Noten oder Grade? Bremerhaven diskutiert über Schülerbewertung

In einer Umfrage unter Eltern haben sich 52 Prozent für die Wiedereinführung von Schulnoten ausgesprochen. Worum geht es, was spricht dafür und was dagegen? Fünf Fakten zum Noten-Streit.

Schüler in einem Klassenzimmer.

1 Worum es geht: Grade statt Noten seit 2008

In den ersten Grundschul-Jahrgängen in vielen Bundesländern gibt es schon lange keine Schulnoten mehr, stattdessen werden ausformulierte Entwicklungsberichte geschrieben. Das Land Bremen ist noch weiter gegangen: Seit 2008 werden Schulnoten erst ab der 8. Klasse vergeben, auch Sitzenbleiben kann man bis dahin nicht mehr. Stattdessen gibt es ausformulierte Entwicklungsberichte, sogenannte Entwicklungsgrade von 0 bis 4 und bei einigen Fächern die Unterteilung der Schüler in Grund- und erweiterte Kurse. Dies soll eine differenzierte Bewertung der Schüler ermöglichen – gerade auch im Hinblick auf die Inklusion. Bremerhavens Schulstadtrat Michael Frost (parteilos) verteidigt das System. Noten brächten keinen Vorteil. Grade würden die Talente besser abbilden.

Wo würde der Vorteil darin liegen, dass wir den Eltern nur Noten präsentieren, anstatt ihnen genau zu sagen, wo wir eine besondere Leistungsstärke oder einen besonderen Nachholbedarf sehen?

Michael Frost, Schulstadtrat in Bremerhaven

2 Bremerhavener Eltern wollen mehrheitlich Noten zurück – die CDU auch

Der CDU-Kandidat Carsten Meyer-Heder bei einem Parteitag.
CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder kann sich eine Rückkehr zu den alten Noten vorstellen.

Der Bremerhavener Zentralelternbeirat hat das Thema Schulnoten mit einer nicht repräsentativen Umfrage angestoßen: 52 Prozent der 1.600 befragten Eltern sprachen sich dafür aus, das alte Schulnotensystem und das Sitzenbleiben wieder einzuführen – durch die Elternschaft geht also ein Riss. Auch in der Politik herrscht keine Einigkeit. Die Rot-Grüne Koalition steht geschlossen hinter dem neuen Schulsystem, die CDU ist kritisch. Der CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder kann sich gut vorstellen, zum alten Notensystem zurückzukehren – um das Leistungsprinzip wieder zu etablieren, wie er in einem Interview sagte.

3 Lehrer und Kinder sind unentschlossen

Annette Most
Lehrerin Annette Most kam von Bayern nach Bremerhaven.

Welches Schulsystem hat welche Stärken? Annette Most muss es wissen. Sie war zuerst Lehrerin in Bayern und wechselte dann nach Bremerhaven. "Beides hat seine Vor- und Nachteile", sagt sie. "In Bayern ist auch nicht alles gut", findet sie: "Da ist sehr viel Druck auf den Kindern, auch schon in dem Alter müssen sie nur Leistung bringen." In Bremerhaven habe sie mehr Zeit, auf die Kinder einzugehen, mit ihnen zu arbeiten und sie auch besser kennen zu lernen. "Das ist schülerfreundlicher." Die Notenfrage lässt sie aber einigermaßen kalt. "Weil die Schülerinnen und Schüler sowieso wissen, welche Prozentzahl sie erreicht haben, kann man im Prinzip auch die anderen Noten hinschreiben – sie wissen ja, dass sie 80 Prozent haben." Ob das nun eine Note 2 oder der Entwicklungsgrad 4 sei, sei am Ende doch dasselbe.

Ein Schüler
Schüler Elias (12) findet das aktuelle System besser als das alte Noten-System.

Gemischte Meinungen haben die Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Heine-Oberschule Bremerhaven. "Wir treffen uns zwei Mal im Jahr, einmal mit den Eltern, einmal allein mit den Lehrern. Da bekommen wir dann mitgeteilt, welche Leistungen wir in dem Fach gebracht haben, wir sagen, wie wir uns selbst einschätzen und wie die Lehrer uns einschätzen", erklärt Eilias (12 Jahre): "Das vermittelt mehr Vertrauen mit den Lehrern. Ich finde das besser als Schulnoten." Valentin (12) findet die Erfüllungsgrade okay, ist aber leidenschaftslos: "An den Zahlen von 0 bis 4 kann man ganz einfach sehen, wo man steht. Ich könnte mir aber auch vorstellen, normale Noten zu bekommen." Auch Kaylea Wittke ist es eigentlich egal, ob es Noten oder Grade gibt. "Klar, das ist ähnlich wie Schulnoten. Aber ich schaue eher auf die Prozente." Die Prozentzahl des Erreichten wird auf allen Klausuren genannt.

4 Kein Zurück zum alten System

Der Schuldezernent Michael Frost in einem Interview.
Bremerhavens Schulstadtrat Michael Frost will nicht zurück zum alten System.

Hoffnungen auf eine Rückkehr zum alten Schulnotensystem will Bremerhavens Bildungsdezernent Michael Frost (parteilos) den Eltern nicht machen: "Eine Reform des Schulwesens an sich kann ich nicht in Aussicht stellen." Doch er bietet Gespräche an. "Wenn es nötig ist, werden wir die Lernentwicklungsdokumentation verständlicher machen", sagt er: "Das scheint ein Kernproblem zu sein. Darum werden wir uns kümmern und dafür brauchen wir auch die Expertise der Eltern."
Lydia Müller vom Zentralelternbeirat Bremerhaven kann sich trotz der leichten Pro-Noten-Mehrheit der Eltern vorstellen, dass das heutige System sich doch noch durchsetzt. "Es ist doch so: Man kennt das bisherige dreigliedrige Schulsystem, man kennt die alten Noten. Aber unser jetziges Konzept konnte sich noch nicht so bewähren, wie es vielleicht möglich wäre, weil in den letzten Jahren die Mittel nicht ausreichend zur Verfügung standen", sagt Müller.

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2018, 19.30 Uhr