Fahren Bremer immer aggressiver? Fahrlehrer meinen: Ja

Drängeln, rechts überholen, ausbremsen: Auf der Straße lassen immer mehr Menschen ihrer Wut freien Lauf, meinen Experten. Deshalb steht das Thema auf der Tagesordnung beim Verkehrsgerichtstag, der gerade in Goslar tagt. In Bremen hat die Anspannung vielfältige Gründe.

Einen sogenannten "Stinkefinger" zeigt ein Autofahrer aus seinem Auto.
Hauptsache, ich komme vorwärts, andere sind egal – diese Mentalität beobachten auch Bremer Fahrlehrer immer öfter. Bild: DPA | Jens Büttner

Immer auf den letzten Drücker unterwegs, aber pünktlich ankommen wollen und keine Zeit im Auto oder auf dem Rad verplempern. Kommt Ihnen bekannt vor? Dann könnte es sein, dass sich das auch in Ihrem Fahrverhalten niederschlägt. Leistungsdenken und Zielstrebigkeit rücken zwar im Berufsleben immer stärker in den Vordergrund, können aber auf der Straße leicht zu gefährlichen Situationen führen.

Es ist definitiv feststellbar, dass die Menschen in Bremen zunehmend aggressiv fahren. Ich beobachte das etwa seit fünf Jahren.

Michael Kreie, Vorsitzender des Landes-Fahrlehrerverbandes Bremen

Michael Kreie ist seit 21 Jahren als Fahrlehrer unterwegs, er kennt die Brennpunkte auf Bremens Straßen und auch das Nervenflattern vieler Verkehrsteilnehmer – nicht zuletzt das seiner Fahrschüler.

Schon Fahrschüler fluchen beim Fahren

Denn auch die fluchen heute oft am Steuer, weiß der Fahrlehrer. Bevor sich eine Situation hochschaukelt, wählt Kreie daher lieber die Entschleunigung: Rechts ranfahren, eine Runde ums Auto drehen, durchatmen, weiterfahren. Emotionale Pause nennt er das. "Gelassen bleiben" ist seine Devise. Das versucht er auch seinen Schülern weiterzugeben.

Und auch die Verkehrspsychologin Birgit Thiel sieht darin einen wichtigen Faktor: "Wer nicht gelassen ist, versucht schnell, andere zu manipulieren." Doch im Straßenverkehr gebe es kein Gewinnen. Das, was man als solches empfindet, weil man einen Trödler mit einem geschickten Manöver rechts überholt hat, kann schnell auf einen selbst zurückfallen. Nämlich dann, wenn man für sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen wird.

Ruhe bewahren, vorsichtig fahren, Kennzeichen merken

Wie also die Ruhe bewahren, wenn ich von anderen provoziert, zu waghalsigem Fahren verleitet werde? Thiel rät, sich der Situation pädagogisch zu nähern.

Wenn jemand aggressiv fährt, muss ich mir vor Augen führen, dass ich in diesem Moment mit auf den anderen aufpassen muss, weil er es offenbar selbst gerade nicht kann. Ich fahre also noch vorsichtiger.

Birgit Thiel, Verkehrspsychologin
Blick in den Außenspiegel eines Pkw auf einen Drängler, der mit seinem Wagen viel zu Dicht aufgefahren ist.
Beim Abstandhalten gilt als Richtwert die Zwei-Sekunden-Regel. Doch dichtes Auffahren ist Alltag auf deutschen Autobahnen. Bild: DPA | Patrick Pleul

Wichtig sei es außerdem, sich klarzumachen, dass man nicht einfach passiv der Situation ausgeliefert ist, sondern sehr wohl etwas unternehmen kann. Wenn das auch nicht darin besteht, sich mit dem Rüpel-Fahrer zu messen. "Man kann sich das Kennzeichen notieren, sich Zeugen suchen, das aggressive Verhalten zur Anzeige bringen und so auf juristischem Wege Genugtuung bekommen. Denn der Täter schadet sich ja letztlich selbst mit seinem Verhalten."

Bremens Verkehrsnetz könnte autofreundlicher sein

Doch warum sind wir so angespannt, gereizt, aggressiv im Straßenverkehr? Fahrlehrer Michael Kreie vermutet, dass es einerseits mit einer stärkeren Ellenbogen-Mentalität zusammenhängt, wie er es nennt. "Andererseits haben wir aber auch in Bremen eine große bauliche Enge. Sobald eine Hauptachse ausfällt, kommt es zu Problemen. So zum Beispiel auf der A1, wenn es von Groß Mackenstedt einen Rückstau bis zum Bremer Kreuz gibt. Das nervt die Leute natürlich." In Bremen werde immer wieder an verschiedenen Stellen gleichzeitig gewerkelt, und dann wundere man sich über Engpässe, kritisiert Kreie.

Das Konzept für Radler hat unser Verkehrssenator besser unter Kontrolle, als das für den motorisierten Verkehr.

Michael Kreie, Landes-Fahrlehrerverband Bremen

Auch Nils Linge vom ADAC Weser-Ems sagt, Bremen sei eine Stadt, die wenig Verkehrsraum zulasse. "Außerdem ist die verkehrspolitische Einstellung in der Hansestadt pro Fahrradfahrer." Fahrlehrer Kreie meint aber auch, zwei weitere Punkte ausgemacht zu haben, die zu einer angespannten Lage im Straßenverkehr führen: Erstens die Tatsache, dass Menschen immer mehr Zeit im Stau verbringen. Und zweitens ein fehlendes Zeitmanagement, die Leute fahren seiner Meinung nach immer öfter zu spät los. "Manche meiner Kollegen sind schon mit Stickern wie 'Bitte nicht drängeln' unterwegs."

"Wer keine Impulskontrolle hat, muss es lernen"

Nichts nervt Autofahrer so sehr wie Drängler. Das hat eine Mitgliederbefragung des ADAC aus dem Jahr 2016 ergeben. Dabei gaben 85 Prozent der Befragten zu dichtes Auffahren auf die Frage an, was sie am meisten störe. Doch belastbare Zahlen aus der Forschung gibt es noch nicht zur gestiegenen Aggressivität im Straßenverkehr. Fest steht allerdings, dass viele Menschen es so wahrnehmen, nicht nur Fahrlehrer, die damit täglich konfrontiert sind. So ergab eine Befragung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates aus dem Jahr 2016, dass mehr als die Hälfte der Befragten eine gestiegene Aggressivität auf der Straße beobachtet hatte.

"Wo ist die Rücksichtnahme?!", fragt der Bremer Fahrlehrer Kreie. Auf sie kommt es an, weiß auch Verkehrspsychologin Thiel. Auf das Miteinander. "Wer keine ausreichende Impulskontrolle hat, muss es lernen. Das geht nur durch üben. Denn im Straßenverkehr gilt: Im Moment gewinne ich vielleicht, aber auf lange Sicht verliere ich, wenn ich aggressiv fahre."

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. Januar 2018, 23:20 Uhr