Infografik

Darum haben diese Bremer ihren Beruf auf Pause gestellt

Berufliche Pausen, sogenannte Sabbaticals, sind im Trend. Dafür bieten Unternehmen verschiedene Modelle an. Diese Bremer zeigen, wie das klappen kann – oder eben nicht.

Eine junge Frau mit Wanderrucksack blickt in die Ferne einer Landschaft.
Erholung, Reisen, Weiterbildung: Viele Arbeitnehmer haben bundesweit in den vergangenen Jahren eine berufliche Auszeit genommen. (Symbolbild) Bild: Imago | Nature Picture Library

Berufliche Auszeiten werden für viele Arbeitnehmer offenbar immer attraktiver. Deutschlandweit hat bereits jeder zehnte ein sogenanntes Sabbatical hinter sich. Das zeigte vor drei Jahren eine Studie des Karriereportals Xing. In Bremen haben 2019 laut Finanzressort gut 92 Beschäftigte im öffentlichen Dienst eine Pause genommen, 263 weitere sparen gerade dafür an. Tendenz steigend.

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Einen rechtlichen Anspruch auf Sabbaticals gibt es nicht. Verlässliche Zahlen für die freie Wirtschaft sind daher kaum zu finden. Schaut man auf die bundesweiten Ergebnisse der Xing-Befragung, dürften sich selbst in privaten Unternehmen viele für eine berufliche Auszeit interessieren. Vor allem jüngere Beschäftigte streben eine Berufspause an.

Die meisten möchten sich erholen, reisen oder sich weiterbilden. Doch nicht immer trauen sie sich, den Wunsch nach einer Berufspause zu äußern. Und nicht immer kommen die Unternehmen den Aufforderungen nach. buten un binnen hat mit vier Bremern gesprochen, die das versucht haben – mit unterschiedlichen Ergebnissen. 

Ein guter Test für die Beziehung

Maddalena Novelli und Roberto Schiabel wohnen zusammen im Bremer Viertel. Eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Altbau, modern eingerichtet. Dass sie das können, hat auch mit ihrer beruflichen Auszeit zu tun. "Damals wohnten ich und Roberto noch getrennt – ich in Bremen, er in Italien", erinnert sich Novelli. Das Paar wollte seine Fernbeziehung in eine Beziehung "in Anwesenheit" umwandeln. Eine mehrmonatige Reise sollte zeigen, ob das funktioniert. "Plus, ich wollte schon immer eine längere Reise nach Südamerika machen", sagt die 34-Jährige mit einem Schmunzeln.

Maddalena Novelli und Roberto Schiabel stehen neben einer Karte.
Maddalena Novelli und Roberto Schiabel waren 13 Monate in Südamerika unterwegs. Bild: Maddalena Novelli/ Roberto Schiabel

Doch so leicht ging es nicht. Im Frühjahr 2017 hatte sie in ihrer Firma um Erlaubnis gebeten, eine sechsmonatige Auszeit zu nehmen. Die Verantwortlichen hätten ihr versichert, sie hätten das intern regeln können. Doch dann änderten sie ihre Meinung. "Sie sagten: 'Wenn du das machst, dann wollen bestimmt alle anderen Mitarbeiter das auch.' Das stimmte aber nicht, die anderen hatten Familie und so. Aber ich war sowieso gedanklich schon auf der Reise. Also habe ich gekündigt", erzählt sie. Ihr Freund Roberto Schiabel sagt, er habe sowieso kündigen müssen. In Italien nähmen die wenigstens ein Sabbatjahr. "Die Leute um uns herum dachten, wir wären verrückt", sagt er und lacht, während sie zustimmend nickt.

Die Unsicherheit hat ihre Gedanken über die Reise geprägt. Anfangs zumindest. Novelli konnte in Deutschland Arbeitslosengeld beantragen und es für die Dauer der Reise pausieren. Sie sagt, sie habe sich geschützt gefühlt. Doch Schiabel musste alles aufgeben. Arbeitslosengeld hat er nicht bekommen. Ob er dann einen neuen Job im neuen Land finden könnte, stand damals noch offen.

Als ich ins Flugzeug stieg, fühlte ich mich super unsicher. Ich hatte viele Fragezeichen, aber auch auf viel Lust auf die Reise.

Maddalena Novelli
Maddalena Novelli

Auch wussten sie nicht so genau, wohin die Reise sie führt oder wie lange sie bleiben würden. Im Gepäck, jeweils einem 60- und einem 80-Liter-Rucksack, hatten sie nur das Nötigste und ein Flugticket nach Kolumbien. "Für zwei Wochen mussten die Klamotten theoretisch ausreichen. Doch am Ende mussten wir sie manchmal in der Dusche waschen", sagen sie.

Maddalena Novelli und Roberto Schiabel sitzen vor dem Meer.
Für Maddalena Novelli und Roberto Schiabel war die Auszeit wichtig, um ihre Beziehung zu verfestigen. Bild: Maddalena Novelli/ Roberto Schiabel

In Kolumbien angekommen, hätten sie am liebsten alles gleich auf einmal erlebt und gesehen. Doch nach einem Monat fühlten sich beide bereits erschöpft. "Das Schwierigste war die Müdigkeit, weil wir keinen richtigen Plan hatten. An jedem zweiten Tag mussten wir neue Entscheidungen treffen. Und dann kamen die Bandscheibenschmerzen noch dazu", sagt Novelli.

Der komischste Moment war, als wir auf einer Insel in Chile am helllichten Tag eine Runde auf einem Polizeipanzer gedreht haben.

Roberto Schiabel

Irgendwann haben sie die Kleinigkeiten irritiert, auf die sie anfangs gar nicht geachtet hatte. "Zum Beispiel, wenn die Betten nicht ganz sauber waren", sagt sie.  Sie mussten eine Balance finden – nicht nur als Paar, sondern auch in ihrer Reise. Sie sagen, das sei ihnen gelungen.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich dabei persönlich dabei entwickelt habe. Man lernt so viele Menschen und Kulturen kennen, dass man die eigenen Vorurteile abbaut. Und unser Leben als Paar hat es auch beeinflusst, alles war lockerer danach.

Maddalena Novelli
Maddalena Novelli

Acht Länder in 13 Monaten

Die beiden haben in den 13 Monaten acht Länder bereist. Von Patagonien über die Anden bis zum brasilianischen Urwald. Anfangs wollten sie nicht mehr als 10.000 Euro pro Kopf ausgeben, am Ende sind es 12.000 geworden. Um die Reise zu finanzieren, haben Novelli und Schiabel auch Workaway-Angebote angenommen. Kaffee ernten bei den kolumbianischen Bauern, arbeiten im Bauernhof auf der chilenischen Prärie, kochen und anbauen in einer ecuadorianischen Hare-Krishna-Gemeinschaft. Seit anderthalb Jahren sind sie zurück. Mittlerweile haben doch beide einen neuen Job in Bremen gefunden – sie in der Logistik, er als Baumpfleger. Doch gedanklich, sagen sie, sind sie schon auf ihrer nächsten Reise.

Am Ende fühlt man sich selbstsicherer. Man erweitert die eigene Komfortzone und begreift, dass man eigentlich auf tausend verschiedene Art und Weise leben kann.

Roberto Schiabel

"Ich hätte mir dann vorstellen können, Nomadin zu werden"

Rieke Bargmann wollte ihr Leben eigentlich nicht umkrempeln. Sie war freiberufliche Radiomoderatorin, seit zehn Jahren in ihrem Job. Sie war nicht unzufrieden. Doch irgendwann spürte sie, dass sie eine Pause brauchte. Sie ging zu ihrem Chef und sagte: "Ich kann nicht mehr, ich brauche einen Break." Doch ein Sabbatical kam für sie nicht infrage, da sie keine feste Stelle hatte. Ich Chef reagierte mit Verständnis, konnte aber nicht versichern, dass sie ihre Stelle danach wieder gekriegt hätte. "Er sagte: 'Mach das, meinen Segen hast du und wenn du wieder da bist, dann sprechen wir.' Ich hatte also keine Gewissheit, dass ich dann in den Job zurückkonnte", erinnert sie sich. "Vorher hatte ich auch nicht gezielt dafür gespart. Aber dann habe ich gesagt: 'Es ist egal. Wenn ich nicht zurückkann, dann werde ich was anderes finden.'" Und kaufte sich ein Around-the-world-Ticket.

Rieke Bargmann seilt sich in eine Schlucht ab.
Rieke Bargmann war während ihres Sabbaticals in drei Kontinenten unterwegs. Bild: Rieke Bargmann

Fest standen nur die ersten vier Etappen: vier Wochen Thailand, vier Wochen Philippinen, Kanada und Costa Rica. Alles andere wollte Bargmann auf sich zukommen lassen. "Ganz am Anfang hatte ich Angst vor der Einsamkeit, davor war ich noch nie alleine gereist", sagt sie. Doch bald entpuppten sich die Sorgen als unberechtigt. Als sie das Flugzeug bestieg, hatte sie nur noch Vorfreude und Neugier in der Tasche.

Kollegen haben gute Ratschläge gegeben

Heute sagt sie, sie habe unterwegs Freunde fürs Leben gefunden. Und Erfahrungen gesammelt, von denen sie ihr ganzes Leben lang geträumt hatte. "Ich habe viel über mich gelernt, habe Selbstvertrauen gewonnen." Freunde, Familie und Kollegen haben auf ihre Pläne verständnisvoll reagiert. Niemand habe ihr gesagt, sie sei verrückt. Ein Kollege habe sie sogar beruhigt, als sie sich vor der Einsamkeit fürchtete. "Er sagte: 'Rieke, ich verspreche dir eins: Du wirst niemals auf deiner Reise alleine sein. Du wirst so viele neue Leute kennenlernen.' Er war dabei schon etwas erfahrener. Und ich kann im Nachhinein sagen: Er hatte einfach recht."

Ich glaube, dass viele sich nicht trauen, oder sie sind festgefahren in ihrem Leben. Sie haben Angst, etwas zu verlieren. Ich habe nur gewonnen.

Rieke Bargmann
Rieke Bargmann

Auch ihr Freund zeigte sich entspannt. "Das ist einer der Gründe, weswegen wir heute verheiratet sind. Er hat mich ziehen lassen", sagt sie. Er wollte dann ebenfalls ein Sabbatical nehmen. Doch er war in einer Leitungsposition, seine Firma verwehrte es ihm. Daraufhin habe er gekündigt, sagt Bargmann. "Dann sind wir wieder einige Monate lang auf Reise gegangen." Und gerade bereitet sie ihren nächsten Umzug vor. Ziel: England. Dort hat ihr Mann einen neuen Job bekommen. "Und ich arbeite jetzt selbstständig als Veranstaltungsmoderatorin und kümmere mich um unsere kleine Tochter", sagt Bargmann. Ihren alten Job hat sie nicht wieder aufgenommen. Doch sie sagt, sie habe einen ganz guten Kompromiss gefunden.

Für Beamte gibt es eine klare Regelung

Eine, die es geschafft hat, ein Sabbatjahr zu nehmen, ist Laura Spadaro-Tonin. Die 31-jährige Bremerin ist Sonderschullehrerin an einer Gesamtschule in Osterholz. Schon nach dem Referendariat hatte sie sich über das Sabbatical informiert. Doch zuerst fehlte das Geld. Und dann die Bedingungen, da die ersten drei Jahre Probezeit waren.

Laura Spadaro-Tonin sitzt neben einer Pflanze.
Laura Spadaro-Tonin hat das sogenannte bremische Modell benutzt, um ein Sabbatical zu nehmen.

"Ich habe direkt bei der Einstellung meinen Wunsch mitgeteilt", sagt sie. Es klappte. Die junge Frau wirkt noch etwas aufgeregt, wenn sie über ihre Erfahrung erzählt. Es sei ihr bewusst, dass es einen Mangel an Sonderschullehrern gebe. Deswegen sei ihr Sabbatical "speziell" gewesen. "Es ist manchmal schwierig, wenn man so ein Mangelfach hat wie Sonderpädagogik", erläutert sie. "Deshalb habe ich es gleich am Anfang gesagt, damit man sich darauf einstellen konnte. Die Planung war eigentlich schon mit der Einstellung da." Anderthalb Jahre lang hat sie "angespart", dann ist die junge Bremerin im August 2018 für sechs Monate auf Reise gegangen. Auch sie wollte die Zeit nutzen, um neue Länder zu sehen. Drei Monate Südamerika, ein Monat Japan, dann die USA.

Man denkt immer, man würde sich selbst gut kennen. Aber wenn man alleine ist, hat man viel mehr Zeit, nachzudenken – was gut oder schlecht sein kann. Danach ist man aber jedenfalls mehr im Klaren mit sich selbst.

Laura Spadaro-Tonin sitzt neben einer Pflanze.
Laura Spadaro-Tonin

Doch die Freiheit hat ebenfalls ihre Kehrseiten. Dass man die schönen Momente nicht teilen könne. Oder das ständige Organisieren. "Irgendwann macht das keinen Spaß mehr", sagt sie. Für sie stand nach der mehrmonatigen Reise jedenfalls klar: Sie wollte zurück. Ihr Leben wollte sie lieber in Deutschland weiterführen. "Ich habe gesehen, wie gut es einem hier geht, was Frauenrechte oder die demokratische Staatsform angeht. Ich habe mich am Ende richtig gefreut, nach Hause zu kommen."

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 24. Januar 2020, 19:30 Uhr