Heime im Lockdown: Angehörige beschweren sich über Pflegemängel

Zwischen Mitte März und Ende Mai herrschte in Bremer Pflegeheimen Besuchsverbot, Regelprüfungen waren ausgesetzt. Die Folgen wirken für manche Betroffene jetzt noch nach.

Alte Frau im Rollstuhl auf dem Flur eines Altenpflegeheims .
Während des Lockdowns durften Bewohner von Pflegeheimen nur in Ausnahmefällen Besuch bekommen. (Symbolbild) Bild: Imago | Photothek

Zwölf Wochen lang hat Michaela Babitzke jeden Tag an die Scheibe des Fensters vom Pflegeheim geklopft. Auf der anderen Seite saß ihr Sohn, die Augen verschlossen, als ob er im lauen Sonnenlicht eingedöst wäre. Sobald er das Trommeln der Finger gehört hat, hat er die Augenlider geöffnet. So erzählt das Babitzke.

Babitzkes Sohn René ist 33 Jahre alt und leidet seit einem Verkehrsunfall vor 24 Jahren unter Lähmungserscheinungen. Er muss einen Rollstuhl benutzen und braucht wegen seiner epileptischen Anfälle besondere Pflegeleistungen. Seit anderthalb Jahren wird er im Wohnbereich "Via Vita" der Stiftung Friedehorst betreut.

Michaela Babitzke und ihr Sohn René
Michaela Babitzke durfte ihren Sohn René fast drei Monate lang während des Lockdowns nicht besuchen. Bild: privat

Babitzke erzählt, dass René vor einiger Zeit gelernt hat, eine spezielle Computersteuerung zu benutzen, um sich über die Maschine mit anderen auszutauschen. Mit der Außenwelt zu kommunizieren – ein wenig zumindest. Sie erzählt über scheinbar kleine Dinge, die sich wie große Siege anfühlten: Wie er gelernt hat, beim Übergang vom Rollstuhl zum Bett eine Weile selbstständig auf der Bettkante aufrecht zu sitzen, bevor er wieder hingelegt wurde.

Doch dann kam Corona. Und mit ihm, sagt Babitzke, der Rückschritt. Renés Fähigkeit, die Computersteuerung zu benutzen, sei wie "eingeschlafen", seine Gliedmaßen versteift. "Er kann kaum Kopfdrehungen machen. Er ist wie am ganzen Körper blockiert", sagt die Mutter. Für sie sei die Pflege in der Corona-Krise nicht optimal gewesen, vor allem die fehlenden Therapien und Freizeitangebote hätten sich negativ auf den physischen und psychischen Zustand ihres Sohnes ausgewirkt. "Ich weiß nicht genau, was gemacht worden ist – und was nicht", erläutert sie. Denn eine Zeit lang hätten wegen des Besuchsverbots weder Angehörigen noch externe Fachkräfte die Einrichtung betreten können. Viele Aktivitäten seien daher möglicherweise ausgefallen.

Einrichtung: Wir waren die einzigen, die eigene Therapeuten hatten

Die Einrichtung bestätigt das auf Nachfrage in Teilen. "Während der Zeit des Besuchsverbots durften externe Personen die Einrichtungen nicht betreten; dazu zählen neben den Angehörigen auch Therapeuten." Sie stellt allerdings fest: "Wir sind die einzige Einrichtung in Bremen, die eigene Therapeuten beschäftigt. In der Zeit des Besuchsverbots konnten wir also als einzige Einrichtung in Bremen überhaupt Therapien anbieten und haben das natürlich auch gemacht. Das heißt: Die Bewohner bei uns haben mehr Therapien bekommen als jeder andere Heimbewohner in Bremen."

Lange Zeit sind die Besuche am Fenster die einzige Kontaktmöglichkeit zwischen Mutter und Sohn gewesen. Teilweise haben die Pflegekräfte das Telefon mit Mikrophon ins Zimmer gebracht, damit er die Stimme seiner Mutter hört. "Aber sie hatten nicht immer Zeit dafür", sagt sie.

Ich hatte Angst, fragte mich: "Wie geht es meinem Sohn?" Ich bin dann jeden Tag hingefahren und habe ihn durch die Scheibe gesehen. Er sah müde aus.

Michaela Babitzke

Auch die körperliche Pflege hätte laut Babitzke gelitten: Eine Zeit lang habe die externe Fußpflegerin die Einrichtung nicht betreten können, die Fußnägel seien sehr lang gewesen. Die Mitarbeiter hätten René in den Flur gebracht, damit Babitzke ihn sehen konnte. Eine nette Geste. Es ist aber auch ein Bild, das das Opfer von Pflegeheim-Bewohnern in der Corona-Krise wortlos darstellt – das von einem jungen Mann im Rollstuhl, der hinter einer Glasscheibe auf Besuch wartet, während die Zeit vergeht.

Kontaktbeschränkungen sind für Bewohner nicht einfach

Darüber, dass der Lockdown in der ersten Phase der Pandemie den Bewohnern von Pflegeeinrichtungen viel abverlangt hat, herrscht mittlerweile Konsens. Allein die Kontaktbeschränkungen hätten Auswirkungen auf die Stimmung gehabt und seien von dementen Patienten nicht einfach zu verstehen gewesen, erzählen viele aus der Branche. Die Sozialbehörde betont allerdings, dass Abstandhalten anfangs das einzige Mittel gewesen sei, um die Betreuten zu schützen.

Wir hatten eine Ausbruchsituation und aus Gründen des Infektionsschutzes und zum Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner war es richtig.

David Lukaßen, Sprecher des Sozialressorts

Laut einigen Angehörigen, mit denen buten un binnen gesprochen hat, spielt jedoch ein weiterer Faktor eine Rolle. Sie beklagen die fehlenden Kontrollen während der Pandemie – sowohl die unangekündigten Regelprüfungen, die ausgesetzt worden sind, als auch die Kontrolle durch die Familienmitglieder, die die Einrichtungen zeitweise nicht betreten konnten. Für Reinhard Leopold, Regionalreferent im Biva-Pflegeschutzbund, hat diese Situation die Lage in einigen Fällen deutlich verschlechtert.

Angehörige: Ich wollte, dass er mindestens meine Stimme hört

Bahar Yavasoglu und ihr Mann Akin
Erst vor fünf Jahren hat ein Unfall das Leben von Bahar Yavasoglu und ihrem Mann Akin grundlegend verändert. Bild: privat

Eine ähnliche Geschichte wie Michaela Babitzke erzählt Bahar Yavasoglu. Ihr Mann, 44 Jahre alt, ist nach einem Unfall seit fünf Jahren pflegebedürftig. In Schlaglichtern erzählt sie über das Jahr 2015, das geprägt war vom medizinischen Leidensweg des Mannes: Röntgenaufnahmen, chirurgische Schädeldecke-Öffnung, Operationen – mindestens sechs, Hirnschädigung, künstliches Koma, Wachkoma, Reha.

Heute wohnt er bei Friedehorst. Er kann nach Angaben Yavasoglus weder sprechen noch aufstehen und muss künstlich ernährt werden. Nachdem das Gebäude 21, in dem er lebt, Mitte März seine Türen für Besucher geschlossen hatte, konnte Yavasoglu ihn erst Mitte Juni wiedersehen. In der Zwischenzeit sollen mehrere Therapien weggefallen sein – zumindest zeitweise.

Die Ergebnisse sieht die junge Frau heute noch: Er habe die Finger der linken Hand nicht mehr richtig öffnen können, sie seien steifer geworden. Auch die Physiotherapie soll eine Zeit lang von einem einzigen Mitarbeiter gewährleistet worden sein. "Ein Physiotherapeut für 80 Bewohner – wie viel kann er machen?", fragt sie sich. Der Körper ihres Mannes sei steifer geworden. "Er war einfach nicht mehr beweglich."

Dazu teilt die Einrichtung mit: "Herr Yavasoglu hat während der gesamten Zeit der Corona-Pandemie zweimal wöchentlich Physiotherapie bekommen (bis auf die Wochen, in denen er nicht in unserer Einrichtung war sowie in der Zeit seiner Zimmerquarantäne), seit Mitte Juli sogar dreimal wöchentlich."

Akin Yavasoglu sitzt im Rollstuhl.
Akin Yavasoglu ist seit dem Unfall teilweise gelähmt. Bild: privat

Auch Yavasoglu hat die Verzweiflung zum Fenster des Zimmers ihres Mannes getrieben. "Aber es war eine schlimme Situation. Er hat mir mit der rechten Hand zu sich gewinkt, rein ins Zimmer, aber ich konnte nicht rein. Und er verstand nicht warum", sagt sie und seufzt. "Ich wollte, dass das Fenster auf Kippe steht, damit er mindestens meine Stimme hört."

Die junge Frau weint noch heute, als sie an das erste Wiedersehen mit ihrem Mann im selben Raum denkt. Sie sagt, die Augen ihres Mannes seien verkrustet gewesen, er hätte einen Belag auf der Zunge gehabt. Yavasoglu kann nicht verstehen, wieso Angehörige ausgesperrt worden sind. "Pflegekräfte kommen auch von draußen, können auch das Virus übertragen", sagt sie, und betont, sie hätte sich mehr Kontrollen gewünscht.

Einrichtung: Die Vorwürfe sind haltlos

Friedehorst streitet die Vorwürfe mangelhafter Pflege sowohl bei Yavasoglus Ehemann als auch bei Babitzkes Sohn ab. "Die Wohn- und Betreuungsaufsicht hat am 25.8.2020 auf unsere Bitten hin sowohl den Sohn von Frau Babitzke als auch Herrn Yavasoglu besucht, begutachtet und die Dokumentation eingehend überprüft. Sie hat keinerlei Beanstandungen gefunden, insofern haben sich diese Vorwürfe als haltlos erwiesen."

Die Hilflosigkeit und der Kontrollverlust machten offenbar vielen Angehörigen zu schaffen. Doch welche Rolle haben die fehlenden Überprüfungen in den Heimen tatsächlich gespielt und welche Auswirkungen hatte dies auf die Pflege? Für Leopold hat die Einschränkung tatsächlich zu "de-facto" rechtsfreien Räumen geführt. Ihn hätten Berichte von widersprüchlichen Umsetzungen der Coronaverordnungen erreicht, was Besuche und Quarantäne anging.

Angehörige sind diejenigen, die sich beschweren können. Und sie sind ausgesperrt gewesen. Die Regelprüfungen sind keine Garantie für perfekte Pflege, aber wenn ich unangemeldet komme, kann ich zumindest schauen, ob alles gut läuft.

Reinhard Leopold, Initiative "Heim-Mitwirkung"

Für Heinz Rothgang, Professor für Gesundheit an der Universität Bremen, sei es möglich, dass fehlende Kontrollen in einigen Fällen zu mangelhafter Pflege geführt haben. "Wenn die Besucher und die Kontrolleure nicht mehr in die Einrichtungen kommen können, entsteht da eine Dunkelkammer, von der wir eben nicht wissen, was darin passiert." Allerdings gebe es hierzu keine gesicherten Daten oder Beweise, sondern nur Erfahrungsberichte.

Dass es den Pflegebedürftigen nach der Schließung schlechter ging, kann natürlich auch eine Folge der Vereinsamung als Folge des Besuchsverbots sein. Das ist dann nicht auf schlechte Pflege zurückzuführen.

Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Gesundheitsressort: Einige Therapien waren in der Zeit nicht möglich

Das Gesundheitsressort zeigt Verständnis für die Beschwerden wegen der Therapie-Einschränkungen, betont aber, dass dies zu der Zeit verhältnismäßig gewesen sei. Auch seien die Regelprüfungen ausgesetzt worden, damit die Mitarbeiter das Gesundheitsamt unterstützen konnten. Anlassbezogene Prüfungen – also nach Beschwerden – hätten aber weiterhin stattgefunden.

Natürlich haben Angebote in der Zeit des massiven Herunterfahrens aus Gründen des Infektionsschutzes auch in Pflegeeinrichtungen gelitten. So konnten beispielsweise Ergotherapeuten nicht in Einrichtungen, was nun mit dem Wiederhochfahren und Ausweiten der Besuchsregelungen auffällt.

David Lukaßen, Sprecher des Sozialressorts

Die Pandemie habe die bereits angespannte Lage für die Mitarbeiter in der Pflege weiter verschlechtert und sie überfordert, daran seien jedoch nicht die Pflegekräfte schuld, betont ein weiterer Angehöriger, der Verwandte in einer anderen, privaten Einrichtung betreuen lässt und Mängel in der Betreuung beklagt.

Uni-Professor: Für die Pflegekräfte ist Mehraufwand entstanden

Rothgang sieht das ähnlich. Ihm zufolge sei Mehraufwand entstanden, gleichzeitig habe es Personalausfälle gegeben. Angesichts der bereits angespannten personellen Situation sei es klar, dass sie nicht mehr so viel schaffen könnten wie vorher. "Es wäre schon erstaunlich, wenn daraus keine Qualitätsabsenkungen resultierten", sagt Rothgang.

Durch den Wegfall der Besucherinnen und Besucher, der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer und die gesteigerten Hygieneanforderungen ist in erheblichem Umfang Mehraufwand entstanden. Bei unserer Befragung Anfang Mai haben die Einrichtungen diese auf etwa eine Stunde pro Pflegekraft und Schicht beziffert.

Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Für Stefan Görres, Professor für Pflegeforschung an der Universität Bremen, hat Corona die Lage erheblich beeinträchtigt. Es sei vorstellbar, dass in einigen Heimen dadurch Zustände "am Rande des Chaos" geherrscht hätten. Dass man dabei nicht die übliche Qualität herstellen könne, sei klar. Sie hätten wie die gesamte Gesellschaft Abstriche machen müssen. Ob die Maßnahmen gerechtfertigt waren, müsse man im Nachhinein analysieren.

In dem Moment hat man viele Dinge getan, teilweise auch weil man die Situation nicht wirklich einschätzen konnte. War das Aussetzen der Regelprüfungen ein Fehler? Man könnte sagen: vielleicht, weil die Kontrolle in der Zeit nicht da war. Man kann aber auch sagen: Das war berechtigt, weil sie eine weitere Infektionsgefahr gewesen wären.

portrait von Stefan Görres
Stefan Görres, Professor an der Universität Bremen

Pflegeforscher: kein rechtsfreier Raum

Dass man sich dadurch quasi in einem rechtsfreien Raum befunden hätte, vereint Görres: "Da muss ich heftig widersprechen." Das Gesetz sei nicht außer Kraft gesetzt worden, sondern nur die Regelkontrollen. Zudem finde eine Regelprüfung einmal im Jahr statt, in den übrigen Monaten gebe es meistens keine Kontrollen.

Man hat ein ungutes Gefühl, wenn man in so einer Extremsituation die Kontrolle ein Stück weiter verliert. Aber wenn die Heime nach Recht und Gesetz handelt, dann ist das ok.

Portrait von Stefan Görres
Stefan Görres, Professor an der Universität Bremen

Seien jedoch die Angehörigen da, mache das einen Unterschied. "Hätte man am Anfang mehr Schutzmasken und -anzügen gehabt, hätten die Angehörigen nach meiner Sicht zumindest einmal am Tag hingehen können."

Babitzke und ihr Sohn dürfen jetzt wieder gemeinsam spazieren gehen. Sie klingt erleichtert, sagt, diese Woche habe ihr Sohn wieder gut gepflegt ausgesehen. So wie noch nie während der Corona-Krise. Yavasoglu sieht hingegen noch keine große Besserung in der Mobilität ihres Ehemannes. "Ich kann nur mit ihm lachen, weinen, draußen sein, mich freuen. Mehr kann ich nicht machen." Sie sagt, ihr Ehemann merke das, trotz der Einschränkungen.

Welche Folgen können die Besuchsverbote in Pflegeheimen haben?

Video vom 30. August 2020
Hinter einer Glasscheibe sitzen zwei Frauen, die sich mit einer Frau vor der Glasscheibe unterhalten.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. August 2020,19:30 Uhr