Interview

"Als Lkw-Fahrer konzentriert zu bleiben, ist praktisch unmöglich"

Fußnägel schneiden, Filme gucken oder mit dem Handy hantieren: Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen, weil die Fahrer abgelenkt oder übermüdet sind. Ein Unfallforscher weiß, wie sie sich verhindern ließen.

Die Schäden des Unfalls auf der Autobahn 1.
Immer wieder kommt es auf der A1 zu schweren Lkw-Unfällen. (Archivbild) Bild: Polizei Verden/Osterholz | Polizei Verden/Osterholz
Herr Brockmann, warum gibt es so viele Lkw-Unfälle?
Im Grunde ist der Arbeitsplatz eines Lkw-Fahrers ein anachronistischer. Der Fahrer hat wenig bis gar nichts zu tun. Gleichzeitig ist er mehrere Stunden am Stück mit gleichbleibender Geschwindigkeit unterwegs. Da ständig auf das Fahren konzentriert zu bleiben, ist praktisch unmöglich. Der Lkw-Fahrer "muss" sich geradezu ablenken, um wach zu bleiben. Beides ist im Ergebnis aber gleich schlimm: die Ablenkung und das Einschlafen.
Was sind denn Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Ablenkungsgründe?
In dieser Reihenfolge: Handy, Tablet, Essen und Trinken, Lesen. Manchmal schneiden sich die Fahrer auch die Finger- oder Fußnägel oder schauen einen Film.
Was ist nötig, um wach zu bleiben, und wo fängt die Fahrlässigkeit an? 
Um es ganz klar zu sagen: Fahrlässig ist das immer. Jeder Fahrer muss jederzeit die Kontrolle über sein Fahrzeug haben. Der Punkt ist: Das kann ein Lkw-Fahrer gar nicht schaffen. Aber natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit. Während des Fahrens einen Film zu schauen, ist schon grob fahrlässig. Bei unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass rund 15 Prozent der Fahrer mit Dingen beschäftigt waren, die im Ernstfall zu einem Unfall geführt hätten.
Ist den Lkw-Fahrern die Gefahr bewusst?
So wie es jedem anderen auch bewusst ist. Das machen ja auch sehr viele Autofahrer: mal eben schnell auf’s Handy schauen. Grundsätzlich ist die Gefahr durchaus bewusst, in der Praxis macht man es halt schnell mal. Ein großes Thema ist ja auch der Abstand zwischen den Lastwagen. Wenn einer 80 Stundenkilometer fährt, dann muss er eigentlich 40 Meter Abstand halten. Wenn man sich auf Autobahnen umschaut, stellt man fest, dass sich daran kaum einer hält.
Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).
Siegfried Brockmann hat Lkw-Unfälle untersucht. Bild: DPA | Ralf U. Heinrich
Was ist also zu tun, um die Unfallzahlen zu senken?
Ganz einfach: Wir müssen den Fahrern die maximale technische Hilfe geben. Zwar ist bei Lastwagen, die ab November 2015 zugelassen wurden, ein Notbrems-Assistent vorgeschrieben. Der ist aber schon wieder technisch überholt. Und die neue Version, die ab Ende dieses Jahres vorgeschrieben sein wird, ist auch nicht optimal.
Was fordern sie?
Das System muss sicher zwischen einem harmlosen Hindernis wie einem Pappkarton und einem gefährlichen, wie einem stehenden Lkw unterscheiden können, und im Ernstfall den Lkw vor einem Stauende zum Stillstand bringen. Um Unfälle zu vermeiden, bei denen ein Lkw auf den Standstreifen gerät und dort auf ein Hindernis auffährt, fordern wir zusätzlich den Spurhalte-Assistent. Der würde dafür sorgen, dass der Lkw selbst dann die Spur hält, wenn der Fahrer in den Sekundenschlaf fällt.
Wie viele Unfälle ließen sich mit all diesen Hilfsmitteln verhindern?
Unfälle, bei denen ein Lkw auf ein Stauende auffährt, ließen sich um nahezu 100 Prozent vermeiden oder in ihrer Schwere sehr deutlich vermindern.

Schwerer Auffahrunfall auf der A1

Ein Lkw, der an einem Unfall auf der Autobahn 1 beteiligt war.
Bild: Telenew Network
  • Milan Jaeger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 19. Oktober 2018, 23:30 Uhr