Patientenmorde: Niels Högel bittet um Entschuldigung

  • Verfahren um vermutlich größte Mordserie steht vor dem Abschluss
  • Angeklagter wendet sich in seinem Schlusswort an die Angehörigen
  • Verteidigung fordert Freisprüche in 31 Fällen
Niels Högel vor Gericht
Der Angeklagte Niels Högel bat die Angehörigen seiner Opfer um Entschuldigung. Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

Der wegen 100 Morden angeklagte Ex-Pfleger Niels Högel hat sich in seinem letzten Wort vor Gericht bei den Angehörigen seiner Opfer entschuldigt. "Bei jedem Einzelnen möchte ich mich aufrichtig für all das, was ich Ihnen über Jahre angetan habe, entschuldigen", sagte der 42-Jährige am Mittwoch vor dem Landgericht Oldenburg. Es sei ihm während des Prozesses klar geworden, wie viel unendliches Leid er durch seine "schrecklichen Taten" verursacht habe.

Ich wünsche mir für Sie alle, das Sie nach dem abschließenden Urteil Frieden finden können.

Niels Högel

Verteidigung fordert Freisprüche in 31 Fällen

Kurz zuvor hatten die Verteidigerinnen von Högel ihre Plädoyers gehalten. Sie forderten darin eine Verurteilung in 55 Fällen wegen Mordes und in 14 Fällen wegen versuchten Mordes. In 31 Fällen verlangten sie einen Freispruch. Außerdem sprachen sie sich gegen eine anschließende Sicherungsverwahrung ihres Mandanten aus.

Ihre Aufgabe sei es, in der Strafsache Högel die Fakten vorzubringen, die für den Angeklagten sprächen, sagte eine der beiden Anwältinnen zum Auftakt des 23. Verhandlungstages. So habe der Angeklagte seine Taten stets mit dem Vorsatz begangen, sie mit einer erfolgreichen Reanimation abzuschließen. Zudem müsse in allen Fällen für den Angeklagten entschieden werden, in denen der Gutachter eine Vergiftung durch Högel lediglich für möglich hielt.

Die Verteidigung schloss sich in ihrer Einschätzung der einzelnen Fälle weitgehend den Ausführungen des medizinischen Gutachters Professor Wolfgang Koppert an. Dieser hatte dargelegt, mit welcher Wahrscheinlichkeit Högel für den Tod der Patienten verantwortlich war. Die Verteidigerinnen stellten allerdings alle Fälle infrage, in denen der Wirkstoff Lidocain eine Rolle gespielt haben könnte. Seine Nachweisbarkeit in Gewebeproben sei nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht. Damit sei seine Aussagekraft als Beweismittel anzuzweifeln.

Laut Anklageschrift soll Högel zwischen 2000 und 2005 insgesamt hundert Patienten vergiftet haben: in Oldenburg 36 und in Delmenhorst 64. Er soll ihnen Medikamente verabreicht haben, die zum Herzstillstand führten, um sie anschließend reanimieren zu können und vor Kollegen als kompetenter Retter zu glänzen. Im Laufe des Prozesses räumte er 43 Mordvorwürfe ein. Vor drei Wochen hatte die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft in 97 Fällen gefordert. In drei Fällen sei der Angeklagte mangels ausreichender Beweise freizusprechen. Das Verfahren ist der größte Serienmord-Prozess der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Am Donnerstag soll das Urteil fallen

Das Urteil soll Donnerstagvormittag fallen. Dazu werden erneut sehr viele Zuschauer und auch Medienvertreter erwartet. Das Verfahren hatte in Räumen der Weser-Ems-Hallen stattgefunden, weil es in Oldenburg keine ausreichend großen Gerichtssäle gibt. Anders als in anderen Strafprozessen war das öffentliche Interesse durchgehend an fast allen Verhandlungstagen groß.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 5. Juni 2019, 6 Uhr