Infografik

So löste ein Delmenhorster Polizist das Rätsel um Plötzlichen Kindstod

Vielleicht würden einige Menschen noch leben, hätten Ärzte in den 1970er Jahren auf Roland Zumpe gehört. Als viele Babys plötzlich starben, ging er der Sache nach.

Eine junge Frau kniet auf einem Friedhof und trauert an einem Grab (gestellte Szene)
Ein trauriges Bild, das zum Glück nicht mehr so häufig zu sehen ist, wie noch vor 30 Jahren: ein Mutter trautert um ihr unerwartet verstorbenes Kind. Bild: DPA | Christin Klose

"Es war kein Thema, über das wir beim Essen gesprochen haben", blickt Uwe Zumpe zurück. Ohnehin habe sein Vater, der Delmenhorster Kriminalkommissar Roland Zumpe, nicht viel von seiner Arbeit erzählt. "Er versuchte, das von uns fern zu halten", sagt sein Sohn, "gerade die hässlichen Seiten".

Eine besonders "hässliche" Entdeckung machte Roland Zumpe in den frühen siebziger Jahren. Zu dieser Zeit empfahlen die meisten Kinderärzten frischgebackenen Eltern, ihre Neugeborenen zum Schlafen auf den Bauch zu legen – ein fataler Fehler, wie man heute weiß. Damals aber waren sich die Ärzte ihrer Sache sicher: Kinder, die auf dem Bauch lägen, könnten sich motorisch schneller entwickeln als andere, gewännen mehr Eindrücke aus ihrer Umgebung, hätten weniger mit Schädeldeformationen zu kämpfen und würden nicht so leicht Erbrochenes einatmen, glaubten die Fachleute.

Rätselhafte Todesfälle weckten Zumpes Misstrauen

Schwarzweißes Portraitfoto des Polizeibeamten Roland Zumpe
Polizeikommissar Roland Zumpe in den frühen sechziger Jahren. Bild: Uwe Zumpe

So plausibel diese damals verbreiteten Argumente für die Bauchlage auch klingen mochten – Kriminalkommissar Roland Zumpe, ein absoluter Laie in medizinischen Fragen, misstraute ihnen. Rätselhafte Todesfälle im Einzugsbereich seiner Dienststelle stimmten den Delmenhorster Polizisten skeptisch. Noch heute zeugt ein Artikel in der Zeitschrift "Kriminalistik" aus dem Jahr 1973 von dieser Skepsis.

Darin schreibt Zumpe: "Bedenken, ob die Eltern die moderne Empfehlung "Bauchlage" richtig anwenden, kommen jedoch auf, wenn in einem relativ kleinen Dienstbereich im Zeitraum von knapp zwei Jahren fünf Fälle bekannt wurden, in denen Säuglinge erstickt sind, ohne Erbrochenes eingeatmet zu haben." Darüber hinaus stellt Zumpe in seinem Beitrag fest: "In allen Fällen hatten die Kinder mit dem Gesicht auf einem mehr oder weniger weichen, althergebrachten Babykissen oder einer weichen Decke geruht."

Fatale Empfehlung

Doch so alarmierend Zumpes Beobachtung auch aus heutiger Sicht erscheinen mag, so entfaltete sein Artikel in den siebziger Jahren kaum eine Wirkung – fatalerweise, befand Jahrzehnte später etwa der Hamburger Rechtsmediziner Jan Peter Sperhake. In seiner 2011 bei Springer erschienenen Arbeit "Bauchlage oder Rückenlage? Geschichte eines Irrwegs in der SIDS-Forschung" führt Sperhake den Tod unzähliger Neugeborener Kinder unmittelbar auf die Bauchlageempfehlung durch Kinderärzte zurück.

"Die Empfehlung wurde von den Eltern angenommen und hat nach vorsichtigen Schätzungen mehrere 10.000 Kinder in vielen Teilen der Welt das Leben gekostet", schreibt der Wissenschaftler. Auf diese Weise seien zwischen 1970 und 1979 in den USA, in Großbritannien und in Australien zwischen 3,1 und 4,4 Promille aller Neugeborenen durch den Plötzlichen Kindstod gestorben.

Zwar gebe es für die Bundesrepublik Deutschland keine genaue Zahlen. Sperhake glaubt aber, dass sie sich in einer ähnlichen Größenordnung bewegt hätten. Bis in die späten achtziger, teilweise gar bis in die neunziger Jahre hätten Kinderärzte in der Bundesrepublik Eltern üblicherweise geraten, Säuglinge zum Schlafen auf den Bauch zu legen.

Fortschrittliche DDR

Dabei hätten es die Mediziner durchaus besser wissen können. Denn nicht nur dem Kriminalbeamten Roland Zumpe aus Delmenhorst war schon in den siebziger Jahren ein kausaler Zusammenhang zwischen der Bauchlageempfehlung der Kinderärzte und rätselhaften Todesfällen unter Neugeborenen aufgefallen. Mediziner aus der DDR hatten den Zusammenhang ebenfalls längst erkannt.

So gab es in der DDR seit März 1972 eine Richtlinie, nach der Kinderkrippen Säuglinge nur unter Aufsicht und unter diversen Sicherheitsvorkehrungen auf den Bauch legen durften, auf keinen Fall aber zum Schlafen. Entsprechend, stellt Sperhake fest, sei die Häufigkeit plötzlicher Todesfälle bei Säuglingen in der DDR ab 1972 innerhalb von 4 Jahren von 2,5 auf 1,4 Promille abgefallen – und, "dass sie auch in den Folgejahren stets niedriger lag als in der Bundesrepublik."

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Wie brisant die Beobachtungen seines Vaters Roland Zumpe zum Plötzlichen Kindestod tatsächlich gewesen sind, erschloss sich Uwe Zumpe erst Ende der achtziger Jahre. Denn damals wurde er selbst Vater und stand vor der Frage, wie er seinen Sohn betten sollte. "Die Bauchlage kam für uns überhaupt nicht infrage", erinnert er sich. Dabei ist es zu diesem Zeitpunkt durchaus noch üblich gewesen, Neugeborene zum Schlafen auf den Bauch zu legen. Erst in den neunziger Jahren setzte sich die Rückenlage für Säuglinge durch. Seitdem sterben deutlich weniger Jungen und Mädchen den Plötzlichen Kindstod. Zuletzt, im Jahr 2017, wurde die Todesursache "Plötzlicher Kindestod" nur noch bei 0,14 Promille aller Todesfälle gestellt.

In Bremen sind dem Statistischen Landesamt zufolge seit 1998 ingesamt 52 Kinder durch den Plötzlichen Kindstod gestorben, keines davon in Jahren 2016 und 2017. Neuere Daten liegen nicht vor.

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 23. August 2019, 23:30 Uhr