. Denn im Bürgertum war Vogeler immer noch sehr bekannt, und deshalb hätte seine Erschießung nur Ärger gemacht. So folgte er dem Ratschlag, den Künstler lieber mal auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Und so verschwand Vogeler für einige Wochen in der Psychiatrie, bevor ein wohlmeinender Arzt ihn wieder nach Hause schickte.

Wenig später begann die Wanderschaft von Heinrich Vogeler. Sein altes Leben ließ er hinter sich. Der Erste Weltkrieg hatte den Künstler für immer verändert. Er starb als Kommunist elend im weit entfernten Kasachstan.

Der Friedensappell des Worpsweder Malers Heinrich Vogeler (1872-1942) an Kaiser Wilhelm II. wurde nachträglich vom Künstler als "Das Märchen vom lieben Gott – Brief eines Unteroffiziers an den Kaiser im Januar 1918, als Protest gegen den Frieden von Brest-Litowsk" genannt. Der Brief gehört zu den berühmtesten deutschen Künstlerschriften des 20. Jahrhundert. Die Unseco hat den Friedensbrief von Vogeler gewürdigt. Er habe aus innerster Notwendigkeit ein Beispiel moralischer Größe gegeben, mag seine Tat auch illusionär anmuten. Da die Kommission davon überzeugt war, dass Vogelers Verhalten auch heutige Generationen beeindruckt, war sein Brief in den Schulen zeitweise Pflichtlektüre.

Vogelers eigenhändiger Abschrift des Friedensappells an den Kaiser
Die eigenhändige Abschrift des Friedensappells weicht von den autorisierten Drucken in Wortlaut, Rechtschreibung, Zeichensetzung sowie bei den Hervorhebungen geringfügig ab. Auch erfolgte eine Gliederung in Absätze erst für den Druck. Bild: Haus im Schluh

Friedensappell an den Kaiser (im Wortlaut)

Schon lange, als das Jahr 1917 dem Ende zuging, sah man in Deutschland überall die seltsamsten Erscheinungen am Himmel und unter den Menschen. Das Merkwürdigste aber war, daß am Spätnachmittage des 24. Dezembers auf dem Potsdamer Platze von vielen Menschen der liebe Gott gesehen worden ist. Ein alter trauriger Mann verteilte Flugblätter. Oben stand: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, und darunter in lapidarer Schrift die zehn Gebote. Der Mann wurde von Schutzleuten aufgegriffen, vom Oberkommando der Marken wegen Landesverrat standrechtlich erschossen. Einige Aufnehmer des Flugblattes, die die Worte des alten Mannes verteidigten, kamen ins Irrenhaus.

Gott war tot.

Ein paar Tage darauf waren unsere großen Feldherrn nach Berlin gekommen, mit der festen Absicht, durch Wort und Tat die Welt von Elend und Blut zu erlösen. So kamen sie mit den Vertretern der Friedenskonferenz zusammen. Sie kamen überein, die Welt mit dem Schwerte in der Hand vor sich in die Knie zu zwingen, erhoben sich selber zum bluttriefenden Götzen, aus dessen selbstherrlicher Hand die Menschheit ihre Gesetze empfangen sollte. Da sahen sie plötzlich, wie der totgeglaubte Mann vom Potsdamer Platz mitten unter ihnen stand und stumm auf seine zehn Gebote wies. Aber niemand wollte die ärmliche Erscheinung kennen. Da gab er sich zu erkennen und war fast seines Triumpfes froh, denn er glaubte ja an die Menschheit. Der Kaiser und die Feldherrn führten seinen Namen in ihren Telegrammen, die Krieger trugen ihn auf dem Bauche, die Feldprediger hatten die schwersten Verbrechen der Menschheit durch seinen Namen geheiligt. Da aber sah Gott, daß man ihn garnicht kennen w o l l t e , daß man von ihm sich nur eine prunkende Form, eine Uniform behalten hatte, und aus der glotzte das goldene Kalb und beherrschte die Welt.
Da verließ Gott die Friedensversammlung und machte dem ordenbesternten Götzen Platz, denn Gott will nicht siegen.

Gott ist.

Die Götzen aber führten das Volk immer tiefer ins Elend und erweckten weiter Haß, Bitternis, Zerstörung und Tod, und wie sie nichts mehr hatten außer blechernen Schmucksternen und Kreuzen, verschenkten sie das gestohlene Gut ihren Völkern. Da ging Gott zu denen, die zusammengebrochen waren unter der Bürde der Leiden, unter Haß und Lüge: "Es gibt über euren Götzen einen Gott, es gibt über eurem Fahneneid meine ewigen Gesetze. Es gibt über eurem Haß die

Liebe."

Da gaben die Krüppel ihre blutstinkenden grauen Kleider, ihre Orden und Ehrenzeichen zurück an den Gott des Mammons, gingen unter das Volk und entheiligten die Mordwaffen und vernichteten sie. Gott aber ging zum Kaiser: Du bist Sklave des Scheins. Werde Herr des Lichtes, indem Du der Wahrheit dienst und die Lüge erkennst. Vernichte die Grenzen, sei der Menschheit Führer. Erkenne die Eitelkeit des Wirkens. Sei Friedensfürst, setze an die Stelle des Wortes die Tat. Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens.

Kaiser!

Heinrich Vogeler
Worpswede, 20. Januar 1918

  • Susanne Brahms
  • Rainer Krause

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Januar 2018, 19:30 Uhr