So reagieren Bremer Pflegeheim-Betreiber auf Besuchslockerungen

Der Senat hat am Dienstag beschlossen, die Auflagen für Besuche in Alten- und Pflegeheimen zu lockern. Das sagen die Betreiber dazu.

Eine ältere Frau im Rollstuhl lächelt (Symbolbild)
Bald könnten sich Pflegeheime-Bewohner in Bremen auf längere Besuche ihrer Angehörigen freuen. (Symbolbild) Bild: Imago | Hans Lucas

Der Bremer Senat hat die Auflagen für Besuche in Alten- und Pflegeheimen sowie Behinderteneinrichtungen gelockert. In der Mitteilung heißt es wörtlich: "Danach haben Bewohnerinnen und Bewohner in Einrichtungen der Altenpflege und der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen grundsätzlich Anspruch auf Besuch." Es gibt ab dem 11. August keine Beschränkungen mehr, was die Dauer und die Anzahl der Besuche sowie die Anzahl der Besucher betrifft. Auch Terminanmeldungen sind nicht mehr behördlich vorgeschrieben und damit nicht mehr zwingend notwendig. Ausnahmen sind unter Umständen möglich: "Für eventuelle Einschränkungen muss es jedoch Gründe geben", betont Bernd Schneider, Sprecher der Sozialsenatorin.

Die Einrichtungen müssen entsprechende Konzepte erstellen und, wenn beispielsweise der Raum nicht da ist, dürfen sie Einschränkungen vornehmen.

Der Sprecher der Sozialsenatorin Bernd Schneider im Interview.
Bernd Schneider, Sprecher der Sozialsenatorin

Gemischte Gefühle bei den Betreibern

Im Vorfeld der Lockerungen hat buten un binnen erste Reaktionen der Pflegeheime-Betreiber eingeholt. Diese fallen gemischt aus. Als eine "grundsätzlich gute Entscheidung" begrüßt André Vater, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung, die Entscheidung. "Weil die Menschen, die in den Einrichtungen leben, Normalität benötigen."

Für Vater hätten die ersten Lockerungen in den vergangenen Monaten gezeigt, dass die meisten Besucher die Wichtigkeit von Mindestabstand und Hygienemaßnahmen verstanden hätten. Außerdem sei es für Bewohner und Angehörige zunehmend schwierig zu verstehen, wieso außerhalb der Einrichtungen die Vorschriften gelockert werden, innerhalb aber nicht.

Bisher sind alle Beteiligten verantwortlich damit umgegangen. Ich glaube, dass es funktionieren kann.

André Vater, Vorstand der Bremer Heimstiftung

Frage der Finanzierung unklar

Ein gewisses Risiko könne niemand ausschließen, jedoch bleibt Vater positiv. Er sieht auch mögliche Schwierigkeiten, will aber die genauen Details der Entscheidung abwarten. "Man muss schauen, ob man zusätzliches Personal braucht, um die Besucher in Empfang zu nehmen. Werden die Besucher ohne Anmeldung kommen dürfen? Dann muss man schauen, wo das zusätzliche Personal herkommen soll und wer es bezahlt."

Sorgen um Urlaubsrückkehrer

Kritischer zeigt sich Anke Mirsch, Sprecherin der Inneren Mission Bremen. "Von Angehörigenseite ist es sehr begrüßenswert, aber für uns als Träger ist es mit Unsicherheiten verbunden." Sollten Besucher tatsächlich unangemeldet in die Einrichtung kommen dürfen, wäre es personell schwierig, dies entsprechend zu begleiten. "Außerdem ist es gerade Urlaubszeit. Vielleicht kommen die Besucher aus Urlaubsregionen zurück. Das Risiko steigt", sagt sie.

Mirsch sieht eine Diskrepanz zwischen den hohen Hygiene-Auflagen für Mitarbeitende und den geplanten Lockerungen.

Die Frage ist, ob sich Besucher, die aus Risikogebieten zurückkommen, wirklich testen lassen. Insgesamt steigt das Risiko. Daher ist es nicht hinzunehmen, dass die Heimleitung dann verantwortlich sein soll, falls es zu neuen Infektionen kommt.

Anke Mirsch, Sprecherin der Inneren Mission Bremen

Auch LAG steht dem Vorschlag kritisch gegenüber

Ähnlich sieht es die Bremer Landesarbeitsgemeinschaft der Träger der Freien Wohlfahrtspflege (LAG). "Generell begrüßen wir die Bemühungen des Senats, die Belange der Bewohner*innen in den Blickpunkt zu rücken", ist in einem gemeinsamen Brief der LAG und des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) an die Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) zu lesen. Eine Freigabe von Zeitumfang, Anzahl der Besuche und Besuchspersonen sowie ein Verzicht auf Terminabsprachen nehme jedoch den Trägern "wichtige Steuerungselemente zum Schutz der Mitarbeiterschaft und der Bewohner*innen vor einer Infektion mit Covid-19".

Sollten Mitarbeitende beispielsweise andauernd am Eingang bleiben müssen, um Besucher zu empfangen, sei dies mit den vorhandenen Personalressourcen nicht abzudecken, so die Vereine. Auch die räumliche Ausstattung würde zu Besucherströmen führen. LAG und bpa schlugen im Vorfeld der heutigen Senatsentscheidung vor, dass vor weiteren Lockerungen die Bewohner in den Einrichtungen gefragt werden, ob sie sich diese wünschen.

Vor dem Hintergrund der geplanten Lockerung der Besuchsregelungen können die Verantwortlichen in den Pflegeeinrichtungen den Schutz vor Corona-Ausbrüchen der Bewohner*innen und Mitarbeitenden nicht mehr gewährleisten. Die Verantwortung für einen Ausbruch kann die Pflegeeinrichtung mit den derzeit zur Verfügung gestellten Mitteln nicht tragen.

Brief von LAG und bpa

Specht-Gruppe: Wir haben Auflagen schon etwas gelockert

Carsten Stüve, Leiter der Parkresidenz Bremen, steht der Entwicklung deutlich positiver gegenüber. "Wir haben in unserer Parkresidenz die Höchstrisikogruppe wohnen. Daher sollten wir nicht allzu experimentierfreudig sein. Nichtsdestotrotz haben wir die Besuchsmöglichkeiten bereits gelockert", sagt er.

In der Residenz dürfen bereits mehrere unterschiedliche Angehörige pro Woche die Bewohner besuchen, auch kleine Familienfeste in der Lounge mit bis zu fünf Personen seien erlaubt. Besuche in den Zimmern seien jedoch weiterhin nur mit kompletter Schutzausrüstung gestattet, das Restaurant bleibe noch geschlossen. "Wir sind so gesehen nicht mehr weit entfernt vom 'Normalzustand'. Ich denke, das ist der 'neue Normalzustand'."

Unsere Angehörigen haben von Anfang an sehr verständnisvoll auf die Besucherregelungen reagiert und verstehen den Spagat, den wir als Pflegeheimbetreiber machen müssen. Letztendlich haben wir ja das gleiche Ziel: Wir möchten, dass es unseren Bewohnern und Bewohnerinnen gut geht und sie sich nicht mit dem Corona-Virus infizieren.

Carsten Stüve, Leiter der Parkresidenz Bremen

Ebenfalls freut sich über den Vorstoß Reinhard Leopold, Mitglied der Selbsthilfe-Initiative "Heim-Mitwirkung" und Ehrenamtlicher im Biva-Pflegeschutzbund. Die Besuchseinschränkungen und die Einsamkeit würden bei den Bewohnern zu psychischen Schäden führen. "Wir fordern seit längerer Zeit weitere Lockerungen. Die Entscheidung ist längst überfällig."

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juli 2020, 19:30 Uhr