Pflegekräfte unter Druck: Wer hilft eigentlich Bremens Helfern?

Pflegekräfte und Ärzte sind seit Beginn der Corona-Pandemie gefordert. Ihr Job ist es, zu helfen. Doch Druck und Angst vor Ansteckung erschöpfen auch die Helfer. Wer kümmert sich um sie?

Video vom 7. Mai 2020
Eine Krankenpflegerin in einem Krankenhausflur.

Sie sind vorbereitet. Wie sie selbst sagen: Gut vorbereitet. Schon lange. Darauf, dass das Corona-Virus das Land Bremen mit seiner ganzen Wucht trifft – vorbereitet auf die angekündigte große Welle. Engagiert, zielorientiert wirkt es von Außen, wie die Mitarbeiter des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) alles darauf ausgerichtet haben, den Schwung an Corona-Infizierten aufzunehmen – und angemessen behandeln zu können. Seit Wochen wird er erwartet – dieser "Schwung". Wohl auch wegen der strikten Schutzmaßnahmen in Bremen ist er aber bislang ausgeblieben. Sönke Caspers, Pflegedienstleiter im Klinikum Bremen Mitte, ist froh. "Froh, dass wir uns nicht mit den Fragen beschäftigen müssen wie in Italien", sagt er.

Italien, das Land, das gerade etwas aufatmet, Dessen Bilder aber noch präsent sind: Verzweifeltes Klinikpersonal, das der Menge schwer kranker Menschen nicht mehr gerecht werden kann. Wo Pflegekräfte und Ärzte mangels Beatmungsgeräten entscheiden mussten: Wer darf leben, wer nicht? "Das ist das Schlimmste", sagt Geno-Pressesprecher Rolf Schlüter, "dass ein Mediziner abwägen muss, wem er helfen kann." Doch die Klinik-Kapazitäten waren erschöpft – Pfleger und Ärzte auch.

"Ich will nicht, dass meine Abteilung im Burnout landet"

Der Pflegedienstleiter der Klinikums Bremen-Mitte, Sönke Caspers, steht in der Abendsonne draußen vor einem Busch.
Pflegedienstleiter Sönke Caspers sorgt sich um die Mitarbeiter in den Kliniken der Geno. Bild: Privat | Sönke Caspers

Im Land Bremen – in ganz Deutschland – ist das anders. Horrorszenarien sind dem medizinischem Personal erspart geblieben. Doch auch hier hat sich die Arbeit in den vergangenen Wochen verändert, und Pflegende gehen damit um.

Als die Corona-Krise begann, musste das Klinikum Bremen Mitte zügig acht bis zu zwölf Intensivbetten dauerhaft für Corona-Patienten vorhalten. "Personalneutral ging das nicht. Und quantitativ, mit Blick auf Personal, hatten wir schon vorher kein krisenfestes System. Andere nennen das 'Fachkräftemangel'", sagt Pflegedienstleiter Caspers. Als Folge der Maßnahmen betreut eine Intensivkraft nicht zwei oder maximal drei Patienten, sondern vier – bis heute ist das so. "Das macht was mit einer Intensivpflegekraft. Dass sie dem Patienten nicht in dem Tempo gerecht werden kann und ihrem eigenen Anspruch an die Arbeit", sagt Caspers.

Personalneutral ging das nicht. Und quantitativ, mit Blick auf Personal, hatten wir schon vorher kein krisenfestes System. Andere nennen das Fachkräftemangel.

Sönke Caspers, Pflegedienstleiter Klinikum Bremen Mitte

Zu der Mehrarbeit kommen weitere Belastungsfaktoren: Die Sorge um eine Ansteckung, um die eigene Familie. Davor, dass die Schutzkleidung nicht reichen wird. Und nach den konzentrierten Vorbereitungen kann das Warten auf "die Welle" zermürben. "Ich möchte nicht, dass meine ganze Abteilung im Burnout landet." Das war ein schneller Gedanke von Caspers, wie er weiter erzählt.

Nicht alleine sein

Caspers setzt auf engmaschige Begleitung der Pflegekräfte mit regelmäßigen Feedback-Gesprächen. Sein Arbeitgeber, die Geno, hat laut Pressesprecher Schlüter auch auf höherer Ebene früh reagiert. Schon vorhandene Angebote, wie unter anderem der zum Unternehmen gehörende sozialpsychologische Dienst und die Seelsorge, wurden demnach durch weitere ergänzt, zu einem großen Paket geschnürt und dem Personal über mehrere Wege zugänglich gemacht. Die Klicks im Intranet zeigten: "Das Interesse ist da", sagt Schlüter.

Die Angebote zielen vor allem auf eines ab: Gesprächspartner zu finden, mit der Belastung nicht allein zu sein, wie Brigitte Kuss, Leiterin der Palliativmedizin im Klinikum Bremen Mitte erklärt. Sie bietet in ihrem Bereich schon länger "kollegiale Gespräche" an, damit die Stressbelastung nicht chronisch wird und behandelt werden muss. Jetzt sind sie und ihr Team offen für alle: "Es kann so eine Panikreaktion eintreten. Vor allem, wenn man nur mit sich selbst reden kann. Wenn man aber einen Gesprächspartner hat, der den klinischen Betrieb kennt, der praktisch Kollege ist, kann das bei der Einordnung helfen."

"Ich passe auf Dich auf"

Infektiologin Dr. Christiane Piepel mit Mundschutz im Vordergrund auf dem Stationflur der Isolierstation. Pflegekräfte im HIntergrund.
Christiane Piepel leitete die Isolierstation im Klinikum Bremen Mitte und hat Unterstützungssystem eingeführt. Bild: Gesundheit Nord gGmbH | Kerstin Hase

Daran knüpft eine Methode an, die die Leiterin der Isolierstation Christiane Piepel eingeführt hat: "Peer Support" – auch eine Form der kollegialen Unterstützung, allerdings in Gruppen. Mitarbeiter suchen sich ein Teammitglied aus und fragen "regelhaft" nach deren Befinden. Das Gespräch wird gesucht und strukturiert geführt. Man passt aufeinander auf. "Gerade bei der extremen Belastung in der Intensivmedizin, im Bereich der Beatmung und im Isolierbereich ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Mitarbeiter sich nicht nur noch um den Patienten kümmern – sondern auch um sich selbst", sagt Pressesprecher Schlüter.

Ich passe auf Dich auf. Das ist gut für den, auf den ich aufpasse, aber auch für mich, weil ich Verantwortung trage.

Rolf Schlüter, Pressesprecher Geno

Aufmerksam sei man auch in anderen Bremer Krankenhäusern, um mögliche akute Belastungen in der Belegschaft zu erkennen, wie Kliniken buten un binnen mitteilten. "Die Hilfs-Angebote werden je nach Arbeitsfeld der Mitarbeitenden unterschiedlich angenommen", sagt der Pressesprecher des St. Joseph Stifts, Maurice Scharmer. Denn zum Teil sei die Arbeitsbelastung wegen verschobener Operationen gesunken und deshalb der Gesprächsbedarf gering, in anderen Abteilungen sei er dagegen gestiegen. Ein psychologischer Dienst und ein Sorgentelefon sind Kernangebote in der Klinik in Schwachhausen.

Helfer helfen gerne anderen – nicht sich selbst

Ein Arzt sitzt in einem Krankenhaus in Parma Borgotaro erschöpft auf einem Stuhl.
Das Klinikpersonal in Italien war durch die große Zahl an schwer kranken Corona-Infizierten überlastet. Bild: Imago | Sandro Capatti/Fotogramma

Besonders groß ist die Belastung in den Bremer Pflegeheimen. Die Bewohner dort bilden die Hochrisikogruppe, 19 der 32 Corona-Toten in Bremen lebten in Pflegeheimen, das sind knapp 60 Prozent. Und "gerade in der Altenpflege ist man eng mit den Bewohnern verbunden", sagt Kerstin Bringmann von der Gewerkschaft Verdi. "Wenn es den Bewohnern schlecht geht, geht es den Pflegekräften auch nicht gut."

Viele Bewohner leiden schon lang, weil sie keinen direkten Kontakt zu ihren Angehörigen haben. Über eine Lockerung des Besuchsverbots will Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) erst in der kommenden Woche sprechen. "Da fühlen die Mitarbeiter sehr mit. Was ja auch sehr schön ist", so Bringmann weiter. Viele seien außerdem besorgt, sie selbst könnten die Bewohner anstecken. "Ständig sehen sie sich vor."

Die (Pflegekräfte) können ja auch nicht einfach nach Hause gehen und sagen: 'Du wirst hier nicht gepflegt, weil ich meine Höchstarbeitszeit erreicht habe'.

Kerstin Bringmann, Gewerkschaft Verdi

Unterstützung ist also dringend geboten. "Doch gerade Pflegekräfte holen sich nicht so schnell Hilfe", sagt Bringmann weiter. "Sie helfen gerne anderen. Sie kürzen lieber ihre Ruhezeiten. Die können ja auch nicht einfach nach Hause gehen und sagen: 'Du wirst hier nicht gepflegt, weil ich meine Höchstarbeitszeit erreicht habe'." Die Gewerkschaftssekretärin ist besorgt, dass sich die Kollegen und Kolleginnen über Gebühr belasten oder durch die Situation über Gebühr belastet werden. Vor allem, wenn doch noch eine Corona-Welle kommt.

Hilfe extern und anonym

Um eine Überbelastung zu verhindern, hat sich in Bremen eine Hilfs-Initiative auch außerhalb der Pflegeeinrichtungen und Kliniken gebildet: "Aus dem Impuls heraus, dass es noch wenig Strukturen gibt, die Überbelastung in der Pflege auffangen", sagt Aurora Sauter. Die Sozialwissenschaftlerin ist systemische Beraterin und arbeitet ehrenamtlich für das "Entlastungstelefon". Bei ihr und anderen geschulten Mitarbeitern können Beschäftigte aus der Pflege anrufen. Der Vorteil: "Es ist anonyme Entlastung möglich", sagt Sauter. Eine Anlaufstelle fernab von der eigenen Arbeitswelt.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Twitter anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Auch Sauter beobachtet eine hohe Loyalität und Verantwortung bei den Pflegekräften. "Manchmal stehen sie vor einem Dilemma: 'Sorge ich für mich selbst und nehme eine Auszeit oder lasse ich mein Team im Stich?'."

Unruhe, Unsicherheit, vielleicht Schlaflosigkeit und Ängste sollen bei den Telefongesprächen als normale Reaktionen auf eine unnormale Situation eingeordnet werden. Gemeinsam schaue man auf die Ressourcen, darauf, was hilft, aus den negativen emotionalen Zuständen wieder herauszufinden.

Aufwertung der Pflege als Folge der Pandemie?

In anderen Bereichen gibt es schon lange Entlastungs-Angebote. Wie bei der Polizei und der Feuerwehr. Einsatz-Nachsorge nennt sich das. Ginge es nach der leitenden Ärztin im Klinikum Bremen-Mitte Brigitte Kuss, wäre so etwas auch im Gesundheitssektor längst etabliert. "Das ist mein Ziel, so wie es der Weltärzteverband auch schon lange fordert", sagt Kuss. "Aus meiner Sicht wäre es sicher sinnvoll, so etwas zu verstetigen und ein formelles Hilfsangebot zu machen."

Inhaltliche Unterstützung bekommt Kuss dafür vom Pflegerat Bremen. Als Berufsverband könnte der Rat für die Forderungen von Kolleginnen und Kollegen in den passenden Gremien streiten. Dafür müssten die Pflegekräfte Verbände oder Gewerkschaften unter anderem durch Mitgliedschaften unterstützen, sagt Vorstandsmitglied Heidrun Pundt. Doch das sei nicht üblich für Helfer, die lieber auf das Wohlergehen anderer schauen als auf sich selbst. "Die Berufsgruppe ist leider nicht sehr aktiv und das macht sich auch hier bemerkbar", sagt Pundt. Das sieht Kerstin Bringmann von der Gewerkschaft genauso: "Im Arbeitskampf stehen sie nicht in der vordersten Reihe."

Pundt hofft trotzdem, dass die Corona-Pandemie die Bedeutung der Pflege endlich offengelegt hat – und sich das positiv auf den Berufszweig auswirkt. "Ich bin froh, dass die Pflege zurzeit so in den Blickpunkt rückt und man so viel darüber spricht." Was daraus folgt, ist heute noch unklar.

Lockerungen auch in den Kliniken

Noch gelten weite Teile des Hilfs-Pakets der Geno erst mal für die Corona-Krise, und Pressesprecher Schlüter sieht die eigenen Kliniken damit gut und breit aufgestellt. "Wir brauchen die Menschen alle gesund und leistungsfähig", betont er. Denn niemand kann ausschließen, dass die Zahl der Patienten, die stationär behandelt werden müssen, nicht doch noch stark ansteigt.

Wann genau ein Peak, eine große Welle oder eine zweite Welle zu erwarten ist, lässt sich aber pauschal nicht beantworten.

Lukas Fuhrmann, Pressesprecher Gesundheitsressort

Laut Gesundheitsressort wird man genau beobachten, wie sich die Lockerungen im Land Bremen auswirken und dann flexibel reagieren. "Die Möglichkeit besteht weiterhin, dass es auch einen größeren Anfall an Patienten gibt", sagt Ressortsprecher Lukas Fuhrmann. "Wann genau ein Peak, eine große Welle oder eine zweite Welle zu erwarten ist“, lasse sich aber pauschal nicht beantworten.

Für Pflegedienstleiter Sönke Caspers und für alle Pflegekräfte im Land bleibt die "Welle" also eine "abstrakte Gefahr", wie er es nennt. Dennoch stehen auch im Klinikum Bremen-Mitte die Zeichen momentan auf Entspannung. Caspers will weitere OP-Säle öffnen – vorausgesetzt, das ausreichend sterile Schutzkleidung vorhanden ist. "Das ist zurzeit unser limitierender Faktor." Einige Mitarbeiter wollen am liebsten schon zurück in den Regelbetrieb.

Doch Caspers gibt der vielleicht trügerischen Sicherheit nicht nach: "Nach sechs Wochen habe ich das Gefühl, wir sind Herr der Lage. Ich traue mich aber noch nicht, das Entspannungssignal zu geben. Es ist für alle die erste Pandemie."

Kontaktbeschränkungen und Lockerungen: So ist die Situation in Bremen

Video vom 6. Mai 2020
Die Bremer Bürgerinnen und Bürger teilweise mit Maske in der Innenstadt.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. April 2020, 19:30 Uhr