Infografik

Tarifflucht in Bremen nimmt zu – Mit Folgen für Arbeitnehmer

Nur noch 20 Prozent der Bremer Unternehmen binden sich laut einer Studie an Tarifverträge. Weniger Lohn ist eine mögliche Folge. In einigen Branchen sind Arbeitnehmer besonders betroffen.

Zu sehen ist das Gebäude der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Weniger Lohn, kein Weihnachtsgeld, keine geregelten Pausen: All das sind für einen Teil der Arbeitnehmer Folgen der Tarifflucht. In Bremen binden sich immer weniger Betriebe an Tarifverträge. Das ergab eine bundesweite Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Waren im Jahr 2008 noch 36 Prozent der Betriebe im Bundesland tarifgebunden, sind es 2017 nur noch 20 Prozent gewesen. Bereits im vergangenen Jahr schlug die Arbeitnehmerkammer in Bremen deshalb Alarm.

Wenn Betriebe aus dem Tarifvertrag aussteigen, kann das für die Mitarbeiter schwere Folgen haben, erläutert die Arbeitnehmerkammer-Referentin für Wirtschaftspolitik, Marion Salot. Zum einen komme es vor, dass für die älteren Mitarbeiter der Tarif noch gelte, die neuen aber ganz anders vergütet würden. "Das spaltet die Belegschaft", so Salot.    

Wenn ein Unternehmen aus dem Tarifvertrag aussteigt, kann eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Betrieb entstehen.

Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen

Zum anderen riskierten einige Branchen, sich zu Niedriglohnbranchen zu entwickeln. Das mache sich beispielsweise im Einzelhandel bemerkbar.

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Immer mehr Arbeitnehmer suchen Rechtsberatung

Wie viele Betriebe an Tarifverträge gebunden sind, ist je nach Branche stark unterschiedlich. Die Metall-, Chemie- oder Automobilindustrie und der öffentliche Dienst seien eher tarifgebunden, führt die Referentin aus. "Doch da, wo der Wettbewerb und die Lohnkosten hoch sind, haben Unternehmen häufiger keinen Tarif."

Bei der Tarifflucht geht es jedoch nicht nur um das Gehalt der Mitarbeiter: Auch Arbeitszeiten, Pausen, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld sind dann nicht mehr einheitlich geregelt. Die Unsicherheit führt dazu, dass immer mehr Arbeitnehmer Rat suchen: Fast 47.000 Rechtsberatungen gab es laut Arbeitnehmerkammer 2018 in Bremen und Bremerhaven. "Die Arbeitnehmer werden bei Bezahlung und Arbeitsbedingungen abgehängt", fügt Salot hinzu. Ein Lebensmittelhändler in der Gehaltsgruppe zwei, Endstufe, verdiente ohne Tarifvertrag 2018 etwa 50 Prozent weniger im Jahr als einer mit Tarifvertrag, so die Arbeitnehmerkammer, die sich dabei auf die Gewerkschaft Verdi beruft.

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Auch der Hauptgeschäftsführer des Arbeitnehmerverbandes in Bremen, Cornelius Neumann-Redlin, sieht die Tarifflucht mit kritischen Augen. "Wir befürworten die Tarifbindung sehr: Sie gibt Arbeitgebern Planungssicherheit, weil sie wissen, woran sie sind, und können auf dieser Basis planen." Zudem sichere ein Tarifvertrag die sogenannte Friedenspflicht – die Gewerkschaft darf nicht gegen die vereinbarten Bedingungen streiken, solange der Vertrag noch gilt.  

Gründe hängen von Branche und Unternehmen ab

Cornelius Neumann-Redlin spricht über Tarifflucht.
Für Cornelius Neumann-Redlin, Haupgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes in Bremen, haben Tarifverträge mehrere Vorteile für die Unternehmen.

Die Gründe, weswegen sich die Firmen vom Tarif verabschieden, seien laut Neumann-Redlin unterschiedlich. "Zum Teil sind es junge Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen, die dieser Welt etwas fern stehen, es gibt aber durchaus auch andere Gründe." Firmen im Einzelhandel würden damit versuchen, Spätzuschläge zu sparen, sagt Salot. Auch sei problematisch, dass Unternehmen ohne Tarifbindung in Arbeitgeberverbänden Mitglied werden dürfen.  

Dabei spielt die Größe der Firma offenbar auch eine Rolle: Laut der IAB-Umfrage sind etwa 80 Prozent der Betriebe mit mehr als 200 Mitarbeitern in Bremen tarifgebunden. Zum Vergleich: Lediglich elf Prozent der Unternehmen mit bis zu neun Beschäftigten hatten 2017 einen Tarifvertrag. Auch zunehmende Teilzeitstellen in einigen Branchen würden die Tarifflucht verstärken, sagt die Arbeitnehmerkammer-Referentin Salot. "Es ist für diese Beschäftigten schwieriger, Betriebsräte zu gründen." Und da, wo Betriebsräte aktiv sind, sei die Tarifbindung höher. 73 Prozent der Berufstätigen, die tarifgebunden arbeiten, tun dies in einem Unternehmen mit Arbeitnehmervertretung.

Allgemein verbindliche Tarifverträge als Lösung?

Kann man dann etwas gegen den Trend tun? Laut Salot wäre es wichtig, dass allgemeinverbindliche Tarifverträge leichter eingeführt werden könnten. Damit werden die Unternehmen in einer bestimmten Branche dazu verpflichtet, sich dem Tarifvertrag anzupassen. "Doch die Hürden sind noch zu hoch", so die Referentin.

Anders sieht das Neumann-Redlin: "In manchen Branchen darf der allgemeinverbindliche Tarifvertrag ein richtiges Instrument sein, aber man sollte sensibel damit umgehen." Das Risiko sei, dass sich die einzelnen Akteure nicht mehr die Mühe machen, in die Verhandlung zu gehen. Wichtig wären für ihn mehr Flexibilität und Offenheit bei der Gestaltung des Tarifvertrags.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Februar 2019, 19:30 Uhr