Geschichte einer Straße: Hier köpfte Bremen einst seinen Bürgermeister

Bürgermeister lebten im Mittelalter gefährlich. Einer pilgerte ins Heilige Land und kehrte nie zurück. Sein Nachfolger wurde hingerichtet – woran bis heute erinnert wird.

Audio vom 19. Mai 2020
Ein Straßenschild mit der Schrift "Beim Steinernen Kreuz"
Bild: Radio Bremen | Kirsten Rautenberg

Die Hinrichtungsmethoden im Mittelalter waren grausam. Die Menschen versammelten sich um den Richtplatz und johlten. Dann war ein Trommelwirbel zu hören und... den Rest ersparen wir Ihnen. 1430 jedenfalls hatte der Bremer Bürgermeister Johann Vasmer auf diese Weise zu Unrecht seinen Kopf verloren. Marianne Ricci vom Bremer Landesamt für Denkmalpflege hat sich lange mit der Geschichte Vasmers befasst: "Sein Sohn Hinrich klagte gegen die Stadt wegen der ungerechtfertigten Tat, und er bekam auch Recht. Das heißt, Bremen musste Sühneleistungen zahlen." Und nicht nur das: Seither erinnert ein Denkmal daran. Ein steinernes Kreuz, dem eine Straße im Bremer Ostertor ihren Namen zu verdanken hat.

Das Vasmer-Kreuz ist deswegen auch eine Art Sühnebeweis mit der Aussöhnung der Familie Vasmers.

Marianne Ricci, Kunsthistorikerin

Ungerechtfertigter Hochverrat

Das Original-Vasmer-Kreuz stand in der Nähe der Hinrichtungsstätte beim damaligen Paulskloster.
Das Originalkreuz stand in der Nähe der Hinrichtungsstätte beim damaligen Paulskloster. Bild: Landesamt für Denkmalpflege Bremen

Ein Streit mit dem Stadtrat hatte Johann Vasmer den Kopf gekostet. Bremer Bürger hatten den Rücktritt des Stadtrates gefordert, damit sie ihn selbst bestimmen können. Vasmer war dagegen. Ein neuer Rat wurde gewählt, in dem erstmals auch Bürgerinnen und Bürger Bremens vertreten waren. Vasmer wurde nicht wiedergewählt. Er floh, um sich den Gegnern des neuen Rates anzuschließen. In der Nähe von Rekum wurde er aufgegriffen, wegen Hochverrats verurteilt und im Ostertor enthauptet.

"Und dann, als sich der Rat neu gebildet hatte, hat man festgestellt, dass mit dem Absetzen des alten Rates schon ein Unrecht geschehen ist. Das heißt, dass Vasmer floh, das konnte man ihm gar nicht vorwerfen. Deswegen ist es ungerechtfertigt, dass er hingerichtet wurde", sagt Marianne Ricci.

Dieses Kreuz steht für die Rehabilitation Vasmers.

Leiter des Landesamts für Denkmalpflege Georg Skalecki
Georg Skalecki, Leiter der Bremer Denkmalpflege

Auf dem Kreuz ist ein betender Johann Vasmer zu sehen, darüber ein gekreuzigter Jesus. Georg Skalecki ist der Leiter der Bremer Denkmalpflege. Er hält das Kreuz für sehr wichtig, weil es nach dem Bremer Roland das zweitälteste freistehende Denkmal Bremens ist.

Mahnmal im Vorgarten

Fünf Jahre nach seinem Tod wurde das Kreuz aufgestellt. Das war 1435. Der Sockel ist auch dort verblieben, doch steht heute an selber Stelle eine Replik, denn das Original zog bereits 1977 ins Focke-Museum um. Die Straße ist nach dem Kreuz benannt und heißt "Beim Steinernen Kreuz".

Ein Sühnenkreuz aus Stein steht in einem Garten
1977 wurde das Vasmer-Kreuz durch eine Nachbildung ersetzt. Das Original von 1435 ist im Focke-Museum zu sehen. Bild: Radio Bremen | Kirsten Rautenberg

Das Mahnmal steht nach all den Jahren der Stadterweiterung nun an einem eher ungewöhnlichen Ort und zwar in dem Vorgarten eines Mehrfamilienhauses. In Gesprächen mit den Anwohnern fiel Marianne Ricci auf, dass viele gar nicht von dieser Geschichte wissen. Deswegen haben die Denkmalpfleger im letzten Jahr dort ein bisschen Platz geschaffen, so dass das Kreuz mit einem Zaun umgeben wieder einen angemessenen Ort findet – dass es wieder ein Gedenkort ist.

Am Zaun ist vor kurzem auch eine Tafel angebracht worden. Darauf steht in Kurzform die Geschichte Johann Vasmers – des  Bremer Bürgermeisters, der im Mittelalter zu Unrecht geköpft wurde.

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Autorin

  • Kirsten Rautenberg

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 19. Mai 2020, 12:38 Uhr