Fragen & Antworten

"Slowflowers" in Bremen – und warum 10 Tulpen 10 Euro kosten

Video vom 13. September 2021
Blumenstrauß neben Gartenschere
Bild: Franzi Schädel
Bild: Franzi Schädel

Die Slowflower-Bewegung wächst, auch in Bremen. Dahinter stehen Blumengärtner mit nachhaltig aufgezogenen Schnittblumen der Region. Doch die sind teuer. Muss das sein?

Keine Torferde, kein anorganischer Dünger, keine Pestizide oder sonst irgendein Gift. Außerdem: Keine beheizten Gewächshäuser. Statt dessen: Kompost als Dünger und Zeit zum Wachsen für das Saatgut aus der Region. Die Slowflower-Bewegung, die etwa ab 2007 in den Vereinigten Staaten entstanden ist, ist auf dem besten Weg, Deutschland zu erobern. Auch in Bremen ist die Bewegung angekommen. Mit Katharina Funk ("Aus dem Garten") und Claudia Werner ("Kleiner wilder Garten") gibt es in Bremen sogar zwei Mitglieder der Bewegung.

Was zeichnet die Slowflower-Bewegung aus?
Die Slowflower-Bewegung ist eine ähnliche Bewegung wie die seit den achtziger Jahren bekannte Slow-Food-Bewegung. Während sich die Slow-Food-Bewegung für traditionell hergestellte Speisen aus regionalen Produkten und genussvolles Essen einsetzt, macht sich die Slowflower-Bewegung für nachhaltig gezüchtete Schnittblumen aus bestenfalls regionalem Saatgut stark. Die Blumen sollen in ihrem natürlichen Tempo wachsen, nicht von Kunstdünger, Heizungen oder Leuchtstrahlern gepusht werden.

"Slowflowers sind gut für den Menschen, für das Klima und für die Natur", sagt die Bremer Blumengärtnerin Claudia Werner. Auf etwa 1.200 Quadratmetern Fläche baut sie in ihrem "Kleinen wilden Garten" Blumen und Sträucher an, rund 500 Arten insgesamt, darunter viele Wildblumen. Die Vielfalt sei ein wesentlicher Teil des Konzepts, sagt sie: "Wir wollen Mischkulturen statt Monokulturen."

Auch die Tierwelt profitiere davon. So könne sie in ihrem Garten immer mehr Schmetterlinge, Libellen, Frösche, Kröten, Igel und Vögel beobachten, seit sie vor einigen Jahren damit angefangen habe, neben englischen Rosen, Schwertlilien und Stauden vermehrt Schnittblumen, wie Dahlien, Wildblumen, Cosmea, Rittersporn und Löwenmäulchen aufzuziehen.

Ich sehe einer Blume an, ob sie hochgepeitscht worden ist, oder ob sie Zeit hatte, um zu wachsen.

Heike Damke-Holtz, Floristin
Was unterscheidet Slowflowers von konventionell gezogenen Schnittblumen aus dem Supermarkt?
Laut Slowflower-Bewegung werden heute etwa 90 Prozent aller bei uns erhältlichen Schnittblumen im Ausland produziert. Sie stammten oft aus beheizten holländischen Gewächshäusern oder aus Ländern wie Kenia, Sambia, Äthiopien oder Ecuador, wo Böden, Seen und Naturschutzgebiete mit Spritzmittelrückständen aus Monokulturen vergiftet würden. Auch die Arbeitsbedingungen seien oft fragwürdig. Diesen Praktiken möchte die Slowflower-Bewegung mit ihrem Konzept der Nachhaltigkeit in Produktion und Anbau etwas entgegensetzen.
Die Bremer Floristin Heike Damke-Holtz gehört zwar nicht der Slowflower-Bewegung an. Dennoch begrüßt sie ausdrücklich, dass die Bewegung bei in Bremen und Deutschland auf dem Vormarsch ist. "Auch ich finde: Saisonalität, Regionalität und fairer Handel sind ganz wichtig, auch in der Floristik", sagt Damke-Holtz. Dabei denke sie auch an die Pflanzen: "Ich sehe einer Blume an, ob sie hochgepeitscht worden ist, oder ob sie Zeit hatte, um zu wachsen."

Blumen, die langsam und ohne künstliche Düngemittel aufwüchsen, seien kräftiger, entwickelten stärkere Farben und hielten sich zudem länger als die Massenware aus industriellem Anbau. Schließlich trage der nachhaltige regionale Anbau auch dazu bei, dass die Menschen wieder mehr über Blumen lernten. Derzeit wüssten viele gar nicht, wann es welche Blume natürlicherweise bei uns gebe.
Hat das Slowflower-Konzepts auch Nachteile?
Slowflower-Gärten sind in der Regel sehr klein. Und das gehe auch gar nicht anders, sagt Claudia Werner: "Man macht ganz viel per Hand, das ist sehr aufwendig." Auch müsse man die Blumen ständig im Auge behalten, etwa um Schädlinge so früh wie möglich zu erkennen: "Wir bekämpfen Schädlinge ja nicht mit Pestiziden", erläutert sie. Statt dessen bestelle sie so schnell wie möglich Marienkäferlarven, wenn sie beispielsweise Läuse auf ihren Blumen entdecke. Je eher die Larven einträfen, desto mehr Zeit bleibe ihnen, um die Läuse zu vertilgen, ehe sie einen größeren Schaden anrichten könnten.

Claudia Werner hat sich im April dieses Jahres mit dem Verkauf ihrer Schnittblumen selbstständig gemacht. Sie verkauft die Blumen zum einen auf Bestellung, zum anderen über einige Läden. Demnächst möchte sie auf Ihrem Grundstück in Kattenesch zudem einen eigenen kleinen Laden aufmachen.

Mit den Preisen des konventionellen Blumenhandels aber könne und wolle sie nicht konkurrieren. "Während ein Zehnerbund Tulpen aus Holland für ein paar Euro im Supermarkt zu haben sind, kosten zehn Tulpen bei mir zehn Euro." Dafür aber hielten ihre Blumen auch viel länger in der Vase als jene aus dem Supermarkt. "Bei billigen Blumen zahlen letztlich alle drauf", fügt Werner mit Hinblick auf den Umwelt- und den Klimaschutz hinzu.
Gibt es für Slowflowers bei uns einen ernstzunehmenden Markt?
In diesem Punkt scheiden sich die Geister. Nein, sagt die Floristin Heike Damke-Holtz. Zwar sei die Nachhaltigkeit in der Floristik mittlerweile auch auf den Messen ein Thema. Auch handele es sich um eine interessante Nische. Ein richtiger Markt für Slowflowers müsse sich bei uns jedoch erst noch entwickeln.

Claudia Werner aus der Slowflower-Bewegung sieht das ein bisschen anders. Sie hat sich auch deswegen kürzlich mit ihren Schnittblumen selbstständig gemacht, weil sie überzeugt davon ist, dass es bereits genügend Abnehmer für ihre Ware in Bremen und umzu gibt. Werner argumentiert auch mit dem Wachstum der Slowflower-Bewegung: "Vor zwei Jahren waren wir in Deutschland noch zu siebt." Inzwischen gebe es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen mehr als 100 Slowflower-Anbauer.

Wie Bremens Gärten mit heißem Wasser von Unkraut befreit werden können

Video vom 25. Mai 2021
Eine Hand hält einen aus dem Boden gezupften Löwenzahn.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. September, 19.30 Uhr