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Umweltschäden durch Trinkwasserförderung: Gibt es keine Lösung?

Das Wasserniveau in Verden sinkt, Bäche trocknen aus. Denn es fließt zu viel Trinkwasser nach Bremen. Niedersachsen prüft Lösungen. Ein bisher unveröffentlichter Bericht gibt Einblicke.

Baum im Halsetal
Am Mühlenteich bei Verden liegen die Wurzeln der Bäume teilweise frei.

Seit Jahren wird Trinkwasser aus dem Wasserwerk Panzenberg bei Verden ohne Genehmigung, sondern mit einer vorläufigen Erlaubnis gefördert, wie buten un binnen im Juli berichtete. Denn die Wassergewinnung ist für Umweltschäden in dem Gebiet, dem Halsetal, mitverantwortlich. Das haben Gutachten bereits vor Jahren belegt.

Jetzt hat der Trinkwasserverband Verden bekannt gegeben, die Menge des geförderten Wassers von jährlichen 9,5 Millionen auf 8,825 Millionen Kubikmeter senken zu wollen. Doch das wird wohl nicht reichen, um die ökologischen Schäden zu beheben. Heute will der Verband über die künftige Fördermenge und das weitere Vorgehen entscheiden.

Grau- und Regenwassernutzung als Alternative?

Das Trinkwasser aus Verden fließt zum größten Teil nach Bremen und deckt knapp ein Drittel des städtischen Bedarfs ab. Deshalb kann die Entnahme nicht ohne Weiteres eingestellt werden. Die endgültige Entscheidung, wie es mit der Trinkwasserförderung in Verden weitergehen soll, zögert sich hinaus. buten un binnen konnte einen bisher unveröffentlichten Bericht einsehen, in dem die Lage dargestellt und eventuelle Lösungen geprüft werden. Nicht alle dürften den Umweltschützern jedoch gefallen.

In dem Abschlussbericht wird ein Verfahren entwickelt, um eine eventuelle Änderung der sogenannten Bewirtschaftungsziele für Gewässer aufgrund zu hoher Kosten zu prüfen. Als Fallbeispiel wird der Halsebach bei Verden untersucht sowie die möglichen Kosten und Vorteile der Grau- und Regenwassernutzung als Alternative dargestellt. Grauwasser ist Abwasser, das von Duschen, Waschbecken sowie Waschmaschinen kommt und nur leicht belastet ist.

Weniger strenge Umweltziele geprüft

Udo Paepke
Udo Paepke befürchtet, die Umweltstandards würden zu stark gesenkt.

Für den Halsebach gilt nach europäischen Richtlinien das Ziel, ein gutes ökologisches Potenzial zu erreichen. Doch der Halsebach fällt zunehmend trocken, auch aufgrund der Förderung von Trinkwasser am Wasserwerk Panzenberg, das vorwiegend nach Bremen geleitet wird. Bereits vor einem Jahr hatte das niedersächsische Ministerium angekündigt, eine eventuelle Festsetzung weniger strenger Umweltziele für den Halsebach überprüfen zu wollen.  

Da es sich um ein neuartiges Verfahren handelt, sind die nötigen Unterlagen für eine fundierte, tragfähige Entscheidung bisher noch nicht fertiggestellt worden. Wenn nach Auffassung der beteiligten Behörden hinreichende Beurteilungsgrundlagen vorliegen, sollen diese auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Justina Lethen, Vize-Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums

Die Richtlinien sehen diese Möglichkeit in einigen, besonderen Fällen vor. Doch in Deutschland wäre das eine Premiere, erläutert Udo Paepke vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Verden.

Diese Möglichkeit ist noch nie in Deutschland eingesetzt worden. Das ist Neuland.

Udo Paepke, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Verden

Die Umweltverbände NABU und BUND haben schon vor einem Jahr das Vorhaben kritisiert. Damit dürften Umweltschäden eher in Kauf genommen werden, sagt Paepke. "Das darf nur dann sein, wenn keine Alternativen vorliegen. Hier gibt es aber Alternativen." Dabei spielt er auf die Möglichkeiten an, Wasser aus Bremerhaven zu beziehen oder durch das Bohren von neuen Brunnen im Umland zu gewinnen.

Kritik an der Grauwassernutzung

Wir haben den Umweltschützer mit den Kernergebnissen des Gutachtens konfrontiert. Dass in dem Bericht lediglich die Grauwassernutzung als alternative Option ausführlich analysiert wurde, um die Wasserversorgung in Bremen weiterhin zu gewährleisten, bewertet er kritisch. Die Autoren der Studie begründen in dem Text ihre Entscheidung damit, dass diese zu dem Zeitpunkt als eine der kostengünstigsten Optionen galt. Paepke sieht das anders.

Die Grauwassernutzung ist nicht die kostengünstigste Option. Das Bohren einer Pipeline zwischen Bremen und Bremerhaven wäre durchaus realistisch, umsetzbar und von den Kosten her machbar.

Udo Paepke, BUND Verden

Für ihn wäre beispielsweise eine Pipeline, die Bremen mit Wasser aus Bremerhaven versorgt, eine bessere Alternative. Doch diese Lösung hatte die jetzige Umweltsenatorin, Maike Schaefer (Grüne), bereits im Juli abgelehnt. Der Angriff in die Natur wäre so groß, dass sie nicht vertretbar sei, hatte sie im Interview erläutert.

Die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Regen- und Grauwassernutzung beliefen sich laut der Studie auf etwa 1,8 Milliarden Euro für einen Zeitraum von 30 Jahren, also knapp 63 Millionen im Schnitt pro Jahr. Positive wirtschaftliche Effekte wären hingegen Einsparungen bei Trink- und Abwassergebühren. Für alle Haushalte könnten diese etwa 34 Millionen Euro pro Jahr betragen.  

Grundwasservorkommen und Weser-Wasser nutzen?

Ein Wasserstandmesspfahl ragt aus einem trockenem Moor.
Auch im Moor rund um Weyhe im Landkreis Diepholz war der Wasserpegel gesunken.

Über die Gründe, weswegen im Bericht nur diese Option detailliert untersucht wurde, machte das niedersächsische Umweltministerium auf Nachfrage keine Angaben. Allerdings teilte die Sprecherin mit: "Zu den Unterlagen, die in die Prüfung nach § 30 Wasserhaushaltsgesetz [ob die Bewirtschaftungsziele geändert werden sollen; Anmerkung der Redaktion] einfließen sollen, gehören auch Überlegungen bezüglich weiterer Alternativen."

Um welche Alternativen es sich dabei handelt, macht der niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft deutlicher. Es könnte beispielsweise um die Nutzung von regionalen Grundwasservorkommen und des Oberflächenwassers der Weser gehen. "Die dazu erforderlichen Unterlagen werden zurzeit erstellt", teilte eine Sprecherin mit.

Dem Umweltschützer bleibt der Vorgang immer noch zu vage. Die Angst sei, dass eine zu kostspielige Alternative zur aktuellen Trinkwasserförderung das Herabsetzen der Umweltziele wahrscheinlicher mache.

Laut dem Ministerium dürften die Überprüfung der Bewirtschaftungsziele und das Verfahren um die Zulassung der Trinkwasserförderung am Wasserwerk Panzenberg bereits 2020 abgeschlossen werden – wenn alles nach Plan läuft.

Kritische Stimmen auch aus der Landwirtschaft

Die Lage sorgt nicht nur unter Umweltschützern für Unmut. Auch aus der Landwirtschaft sind kritische Stimmen zu hören. Obwohl die Interessen der Landwirte nicht immer mit denen der Umweltverbände übereinstimmen, ist die Absenkung des Wasserspiegels im Boden des Halsetals auch für die Bauern nachteilig. Vor allem bei Dürre kämen die Pflanzen nicht mehr an das nötige Wasser heran und riskierten zu vertrocknen.

Kritisiert wird von beiden Seiten auch das Vorgehen der Behörden. "Wir sind genervt, dass das Gutachten oder dessen Ergebnisse noch nicht veröffentlicht wurden und wir in der Region keine Rückschlüsse daraus ziehen können", sagte ein Insider aus der Landwirtschaft, der anonym bleiben möchte. Auch Paepke ist mit der Situation unzufrieden. "Das Problem ist, dass das Gutachten noch nicht öffentlich gemacht worden ist."

Das niedersächsische Ministerium für Umwelt teilte auf Nachfrage mit, dass eine Veröffentlichung des Berichts nicht geplant sei. Die Ergebnisse könnten jedoch eventuell im Rahmen einer Schriftenreihe erscheinen.

Diese Folgen hat Bremens Durst nach Trinkwasser

Ein Wasserhahn, aus dem Wasser in ein Glas fliesst.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 18. September 2019, 21 Uhr