Messerangriff auf Wildpinkler: Angeklagter schweigt beim Prozessauftakt

  • Anklage: Mannrammte Wildpinkler in Oldenburger Innenstadt Messer in den Rücken
  • Angeklagter schweigt zu den Vorwürfen
  • Opfer musste nach der Attacke mehrfach operiert werden
Ein Mann pinkelt an eine Hauswand.
Der Täter soll sich über einen Wildpinkler aufgeregt haben und ihm ein Messer in den Rücken gerammt haben. (Symbolbild) Bild: Imago | Olaf Selchow

Viele Städte haben Ärger mit Wildpinklern. Auch manchen Bürger treiben Männer, die sich an Bäumen oder Hauswänden erleichtern, zur Weißglut. In Oldenburg eskalierte ein Streit darum so sehr, dass ein Pinkler danach wochenlang um sein Leben kämpfte. "Sein Leben konnte nur durch mehrere Operationen gerettet werden", sagte Staatsanwältin Gesa Weiß vor dem Landgericht in Oldenburg. Dort muss sich seit Donnerstag ein 30-Jähriger wegen versuchten Totschlags verantworten. Er soll dem Schüler im März ein Messer in den Rücken gerammt haben. Am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte zu den Vorwürfen.

An jenem Abend Anfang März wollte der Jugendliche mit zwei Freunden in der Innenstadt feiern gehen. Fünf bis sechs Bier hatte jeder von ihnen getrunken, wie der heute 18-Jährige vor Gericht aussagte. Weinend schilderte er, was damals geschah. Immer wieder versagte ihm dabei die Stimme: Vor dem Lokal stand eine lange Schlange, und die Blasen der drei drückten. Also gingen sie zu einem Parkplatz in der Nähe, um dort an eine Hecke zu urinieren.

"Der Angeklagte nahm daran Anstoß", sagte Staatsanwältin Weiß. Das habe er lautstark kundgetan, es sei zum Streit gekommen. Dann habe er den Jugendlichen angegriffen, der ihm am nächsten stand – ihm zielgerichtet und kraftvoll in den Rücken gestochen, sagte Weiß.

Angriff auf Passanten in Bremen

Dass Wildpinkler den Zorn von Passanten oder Anwohnern auf sich ziehen, kommt immer wieder vor. Im Sommer bedrohte ein 39-Jähriger in Hamburg einen Mann, der sich an einem Baum erleichtert hatte, mit einer Schreckschusswaffe und feuerte zweimal auf den Boden. In Bremen steht zurzeit ein 46-Jähriger wegen einer ähnlichen Geschichte vor Gericht – in dem Fall soll der Wildpinkler aber der Täter gewesen sein. Der 46-Jährige soll auf einen Gehweg uriniert haben. Als das Opfer ihn darauf ansprach, soll er es bewusstlos geschlagen haben.

In solchen Fällen sei oft Alkohol im Spiel und gewalttätigen Auseinandersetzungen gingen Wortgefechte voraus, sagte Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. "Da gibt es eine besondere Dynamik, so dass sich das hochschaukelt. Der eine fühlt sich ertappt, der andere in besonderer Weise angegriffen." Wildpinkler seien zudem leichte Opfer, sagte der Bremer Profiler Axel Petermann. "Sie stehen da mit geöffneter Hose, urinieren und zeigen dabei wohl regelmäßig den Tätern ihren Rücken."

So war es auch in Oldenburg. Der Jugendliche versuchte noch, wegzurennen. "Die Hose war noch offen", sagte er vor Gericht. Doch der Angreifer war schneller. "Auf einmal wurde es warm an der Seite", berichtete der 18-Jährige. "Ich habe hin gefasst, die Hand war voller Blut." Drei Monate lag der Schüler im Krankenhaus, davon mehrere Wochen im Wachkoma. Noch heute sind die Druckstellen der Atemmaske in seinem Gesicht zu sehen. Der Messerstich und die Operationen haben große Narben an seinem Oberkörper hinterlassen. Noch mehr leide er aber unter den psychischen Folgen, sagte er. Abends traue er sich nicht mehr alleine nach draußen.

Der Angeklagte folgte dem Ganzen interessiert, aber scheinbar ungerührt. Auf einem Blatt vor sich macht er Notizen oder blättert in einem Aktenordner. Ob er etwas zu der Sache sagen wolle, fragte ihn der Vorsitzende Richter nach der Anklageverlesung. "Heute nicht", antwortete der 30-Jährige. Bis Mitte November sind drei weitere Verhandlungstage geplant. Mehrere Zeugen und ein Gutachter sollen dann aussagen.

In Bremen steht derzeit ein Wildpinkler vor Gericht

Angeklagter und sein Verteidiger sitzen vor Gericht.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 11. Oktober 2018, 6 Uhr