Wie effektiv ist der Corona-Schutz in den Bremer Pflegeheimen?

Die meisten Corona-Sterbefälle gab es in Bremen unter Bewohnern von Pflegeheimen. Ältere Menschen gelten als hoch gefährdete Gruppe. Das ist die aktuelle Lage.

Ein Mann sitzt im Seniorenheim in einem Rollstuhl und blickt aus dem Fenster.
Mehrere Corona-Sicherheitsmaßnahmen werden vom Bremer Gesundheitsamt für Pflegeheime empfohlen. Bild: DPA | Christian Charisius

Ein kurzes Winken am Fenster, ein paar Worte über Skype an die lächelnden Enkelkinder: Seit Wochen können Bewohner von Senioren- und Pflegeeinrichtungen in Bremen nur aus der Entfernung oder durch den Einsatz von digitalen Technologien mit ihren Familien kommunizieren. Denn um sie zu schützen, soll man sie isolieren. So weit es geht von der Außenwelt zu trennen, damit das Coronavirus nicht in ihre Welt eindringt.

Deshalb wurde bereits im März von den Bremer Behörden ein Besuchsverbot erlassen. Für Bewohner, Angehörige und Betreiber kein leichter Schritt: An Demenz erkrankte Patienten können nicht – oder nur mühsam – verstehen, wieso sie ihre Familien plötzlich nicht mehr sehen können. Angehörige machen sich Sorgen über den Gesundheitszustand ihrer Senioren.

"Die Isolation ist für viele ältere Menschen schwer zu ertragen. Sie leiden stark unter einer solchen Kontaktsperre", sagt Reinhard Leopold von der Selbsthilfe-Initiative "Heim-Mitwirkung". Durch die Berichte der Angehörigen zeichne sich ebenfalls eine große Unsicherheit in einigen Einrichtungen ab, wie sie mit dem Kontaktverbot umgehen sollten.

Und doch, trotz aller Bemühungen, hat das neue Virus Einzug in die Wände der Bremer Pflege- und Seniorenheime gehalten. Stand Montagvormittag sind dem Gesundheitsressort in acht Bremer Einrichtungen insgesamt 89 Corona-Fälle bekannt: 55 Bewohner und 34 Mitarbeiter. Davon sind 17 Bewohner bereits gestorben. Eine hohe Zahl, verglichen mit der Gesamtzahl der Todesfälle im Land Bremen. Acht Bewohner und elf Mitarbeiter sind inzwischen genesen. Drei Einrichtungen sind noch von Corona betroffen, eine davon mit auffällig vielen Fällen.

Sieben Corona-Todesfälle in Bremer Pflegeheim

Video vom 23. April 2020
Ein Rettungswagen mit Sanitäter vor einem Pflegeheim.

Wie können sich Pflegeheime schützen?

Hat das Virus gesiegt? Ist es überhaupt aufzuhalten? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Das weiß auch Heinz Rothgang, Professor für Gesundheit und Pflege an der Universität Bremen. "Man muss versuchen, die Bewohner zu schützen, aber das ist nicht leicht. Das einzige Mittel, das wir im Moment gegen Corona kennen, ist Abstand halten." Das Problem sei nicht nur, dass manche Bewohner das nicht verstehen oder darunter leiden, sondern auch, dass die Pflege oft körperlicher oder räumlicher Nähe bedürfe. Das Waschen und die medizinische Versorgung sind nur einige Beispiele.

Dieses Mittel kann in Pflegeheimen nicht so greifen wie an anderen Orten, denn Pflegebedürftige sind Menschen, die der persönlichen Hilfe bedürfen. Da muss Kontakt hergestellt werden.

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Es sei sehr schwierig, diese Gruppen komplett zu isolieren. Deshalb empfehlen das Robert-Koch-Institut sowie das Bremer Gesundheitsressort zusätzlich eine Reihe weiterer Maßnahmen. 34 Seiten umfassen die Handlungshilfe und die Hinweise für die Pflegeeinrichtungen, die auf der Webseite des Gesundheitsamtes zu finden sind.

Die einzige Möglichkeit, die Bewohner zu schützen, ist die Viruslast der Bevölkerung zu reduzieren und in den Einrichtungen alle Maßnahmen, die man einsetzen kann, möglichst genau einzuhalten.

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Maßnahmen sind Empfehlungen, können aber auch angeordnet werden

Empfohlen sind beispielsweise die Desinfektion von Händen, Flächen und Instrumenten mit "begrenzt viruziden" Mitteln, das Tragen eines Mundschutzes bei der Versorgung "vulnerabler Bewohnergruppen" oder gewisse Handlungen beim Wiederverwenden der Schutzausrüstung, falls sie nicht in dem nötigen Maß vorhanden sein sollte. Es handelt sich dabei jedoch um Empfehlungen – solange sie nicht vom Amt angeordnet werden. Kontrollen finden derzeit in den betroffenen Einrichtungen statt – 29 Mal habe es dort Begehungen gegeben, sagt das Gesundheitsressort. Dazu seien 52 Einrichtungen "präventiv beratend aufgesucht worden."

Auf Nachfrage von buten un binnen gaben viele Betreiber an, Mundschutz für alle Mitarbeiter, Schulungen und Pandemiepläne einzusetzen. Nicht selten werden Isolier-Bereiche vorbereitet, auf Betreuung in größeren Gruppen verzichtet und feste Rotationschichten festgelegt.

Doch sind diese Maßnahmen für alle Pflegeheime umsetzbar? In Bremen gibt es über 100 Einrichtungen von verschiedenen öffentlichen und privaten Trägern. Einige gehören großen Konzernen an, andere Privatpersonen und kleineren Vereinen. Die Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, sind unterschiedlich. Hinzu kommt, dass der Markt von professioneller Schutzausrüstung derzeit wie leergefegt scheint.

Unterschiedliche Standards und Mittel in den Einrichtungen

Das betont auch Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerats. "Die Ausrüstungslage ist in den Heimen nach wie vor sehr unterschiedlich. Die Einrichtungen haben unterschiedliche Standards. Und die Produkte sind teurer geworden." Oft sei die Frage der Finanzierung zudem nicht ausreichend geklärt, sagt Pundt.

Das Problem ist, dass der Langzeitpflegebereich eine Zeit lang vergessen wurde. Aber die Pflegekräfte dort sollten sich eigentlich so wie im Krankenhaus schützen können. Und das Schutzmaterial wechseln können.

Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerats

Der Mangel sei immer noch da – obwohl der Bund jetzt tätig geworden sei und die Lage sich perspektivisch etwas entspannen könnte. Ähnlich sehen das der Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe Nordwest und der Bremer Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa).

Wir halten nichts von absoluten Kontakt- und Besuchsverboten, aber alles von ausreichend vorhandener, adäquater Schutzausrüstung für Pflegende wie Bewohner/innen. Und von gezielten Tests, um eingeschleppte Infektionen frühzeitig erkennen und reagieren zu können.

Katharina von Croy, Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Nordwest

Die Betreiber selbst berichten von unterschiedlichen Lagen. Die Bremer Heimstiftung gibt an, die Herausforderung seien im Augenblick Schutzkittel und Schutzbrillen, während Desinfektionsmittel und Schutzmasken noch bestellbar seien. Die Sprecherin der Bremer Caritas, Simone Lause, sagte: "Wir haben aktuell zusätzliche Schutzkleidung angefordert. Allerdings können uns die Lieferanten keinen Liefertermin nennen." Restbestände seien jedoch noch vorhanden.

Die Bremer Stiftung Friedehorst teilte hingegen mit, die Einrichtungen hätten aktuell genügend Schutzausrüstung. Sollte ein Corona-Fall auftreten, sei jedoch zunächst nur die Erstversorgung gesichert. Für einen längeren Verlauf werde auf das Zentrallager des Landes Bremen vertraut.

Wir wünschen uns sehr, dass aus dem Krisenstab oder dem Zentrallager die grundsätzliche Zusicherung an alle Einrichtungen gemacht wird, dass im Corona-Fall Schutzausrüstung gesichert und ausreichend zur Verfügung steht.

Gabriele Nottelmann, Sprecherin der Stiftung Friedehorst

Universität Bremen führt Umfrage über Schutzkleidung durch

Kürzlich hat die Bremer Universität eine Umfrage gestartet, um den aktuellen Bedarf an Schutzkleidung unter den deutschen Pflegeheimen zu ermitteln, sagt Rothgang. Das Tragen einer FFP2-Maske bei Kontakt mit den Bewohnern findet er jedenfalls sinnvoll. Die bpa sieht eine weitere Maßnahme als längst überfällig: Die Testung von Bewohnern, die aus dem Krankenhaus zurückkommen, sowie bei Neuaufnahmen. "Ebenso halten wir die wiederholte Testung aller Bewohner und aller Mitarbeiter für zwingend, wenn der leiseste Verdacht aufkommt – und bis zum Ende der Inkubationszeit für geboten", sagte die Landesbeauftragte Johanna Kaste. Zu umfangreiche oder engmaschige Testungen sieht der Wissenschaftler Rothgang allerdings als problematisch. Denn die Kapazitäten seien nicht vorhanden.

Sorgen wegen einer eventuellen zweiten Welle

Die Gewerkschaft Verdi macht sich außerdem Sorgen wegen einer möglichen zweiten Welle der Infektionen und plädiert dafür, dass die Arbeitskräfte nicht überlastet werden. Denn dann werde es unter anderem schwieriger, auf Hygiene-Maßnahmen zu achten. Dies sei in der Pflege schon vor der Corona-Krise ein bundesweites Problem gewesen, sagt Rothgang. Gerade in Pflegeheimen hätten Fachkräfte gefehlt.

Durch eine frühere Umfrage habe sich ergeben, dass das Händewaschen aus Zeitmangel am häufigsten weggelassen wurde. "Jetzt glaube ich nicht, dass es noch so ist. Inzwischen werden sie gerade bei der Hygiene wahnsinnig nachgerüstet haben", so der Wissenschaftler. Wichtig sei vor allem, dass die Einrichtungen die nötige Unterstützung bekommen.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. April 2020, 19:30 Uhr