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Überflutungen: So gefährdet sind Bremen und Bremerhaven wirklich

Eine neue US-Studie zeichnet ein düsteres Szenario. Einen entscheidenden Punkt haben die Wissenschaftler aber vergessen, sagt ein Bremer Forscher.

Ein Mann geht am Deich in Bremerhaven entlang, auf den der Wind das Wasser peitscht.
Unsere Deiche sind sicher, sagt der Bremer Klimafolgenforscher und Deichhauptmann Michael Schirmer.

Immer wieder gibt es Studien zum steigenden Meeresspiegel – eine schlägt aktuell besonders hohe Wellen: Die Wissenschaftler der Nicht-Regierungsorganisation "Climate Central" haben eine interaktive Karte veröffentlicht, die die Situation in 2050 simuliert. Demnach wäre unter anderem auch das Land Bremen jährlich in Teilen überflutet. Der Bremer Klimafolgenforscher und Deichhauptmann des Bremischen Deichverbandes am rechten Weserufer, Michael Schirmer, aber kann die Bremer beruhigen. Denn die Wissenschaftler haben laut des Experten einen entscheidenden Punkt nicht berücksichtigt.

Wie ist die neue Studie einzuschätzen?

Michael Schirmer
Michael Schirmer war 35 Jahre lang als Hochschullehrer für Gewässerökologie an der Uni Bremen tätig. Heute hält er regelmäßig Vorträge zum Thema Klimawandel. Bild: Michael Schirmer

Laut Schirmer geht es in der Studie von "Climate Central" darum, die jeweilige Landhöhe in Relation zum Meeresspiegel zu setzen. Schutzmaßnahmen wie Deiche oder Spundwände seien hierbei nicht berücksichtigt worden. Bremen und Bremerhaven würden also nur überflutet werden, wenn es keinerlei Schutzmaßnahmen gebe. Die Deiche hier aber seien sicher. "Hier braucht sich keiner Sorgen machen", betont Schirmer. Auch diverse interaktive Karten im Internet, die den Meeresspiegel rechnerisch ansteigen lassen, seien mit Vorsicht zu genießen. Auch hier seien die Deiche und andere Schutzmaßnahmen nicht berücksichtigt, so der Forscher.

Wie groß ist die Gefahr des steigenden Meeresspiegels für Bremen und Bremerhaven wirklich?

Seit 2007 werden nach und nach alle Deiche in Bremen und Niedersachsen erhöht – laut Schirmer um durchschnittlich einen Meter. Dabei seien vorsorglich rund 50 Zentimeter mehr vorgesehen worden als in den kommenden Jahrzehnten nötig wären. "Für die jetzt herrschenden Bedingungen sind unsere Deiche superhoch", sagt Schirmer. Zudem würden Deiche und Schutzwände so konstruiert, dass sie bei Bedarf weiter erhöht werden könnten.

Wie lange diese Reserve hält, lässt sich laut Schirmer nicht genau sagen. Zum Anstieg des Meeresspiegels gebe es immer wieder neue Berechnungen. Berücksichtigt werden müsse unter anderem auch, wie sich Stürme in Zukunft entwickeln. Einige Studien behaupten, dass sie zunehmen, anderen sagen, es wird in Zukunft weniger Stürme geben. Klimafolgenforscher Schirmer geht aber davon aus, dass der Meeresspiegel bis Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr als einen Meter ansteigt.

Wir haben aktuelle Studien im Auge und versuchen, dem Meeresspiegel immer ein bisschen voraus zu sein.

Michael Schirmer, Klimafolgenforscher und Deichhauptmann

Gefährlich sei für Bremen aber grundsätzlich nicht nur der Klimawandel, sagt Schirmer. Er sieht ein großes Problem in der Vertiefung der Weser. "So rauschen Sturmfluten schneller nach Bremen rein", sagt er. Er rät dringend, von weiteren Ausbaggerungen abzusehen.

Können Deiche unbegrenzt erhöht werden?

Laut Schirmer gibt es für Deiche keine feste Höhengrenze. Entscheidend seien verschiedenen Faktoren, wie etwa der Untergrund und der verfügbare Platz. "In Bremen, Niedersachsen, wie auch in Holland trauen wir uns schon noch zwei, drei oder vier Meter zu. Das dürfte dann bis deutlich ins nächste Jahrhundert hinein reichen."

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Autorin

  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 30. Oktober 2019, 18 Uhr