Als unsere Autorin einmal einen Vogel rettete – vielleicht

Sommer in Bremen: Fenster auf, frische Luft muss her. Doch damit kommt manchmal auch überraschender Besuch. Dieser sorgt für eine Odyssee durch Bremen und umzu.

Jemand hält einen Mauersegler in seiner Hand. (Archivbild)
Junge Mauersegler aufzuziehen ist in der Regel sehr kompliziert.(Symbolbild) Bild: DPA | Boris Roessler

Es ist 14 Uhr,  ich sitze in meinem Zimmer. An diesem Nachmittag arbeite ich zu Hause. Home-Office, um Ruhe zu haben. Ein lautes Geräusch hallt durch den Raum, die Papiertüte mit den Kartonresten bewegt sich plötzlich hin und her. Das kann nichts Gutes heißen. Oh nein, nicht eine Maus! Oder ist es vielleicht eine Schlange, die sich über die Dachrinne in die Wohnung eingeschlichen hat? Fast wäre mir die unwahrscheinliche Option eines Poltergeistes lieber.

Ungebetener Besuch

Das Tier bewegt sich immer hektischer, ist aber zu klein, um rauszuspringen. Ich fasse meinen ganzen Mut zusammen, angle die Tütengriffe mit dem Besenstil und trage die Tüte aus der Wohnung, die Treppe hinunter, bis auf die Straße. Ich lehne mich dann kurz über den Papierbehälter – und staune. Es ist gar keine Maus, sondern ein Jungvogel, etwas größer als meine Faust. Mit dunklem Gefieder, schwarzen Krallen und spitzem Schnabel. Ein Bussard vielleicht? Eines muss man wissen: Ich und die Ornithologie, wir stehen auf Kriegsfuß.     

Mauersegler in einer Papiertüte
Ein ungewöhnlicher Fund: Der junge Mauersegler hatte sich in die Wohnung verirrt und in einer Papiertüte versteckt.

Was mache ich jetzt? Wie versorgt man einen jungen Vogel, der offenbar noch nicht fliegen kann? Mit dem verschreckten Tier geht es wieder nach oben, zurück ins Zimmer. Draußen sind es 33 Grad, drinnen ist es kaum kühler. Braucht es vielleicht Wasser? Ich lege ihm einen Deckel mit Leitungswasser zur Seite – es nutzt ihn als Mini-Pool, statt zu trinken. Ok, hier ist professionelle Hilfe notwendig.

Falco darf nicht sterben

Um 16 Uhr macht der nächstgelegene Tierarzt auf. Höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen. Ich setze das widerwillig flatternde Tier, das ich gern "Falco" nennen würde, in eine kleinere Papiertüte. Es scheint nicht erfreut zu sein, sieht mich vorwurfsvoll an. Oder vielleicht bilde ich es mir nur ein. Am Ziel angekommen, schaut der Tierarzt den Vogel an, und er urteilt: "Das ist kein Bussard, sondern ein Mauersegler." Doch die Freude über die neue Erkenntnis währt nicht lange. Der Arzt hat kaum Vertrauen in meine Fähigkeiten als Vogelmama und schlägt vor, Falcos Leben lieber gleich ein Ende zu setzen.

Die Lösung kommt mir ein wenig zu radikal vor. Schließlich ist das Tier völlig gesund. Das bestätigt die Untersuchung. Mein Blick kreuzt sich mit dem des kleinen Mauerseglers, der in der Tüte mit den Flügeln um sich schlägt. Ich beschließe: Falco muss leben.  Ich rufe einen Umweltverein an. Sie bestätigen, dass das Aufziehen von Mauerseglern extrem schwierig sei. Und in Bremen gebe es keine Einrichtung, die sich solcher Wildvögel annehmen könnte. Toll. Und jetzt?

Vogel-Taxi ins Outback

Ich rufe einen Verein in Niedersachsen an. Ob sie Falco retten können? Die Person am Telefon sagt, man hätte keinen Abholdienst. Ob ich nicht mit dem Auto hinfahren könnte? Leider besitze ich keins. Ob mich jemand fahren könnte? Leider arbeiten gerade alle meine Bekannten – was ich übrigens auch gerade tun sollte.

Mauersegler liegt auf dem Boden
Hat dank (oder trotz) der Autorin überlebt: der verflogene Mauersegler.

Das Zentrum befindet sich offenbar außerhalb der Reichweite öffentlicher Verkehrsmittel. Ich schlage vor, mit dem Zug in die nächste Stadt zu fahren und dann ein Taxi zu nehmen. Falcos Überleben hat mittlerweile oberste Priorität. Die Mitarbeiterin will versuchen, jemanden zu finden, der das Tier am Bahnhof abholt. Inzwischen sind wir wieder zu Hause. Ich erkundige mich auf Youtube und im Internet: Mauersegler essen meistens Insekten, die sie in der Luft fangen. Und Grillen. Die habe ich aber nicht zu Hause. Reuevoll töte ich ein paar Obstfliegen und versuche, sie mit einer Pinzette an das Tier zu verfüttern. Doch sie schmecken ihm nicht. Die Mitarbeiterin des Vereins ruft an und fragt, ob ich auf dem Weg noch eine aus dem Nest gefallene Schwalbe mitnehmen könnte. Da muss ich passen. Zwei Vögel in prekären Behältern im Zug zu transportieren, das würde meine Fähigkeiten übersteigen.

Glücklicherweise findet sich kurz danach jemand, der Schwalbe und Mauersegler mit dem Auto abholen kann. Inzwischen ist es schon 18 Uhr. Der junge Mann ruft an und sagt, dass er anscheinend noch mehr Vögel abholen muss – er wird aber vorbei kommen.

Habe ich ihn in den Tod geschickt?

Falco, der zwischenzeitlich wie in einen katatonischen Zustand gefallen schien, wird plötzlich unruhig. Er versucht, aus der Papierbox zu klettern. Offenbar muss ihm eingefallen sein, dass er doch fliegen kann. Unerwartet hebt er sich zum Flug und landet zunächst auf der Kommode. Dann auf dem Schrank. Er ist nicht mehr zu bremsen, segelt aufs Hochbett und von da aus durch das offene Fenster – direkt in die Freiheit.

Selbstsicher kriegt er die Kurve hin, raus aus dem Gebäude in die Seitenstraße. Ich verfolge ihn mit dem Blick einer Mutter am ersten Schultag ihres Kindes. Falco ist mittlerweile nur ein schwarzes Pünktchen in der Luft, das in der Entfernung verschwimmt. Ich rufe den Verein an, doch die Mitarbeiterin klingt nicht glücklich. "Konnte er sich bereits alleine ernähren?", fragt sie. Das habe ich den Vogel nicht gefragt. "Dann haben Sie ihn gerade in den Tod geschickt!", tadelt sie mich.

Oh nein. Habe ich das? Ich suche nach Informationen auf mehreren Webseiten von Organisationen, die sich um den Schutz der Mauersegler kümmern. Erleichterung macht sich breit: Die Mauersegler finden instinktiv ihre Nahrung, sobald sie fliegen können. Ich kann also aufatmen: Falco lebt (hoffentlich noch).  

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. Juli 2019, 23:30 Uhr