Heimbewohnerin: Ich wünsche mir, dass nicht so viele Menschen sterben

Ein Bremer Pflegeheim steht nach mehreren Corona-Fällen unter Quarantäne. So isoliert zu sein, ist für die Senioren nicht einfach. Zwei Bewohnerinnen erzählen.

Eine alte Frau sitzt an einem Tisch in einer Wohnung.
Für manche Senioren ist eine Quarantäne nicht einfach – selbst in betreuten Einrichtungen (Symbolbild). Bild: DPA | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Vom Fenster ihres Zimmers hat Hannah* einen schönen Blick nach draußen, auf die Bäume. Manchmal sitzt sie auf dem Balkon, genießt die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Dann steht sie auf, sieht nach, dass sich die nächtliche Kälte an ihren Dahlien nicht festgebissen hat. Hannah, die in Wirklichkeit anders heißt, lebt in einem Bremer Pflegeheim. Sie hat eine eigene Wohnung, kann für sich kochen und trifft sich mit den anderen Bewohnern. Das zumindest bis vor wenigen Wochen. Denn ihre Einrichtung steht jetzt unter Quarantäne. Das heißt: keine Spaziergänge mehr vor die Tür, kein Gang zur Waschküche, kein Treffen mit Freunden in der Cafeteria, keine Konzerte oder Kunstveranstaltungen mehr. Und kein Besuch von Angehörigen.

Hannah, die den Zweiten Weltkrieg als junges Mädchen erlebt hat, nimmt die Situation gelassen. "Ich habe viel in meinem Leben erlebt. Das hilft mir, solche Situationen gut zu überstehen." Sie sei nicht großartig aufgeregt, sagt sie. Sie geht ihren Tag pragmatisch an. "Ich habe genug Interessen und genug zu tun: den Computer, die Zeitschrift – ich bin morgens eigentlich schwer beschäftigt", betont sie mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Musik hören, sich um die Knospen auf dem Balkon kümmern, Mittagessen vorbereiten, mit den Nachbarn telefonieren und abends die Nachrichten oder Natursendungen im Fernsehen schauen.

Ich habe viel in meinem Leben erlebt. Das hilft mir, solche Situationen gut zu überstehen.

Hannah*, Seniorenheim-Bewohnerin

"Für demente Patienten ist es besonders schlimm"

Hannah weiß jedoch auch, dass sie irgendwie privilegiert ist. Sie hat eine Wohnung mit mehreren Zimmern, in denen sie sich frei bewegen kann, eine Tochter, die bei Bedarf für sie einkauft und den Einkauf vor der Einrichtung abstellt, mal bekommt sie Besuch von den Pflegern, die sich um sie kümmern.

An den Menschen auf der Pflegestation dürfte die Quarantäne nicht so leicht vorbeiziehen. "Für sie ist es besonders schlimm, dass sie alleine in ihren Zimmern bleiben müssen", sagt sie. Wer dement sei, könne schwerer nachvollziehen, wieso er plötzlich nicht mehr in den Speisesaal oder auf den Flur darf. Das bekräftigen Experten und Heimbetreiber: Da bei Demenz-Patienten das Kurzzeitgedächtnis gestört ist, können sie die Quarantäne-Anweisungen nur mühsam verstehen und sich nicht so leicht merken.

Selbst wer geistig fit ist, kann in einer sich so rasch wandelnden Situation verwirrt sein. "In einer Woche haben wir vier verschiedene Anweisungen bekommen: Zuerst mussten wir drinnen bleiben, dann doch raus, aber nur zur zweit, dann ging es nur in dem Haus, dann konnten wir gar nicht mehr raus aus der Wohnung", erzählt die ältere Dame. Doch wichtig sei für sie, ein Lob an Pfleger und Leitung auszusprechen. Das hätten sie für ihren Einsatz in der schwierigen Lage verdient.

Lob an das Personal

"Das arme Personal rennt den ganzen Tag durch das Haus: Es kommt Post, dann müssen sie das Essen hinbringen, das Geschirr wieder abholen... Die Pfleger haben gerade wahnsinnig viel zu tun." Auch die Leitung sei im Haus präsent. "Ich fühle mich eigentlich wohl und gut versorgt", sagt sie. Hauptsache, der Spuk ist schnell vorbei und man kann wieder im Park spazieren gehen.

Ich wünsche mir, dass bald alles überstanden ist und nicht so viele Menschen sterben müssen. Dass alle gesund bleiben – oder wieder werden.

Hannah, Seniorenheim-Bewohnerin

Das Schwierigste ist die Einsamkeit

Auch Sophie* betont, dass sie sich derzeit gut versorgt fühlt. Sie wohnt ebenfalls in einem Apartment der Einrichtung, möchte aber ihren Namen nicht in der Presse lesen. Wie Hannah hat sie einiges in ihrem Leben überstanden. Sie komme aus dem Osten, erzählt sie, habe den Krieg und die Besatzung überlebt. Doch ihr fällt die Isolierung nicht so leicht. Eine ähnliche Situation habe sie noch nie gehabt.

Das Schwierigste ist, dass man mit niemandem redet. Nur per Telefon kann man den Kontakt zu den Angehörigen halten. Das ist die einzige Verbindung.

Sophie, Seniorenheim-Bewohnerin

Doch man müsse sich daran halten, an die Vorschriften. Das sei wichtig. "Das geht schon auf die Nerven. Aber Gott sei Dank bin ich gesund. Und es ist ein Glück, dass ich einen Fernseher habe – so kann ich etwas mitkriegen, von der Welt", sagt sie und lächelt.

"Man muss durch gute und schlechte Zeiten"

Man merkt, dass Sophie gern etwas länger plaudern möchte. Sie sagt, man müsse jetzt telefonieren und sich mit den Menschen unterhalten. Sonst verlerne man das Sprechen, fügt sie schmunzelnd hinzu. In normalen Zeiten habe sie sich immer mit ihrer "netten Clique" getroffen – zum Kaffeetrinken, reden, mal eine Kunstveranstaltung gemeinsam anschauen.

Dann erzählt sie, sie sei gläubig. Und sie glaube daran, dass für alles im Leben eine Bestimmung geben müsse. "Man muss durch schlechte Zeiten gehen so wie durch die guten", fasst sie zusammen. Hannah bleibt ebenfalls zuversichtlich. "Man muss sich erst mal an alles gewöhnen. Wir dürfen nicht mal unsere Wäsche selbst waschen oder den Müll wegbringen ... Aber irgendwann wird das auch wieder zu Ende sein."

* Name von der Redaktion geändert.

Wie schützen sich Bremer Pflegeheime vor dem Coronavirus?

Video vom 31. März 2020
Ein Zettel mit einem großen Stopschild und der Überschrift: Besuchsverbot
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. April 2020, 19:30 Uhr