Interview

Bremens Eltern vor Schulstart: "Das Bildungsressort ist verschwunden"

Regelunterricht in Corona-Zeiten: Erste Länder machen gemischte Erfahrungen. Bremens Bildungsbehörde ist zurzeit im Urlaub, die Eltern schwanken zwischen Zuversicht und offenen Fragen.

Grundschüler stehen vor dem Klassenraum mit Abstand hintereinander Schlange.
Mit Maske auf dem Flur: So könnte es nach den Ferien auch in Bremer Schulen aussehen. (Symbolbild) Bild: Imago | Hans Lucas
Herr Stoevesandt, am 27. August enden die Sommerferien, dann sollen alle Bremer Schulen wieder zum Regelbetrieb zurückkehren. Wie blicken Sie mit dem Zentralen Elternbeirat dem Schulstart entgegen?
Mit Spannung. Wir haben ja in der Grundschule schon vor den Sommerferien wieder eine Vollbelegung gehabt. Dort hat das Kohorten-Prinzip, also dass die Kinder in festen Gruppen unterrichtet werden, gut funktioniert. Das plant die Behörde ja jetzt auch an den weiterführenden Schulen. Ich bin optimistisch, dass das auch dort weitgehend gut funktionieren wird. Insgesamt finde ich, dass die Behörde, auch in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt, es gut gelöst hat, dass nicht jeder Fall eines infizierten Kindes oder Lehrers sofort dazu führt, dass die ganze Schule geschlossen wird. Da ist mit sehr viel Augenmaß gehandelt worden.
Das Foto zeigt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat Bremen.
Martin Stoevesandt ist Vorstandssprecher beim ZEB. Bild: FIDES/Frank Pusch
Die Bremer Bildungsbehörde hat für die Rückkehr zum Regelbetrieb ein Rahmenkonzept erarbeitet. Sind Sie damit zufrieden?
Ich glaube, es ist ein vernünftiger Kompromiss. Die Kinder haben extrem gelitten unter der Nicht-Präsenz-Beschulung. Insofern glaube ich, dass es kinderpsychologisch richtig und wichtig ist, zur Regelschule zurückzukehren. Die Frage ist natürlich, ob das Kohorten-Prinzip durchzuhalten ist. Gerade in der Oberstufe wird das schwierig werden, weil wir da ja keine Klassen haben, sondern ein Kurssystem, wo sich die Schülerinnen und Schüler normalerweise mischen. An beruflichen Schulen kann ich mir das Kohorten-Prinzip am wenigsten vorstellen. Aber Rahmenkonzept heißt ja auch: Das Konzept gibt einen Rahmen vor und von diesem Rahmen wird es Abweichungen geben.

Und hinzu kommt: Wir Eltern sind natürlich auch gespalten: Ein Drittel würde am liebsten mit dem Homeschooling weitermachen, ein Drittel würde die Schulen einfach aufmachen und sagen: Augen zu und durch. Das aktuelle Konzept ist da jetzt ein Mittelweg.

Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher ZEB
Haben Sie Sorge vor Unterrichtsausfall, weil sich viele Lehrkräfte, die zur Riskogruppe gehören, krank melden könnten?
Ehrlich gesagt ist das in Bremen bisher gut gelaufen. Die Anzahl an Lehrkräften, die sich schon vorher als Risikogruppe haben identifizieren lassen, war verhältnismäßig gering. Die Senatorin hat von weniger als zehn Prozent gesprochen. Ich glaube, wir werden jetzt so bei fünf bis zehn Prozent landen.
Im Rahmenkonzept heißt es auch: "Kein Fach entfällt". Wie realistisch ist das?
Das hat in Bremen ja schon vor Corona nicht funktioniert. Insbesondere in der Sekundarstufe II, wo das Kohorten-Prinzip aus meiner Sicht nicht funktioniert, bin ich gespannt, wie es gelingen soll, dass kein Kurs ausfällt. Das wird in jedem Fall eine Herausforderung sein.
Wenn wir über die Oberstufe sprechen, geht es ja auch um das Thema Abschlussprüfungen, wie den Mittleren Schulabschluss oder das Abitur.
Bildungssenatorin Claudia Bogedan hat gesagt, es wird wegen Corona keinen Nachteilsausgleich fürs Abitur geben. Da hat sie sich meiner Meinung nach extrem weit aus dem Fenster gelehnt. Beim letzten Abitur sind neun Tage Unterricht ausgefallen, da zuckt man noch mit den Schulter und sagt: Was soll’s, da kannst du doch Abitur schreiben. Bei den Schülerinnen und Schüler, die nächstes Jahr ihr Abitur machen, ist der Unterricht aber monatelang ausgefallen. Das ist eine echte Herausforderung, das wird unsere größte Baustelle werden. Und am Ende wird es dann wie immer sein: Die Einser-Schüler schaffen das. Aber die anderen, die werden sich kräftig umschauen.
Bislang ist in Bremen nicht geplant, eine Maskenpflicht im Unterricht einzuführen. Unklar ist noch, ob Schülerinnen und Schüler dann eine Maske tragen sollen, wenn sie sich innerhalb des Schulgebäudes bewegen oder auf dem Pausenhof sind. Wie stehen die Eltern dazu?
Ich glaube, das Maximum, was in Schule sinnvoll umgesetzt werden kann, ist das Tragen von Masken in engen Gängen, unter Umständen auch auf dem Pausenhof. Und das ist ja heute schon der Fall, da haben einzelne Schulen bereits klare Regeln erlassen. Dass die Schülerinnen und Schüler im Unterricht sechs bis acht Stunden oder länger eine Maske tragen müssen, halte ich für ein No-Go. Das funktioniert nicht: Da kratzt sich einer, dann fällt die Maske runter, dann ist sie dreckig. Oder es sind 30 Grad, so wie jetzt. Und was wollen Sie zum Beispiel machen, wenn ein Schüler keine Maske dabei hat? Ihn aus dem Unterricht schmeißen?
Das Rahmenkonzept ist zwar veröffentlicht, trotzdem gibt es im Hinblick auf den Schulstart noch einige offene Fragen. Die Ansprechpartner in der Bildungsbehörde sind im Urlaub. Wie gut fühlen Sie sich zurzeit informiert?
Das Bildungsressort ist verschwunden. Punkt. Die kommen am 24. August wieder. Ich hätte aber erwartet, dass ständig mindestens ein befugter und sprachbefähigter Referatsleiter oder eine Referatsleiterin ansprechbar ist. Das ist nicht der Fall, die machen alle Ferien. Dafür habe ich in der Form kein Verständnis. Ich verstehe, dass die Senatorin, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mal Urlaub haben müssen, aber ich verstehe nicht, dass das Bildungsressort mit mehreren Tausend Mitarbeitern zurzeit quasi verschollen ist. Das kann nicht sein – ist aber leider so.
Was sind jetzt Ihre Erwartungen – auch an die Behörde?
Ein konkreter Wunsch des Zentralen Elternbeirats ist die transparente und dauerhafte Einbindung unseres Gremiums. Das hat eine Zeit lang ordentlich funktioniert, in den letzten Wochen vor den Ferien leider überhaupt nicht und jetzt auch nicht. Im Moment sind wir in der Situation, dass wir den Eltern bei Fragen nur sagen können: 'Wir wissen es auch nicht.' Wir verstehen natürlich, dass wir uns in einer Krise befinden und nicht ständig zusammensitzen können, aber es gibt nun mal nicht nur eine Holschuld auf unserer Seite, sondern auch eine Bringschuld der Behörde. Und da liegt die Erfüllung gerade bei 0 Prozent. Was wir uns nicht mit der Brechstange holen, das findet nicht statt.

Wie digital wurde der Unterricht durch Corona?

Video vom 19. Juni 2020
Zwei Mädchen sitzen am Esstisch und machen ihre Hausaufgaben mithilfe eines Laptops.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 10. Juli 2020, 14:10 Uhr