"Shoppen ist kein Hobby": Wie eine Studentin zum Umdenken bewegt

Wegwerf-Mode belastet Umwelt und Geldbeutel. Eine Bremerin möchte zu bewusstem Konsum anregen und zeigt Schülern, was nachhaltige Mode ausmacht.

Eine junge Frau nimmt in einem Secondhand-Laden einen Vintage-Pullover von der Kleiderstange.
Zum Thema Slow Fashion gehört neben bewusstem Konsum, Upcycling oder Kleidertausch auch der Einkauf im Secondhand-Laden. Bild: DPA | Franziska Gabbert

600 Teile in einem Kleiderschrank. Keine Seltenheit, wie Designstudentin Julia Eifler bei ihrem Workshop mit Schülern in Bremerhaven feststellen musste. Dabei liegt das Gegenteil im Trend. Slow Fashion, Upcycling, Nachhaltigkeit und Ausmisten sind im Zeitalter von "Fridays for Future" und Marie Kondo angesagt. Eifler möchte dort anknüpfen und zu bewussterem Konsum anstiften. Denn viele Schüler geben jede Menge Geld für neue Klamotten aus – animiert von Instagram-Influencern, Werbung und Fast Fashion Shops mit ständig wechselndem Angebot. Viele Teile werden nur einmal getragen, manches gar nicht.

Wo kommt die Kleidung her und wie funktioniert das System?

Studentin Julia Eifler im Porträt
Studentin Julia Eifler trifft mit ihrem Slow-Fashion-Workshop bei den Schülern einen Nerv der Zeit. Bild: Julia Eifler

Die 27-jährige Eifler ist Masterstudentin für integriertes Design an der Hochschule für Künste in Bremen. Früher besuchte sie die Berufsschule Sophie Scholl in Bremerhaven, dort fand nun ihr erster Workshop statt. Wieviel wird für Kleidung ausgegeben, wo kommt sie überhaupt her und wie funktioniert das System? Das diskutierten die Schüler angeregt. "Ihnen fiel auf, dass alle 14 Tage etwas Neues in den Läden hängt und sie dann Angst haben, die Teile nicht mehr zu bekommen", berichtet Eifler. Sie bat die Teilnehmer, im eigenen Schrank nachzuschauen. "Da ist ein Mädchen aus der Parallelklasse, die bestellt täglich im Internet und hat 600 Kleidungsstücke", berichtet die 18-jährige Leonie Sassenberg. Sie selbst komme auf geschätzt 350 Klamotten. Ihre 17-jährige Mitschülerin Anna-Lina Essen gesteht: "Ich trage nicht alle Teile, die ich im Schrank habe. Es gibt Sachen, die man als Erinnerungsstücke einfach behalten will."

Aussortieren und neu gestalten – kreatives Upcycling

Die Hausaufgabe bestand darin, auszumisten – nach der Marie-Kondo-Methode, einer Ordnungsberaterin mit eigener Netflix-Serie. Ziel war es, zu schauen, welche Stücke sie wirklich nutzen und welche nicht. Aussortiertes wurde schließlich gemeinsam umgestaltet. "Um kreativ zu werden, nicht immer alles gleich neu zu kaufen und eigene Kreationen aus alten Stücken zu fertigen", erklärt Eifler.

Eine junge Frau sitzt an einer Nähmaschine
Bei Anna-Lina Essen und ihren Mitschülern kam der Workshop zum Thema Slow Fashion gut an. Per Upcycling wurden aus alten Kleidungsstücken neue.

Upcycling nennt sich dieser Trend, bei dem eine Jeans schnell mal zur Hotpants mit Spitze wird oder ein Hemd zum Rock. Dass wieder mehr selbst genäht wird, findet Eifler gut. Wenn man immer nur kauft und wegwirft, werde im Kopf viel weniger angeregt, als wenn man selbst kreativ wird. Statt blind zu konsumieren, solle man auch mal links und rechts schauen.

Am Ende stellten die Schüler eine Kollektion aus allen Teilen zusammen und entwarfen ein Modenschau-Konzept. "Sie waren eifrig dabei und haben sich gefühlt wie kleine Designer", beobachtete Eifler. Ein weiteres Thema war Kleidertausch. Wenn nicht für jede Party ein neues Kleid gekauft, sondern auch mal bei einer Freundin geliehen werde, sei schon viel erreicht, so die Expertin.

Interesse an Slow Fashion wächst

Mehrere Hände arbeiten an einer abgeschnittenen Jeans
Im Workshop wurde aus einer alten Jeans eine neue Hotpants. Bild: Julia Eifler

Auf die Idee zum Workshop kam die 27-Jährige, nachdem sie im Modedesign-Studium realisierte, nicht für große Labels schlechte Qualität für den Müll produzieren zu wollen. Bewusster Konsum werde stetig präsenter, es gebe mehr und mehr Bedarf. Viele Menschen seien interessiert, aber unaufgeklärt. Schließlich kontaktierte sie die Schule und traf auf etliche Schüler, die sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Im Rahmen der "Fridays for Future"-Proteste zur Klimapolitik bleibe eben auch das Thema Mode nicht aus. Einige wollten auch mit ihren Eltern über den Kleiderkonsum sprechen. "Für unsere Modeassistenten gehört es dazu, sich auch mit den ethischen Problemen der Modeindustrie beschäftigen. Da gibt es kein Entkommen", erklärt Lehrerin Kirsten Meyerhoff. Eifler wünscht sich, dass Jugendliche nicht mehr so blind konsumieren. Und gesteht: "Ich habe das selber früher gemacht. Als ich 16 war, habe ich als Hobby 'Shoppen' angegeben."

Schülerin: "Man hat die Augen geöffnet bekommen"

Bei den Schülern kam das Projekt gut an und fiel auf fruchtbaren Boden. Ein Fragebogen ergab ein hundertprozentig positives Feedback. "Ich hatte den Eindruck, die Schüler haben eine Menge mitgenommen", resümiert Lehrerin Meyerhoff. "Sich damit zu beschäftigen, was wir auf unserer Haut tragen und wer das für uns macht, ist natürlich immer wieder wichtig." Schülerin Anna Lina Essen kann das bestätigen. "Man hat noch einmal mehr die Augen geöffnet bekommen. Da überlege ich mir zweimal, in welche Geschäfte ich gehe." Und Leonie Sassenberg meint: "Es gibt gerade einen Wandel der Gesellschaft. Und es weiterhin zu unterstützen, für günstiges Geld viel einzukaufen, finde ich nicht gut." Bald will Eifler ihren Workshop auch in Bremen anbieten.

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  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier läuft, Bremen Vier, 20. Juni 2019, 12:10 Uhr