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Sozialkaufhäuser: Hier kauft man für kleines Geld nachhaltig ein

In Bremen gibt es mehrere Läden, die gespendete Waren günstig weiterverkaufen. Das Beispiel Hemelingen zeigt: Das ist mehr als nur "second hand".

Logo auf dem Schaufenster des Sozialkaufhaus in Hemelingen.
Der Ausbau des "Kaufhaus Hemelingen" soll nach jahrelangem Hin und Her bald anfangen.

Seit dem Frühjahr 2017 gehört das Sozialkaufhaus Hemeligen mit dem Café Werner im alten Eisen-Werner-Gebäude zum Hemelinger Stadtteilbild. 2020 soll das Kaufhaus in seine neuen Räume in der Hemelinger Bahnhofstraße umziehen. Das bestätigt Andreas Kaireit von der Gröpelinger Recycling Initiative. Und das Sozialkaufhaus soll dann sogar noch um neue Ideen erweitert und echter Treffpunkt werden.

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Weitere Angebote eventuell möglich

Langfristig wollen die drei Träger – Arbeiter-Samariter-Bund, Gröpelinger Recycling Initiative und Projob Bremen – hier weitere Angebote entwickeln. "Wir verstehen das Kaufhaus als Keimzelle für ein Zentrum der Nachhaltigkeit", sagt Kaireit. Schon jetzt finden gelegentlich Lesungen, Konzerte und Kickerturniere im Sozialkaufhaus statt.

Kaireit möchte den Stadtteil im Entscheidungsprozess miteinbeziehen. "Ich könnte mir beispielsweise auch eine Kreativ-Werkstatt vorstellen, in der Frauen mit ihren Kindern Upcycling-Produkte herstellen. Oder eine Sammelstelle für alte Handys", fügt er hinzu. Die Idee wäre, das Kaufhaus in die neuen Räume zu verlagern und die jetzigen für zusätzliche Angebote zu nutzen. 

Wir haben noch keine konkreten Beispiele von zusätzlichen Angeboten. Es hängt auch davon ab, was der Beirat, die Mitglieder im Quartierforum, der Stadtteil und andere Akteure möchten. Projekte, die ein nachhaltiges Leben unterstützen. Es geht um die Frage: Was braucht der Stadtteil?

Andreas Kaireit
Andreas Kaireit, Gröpelinger Recycling Initiative

Das Projekt wird mit öffentlichen Mitteln realisiert. Ein Teil der Mitarbeiter sind Langzeitarbeitslose, einige Ein-Euro-Jobber. Genau dieser Aspekt sorgt teilweise für Kritik: Langzeitarbeitslose bräuchten versicherungspflichtige Jobs und nicht, sich von einer prekären Beschäftigung zur anderen zu hangeln, wird häufig solchen Initiativen entgegengehalten.

Neues Gesetz – Chancen für Langzeitarbeitslose?

Ein Mann bei seiner handwerklichen Arbeit.

Neue Instrumente für Langzeitarbeitslose

Kaireit kann die Kritik nachvollziehen: "Ich gebe jedem Recht, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wäre natürlich besser." Obwohl Betroffene die Situation in der Regel besser bewerteten als Außenstehende, fügt er hinzu. Gerade würden neue Instrumente entwickelt, um bessere Beschäftigungsbedingungen zu erlangen. Ein Beispiel sei die Förderung "Teilhabe am Arbeitsmarkt": Damit können Langzeitarbeitslosen subventionierte, versicherungspflichtige Arbeitsplätze bis zu fünf Jahren angeboten werden.

Schriftzug von "Eisen Werner" am Sozialkaufhaus in Hemelingen.
Am Standort des Sozialkaufhauses in Hemelingen befand sich bis vor drei Jahren ein Eisen- und Haushaltswarenladen.

Das Prinzip des Sozialkaufhauses ist einfach: Alle Waren stammen aus Schenkungen. "Die Menschen spenden reichlich. Jeden Tag werden neue Sachen hingebracht oder abgeholt", sagt Kaireit. Das Kaufhaus bietet auch einen Abholdienst. Gebrauchte Kleidung, Haushaltswaren, kleine Möbel werden dann gesammelt und verkauft. Und zwar an jeden, ein Nachweis der Bedürftigkeit ist nicht erforderlich. Die Preise werden aber so gestaltet, dass sie für das kleine Portemonnaie geeignet sind. "Die Nachfrage momentan ist gut, könnte aber trotzdem besser sein. Gerne begrüßen wir mehr Kunden", sagt Kaireit.

Doch das Kaufhaus in Hemelingen ist nicht das einzige soziale Geschäft in Bremen. In der Hansestadt gibt es ein Dutzend Läden, Möbelhallen und Recycling-Höfe, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. In Bremerhaven ist das "Fundus" etabliert, und in der ganzen Region finden sich vergleichbare Einrichtungen – beispielsweise in Syke, Brake und Oldenburg.

Hier kann jeder günstig einkaufen. Und mit seinen Spenden zum jeweiligen Projekt beitragen. Das Geschäft, wenn man es so nennen kann, floriert anscheinend: Nach Angaben vieler Inhaber fehlt es weder an Kunden noch an Waren. "Das Angebot wird sehr gut angenommen", bestätigt auch Petra Wulf-Lengner, Leiterin von 'Bemerkenswert', einem Sozialkaufhaus der Inneren Mission.

Entstanden ist das "Bemerkenswert" aus der Erfahrung heraus, dass manche Frauen und Männer sich schämen, in die Kleiderkammer zu kommen, und wir ihnen die Möglichkeit geben wollen, gute Kleidung zu einem günstigen Preis zu bekommen.

Petra Wulf-Lengner, Leiterin von "Bemerkenswert"

Recycling-Höfe und Möbelhallen haben verschiedene Schwerpunkte

Auch hier darf jeder einkaufen. Die Waren stammen aus Spenden und die Erlöse werden in soziale Projekte investiert. Hinzu kommen mehrere Recycling-Börsen und Hallen, die sich eher auf Möbel spezialisiert haben. Die Einnahmen dienen in der Regel dazu, die Betriebskosten zu decken.

Die Möbelhallen und die Recycling-Höfe der Gröpelinger Initiative funktionieren alle nach demselben Prinzip. "Auch dort arbeiten Langzeitarbeitslose. Und wir holen die Möbel bei den Spendern ab, selbst in anderen Stadtteilen. Für den Spender ist es kostenlos", sagt Kaireit. Auf den Recycling-Höfen werden aber keine Möbel angeboten, sondern gebrauchte Elektrogeräte und Haushaltsgegenstände.       

Zu den traditionellen Sozialkaufhäusern kommen in Bremen auch andere Formen des sozialen Handels hinzu. Alternative Konsumformen sprießen aus dem urbanen Boden. So gibt es beispielsweise seit gut zehn Jahren den Umsonstladen in Tenever. Hier kann man gebrauchte Waren geschenkt bekommen. Das Geschäft hat zweimal in der Woche geöffnet. "Zu Spitzenzeiten haben wir im Durchschnitt 30 bis 40 Besucher durch alle Altersschichten. Jeder darf kommen, wir fahren nicht auf der Hartz-IV-Schiene", sagt die Gründerin Silvia Suchopar. Und das Geschäft läuft gut, bestätigt sie. Alle Mitarbeiter sind Ehrenamtliche. Jeder Kunde darf alle 14 Tage bis zu drei Gegenstände mitnehmen.

Die Leute werfen so viel weg, was andere Menschen noch gebrauchen könnten.

Silvia Suchopar
Silvia Suchopar, Gründerin von 0-Kommanix

Das erste Sozialkaufhaus der Bundesrepublik?

Mitte der 80er Jahre soll die Möbelwerkstatt Osnabrück angefangen haben, gespendete Waren zu niedrigen Preisen zu verkaufen. Damit könnte sie eines der ersten Sozialkaufhäuser der Bundesrepublik gewesen sein – wenn nicht sogar das erste.

Das Konzept, gebrauchte Möbel und Haushaltswaren zu verkaufen, dürfte jedoch in Bremen entstanden sein. Die damalige Inhaberin des 'Happy Shopping' in der Neustadt, Heidrun Peters, bestätigt dies. Sie und ihr Ehemann seien 1985 die ersten gewesen, die diese Idee in der Bundesrepublik umgesetzt hätten. "Das stimmt, wir haben uns damals erkundigt", sagt die ehemalige Ladenbesitzerin.

Mit absoluter Sicherheit lässt sich das nicht mehr feststellen. Allerdings kann man zweifelsfrei behaupten, dass Bremen in dieser Branche eine lange Tradition hat.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. Juli 2019, 23:30 Uhr