Fragen & Antworten

Kann Bremens neue Pflegeausbildung das Lohnniveau heben?

Die generalistische Ausbildung soll nicht nur die Pflege verbessern, sondern auch die Lohnstruktur für Pflegefachkräfte. So soll das in Bremen funktionieren.

Eine junge Frau sitzt am Bett einer älteren Dame und hört ihr zu.
Nach der neuen Pflegeausbildung können die Absolventen Menschen jedes Alters pflegen. Bild: Imago | Ute Grabowsky
Was ist neu an der Pflegeausbildung?
Die Ausbildungen in der Altenpflege, in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sind seit dem Frühjahr in Bremen neu aufgestellt: Auszubildende können jetzt den gemeinsamen Abschluss zum Pflegefachmann beziehungsweise zur Pflegefachfrau machen.
"Wir vermitteln Kompetenzen für alle Versorgungsbereiche – ob Krankenhaus, Langzeitpflege oder ambulante Pflege. Und eben auch für alle Lebensalter – von Kindern über die Erwachsene bis hin zum alten Menschen", so Barbara Venhaus-Schreiber, Schulleiterin des Bremer Zentrums für Pflegebildung.
Neben dem neuen Abschluss gibt es aber weiterhin die Möglichkeit, sich zu spezialisieren mit den zwei gesonderten Abschlüssen in der Altenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.
Ausbildung von Pflegekräften Generalistische Ausbildung 2 Jahre Generalistische Ausbildung Berufsabschluss Abschluss:Pflegefachfrau/-mann Abschluss:Altenpfleger/in Abschluss: Gesundheits- undKinderkrankenpfleger/in Arbeitsbereiche 3. Jahr
Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Auf welche Bedürfnisse reagiert die neue Ausbildung?
Die Reform der Pflegeberufe soll sich mit der neuen Ausbildung an die Bedürfnisse der zu pflegenden Menschen anpassen, die sich vor allem in den letzten Jahren verändert haben. So gibt es immer mehr Pflegebedürftige, die nur vorübergehend und ambulant gepflegt werden. Auch medizinische Behandlungen in Pflegeeinrichtungen haben zugenommen und immer mehr ältere Menschen müssen inzwischen auch im Krankenhaus versorgt werden.
Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland (in Millionen):
Anstieg der Pflegekräfte bis zum Jahr 2050 2,4 2,4 2,4 2010 2,9 2,9 2,9 2020 3,4 3,4 3,4 2030 3,9 3,9 3,9 2040 4,5 4,5 4,5 2050 +88% mehr Pflegebedürftigebis zum Jahr 2050
Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2, 2010
Laut des statistischen Bundesamtes gibt es bis zum Jahr 2050 rund 90 Prozent mehr Pflegebedürftige als es noch 2010. Darauf soll das neue Pflegeberufegesetz mit seiner reformierten Ausbildung reagieren.
Wie läuft die neue Pflegeausbildung in Bremen ab?
Im Land Bremen haben rund 550 Auszubildende die generalistische Pflegeausbildung bereits begonnen (Stand: 6.11.2020). "Wir gehen daher von einer Steigerung der Auszubildendenzahlen von 5 bis 10 Prozent gegenüber 2019 aus", so ein Sprecher der Gesundheitsbehörde. Am Bremer Zentrum für Pflegebildung werden rund ein Fünftel der Bremer Pflegeazubis ausgebildet.
Während der Ausbildung müssen sich die Schülerinnen zunächst in alle Bereiche der Pflege einarbeiten und können sich schließlich im letzten Ausbildungsjahr spezialisieren.
Vor über drei Monaten hat die 19-jährige Ronja Jilek ihre Ausbildung an der Pflegeschule begonnen und ihr ist es egal, wo sie später Menschen pflegt: "Mich motiviert, dass ich für Menschen da sein, sie auf ihren teilweise schweren Wegen unterstützen und an ihrer Seite sein kann." Auch ihre Klassenkameraden wissen noch nicht genau, wo sie später arbeiten wollen, für sie gibt es viele Einsatzorte: Psychiatrie, Pädiatrie, Altenheim oder Krankenhaus.
Bedeutet die gemeinsame Ausbildung auch, dass alle gleich bezahlt werden?
Zumindest in der Ausbildung bekommen dann alle den gleichen Lohn – wenn sich die Ausbildungsträger wie kommunale Krankenhäuser oder private Pflegeeinrichtungen an die geltenden Tarifverträge halten.
Soviel verdienen Azubis im Durchschnitt:

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Mit der neuen Ausbildung hat sich das Lohniveau in der Altenpflegeausbildung stark verbessert. "Das war schon immer ein Ärgernis", so Venhaus-Schreiber. Sie ist froh, dass jetzt alle die gleichen Voraussetzungen haben und das gleiche Gehalt bekommen. "Für uns war nie einsehbar, warum Menschen in der Altenpflege geringer bezahlt werden als die, die in der Erwachsenenpflege tätig sind – das macht aus pflegerischer Sicht keinen Sinn."
Ziel des gemeinsamen Abschlusses sei es, dass sich die Pflegefachmänner und -frauen später ihren Arbeitgeber selbst auswählen und flexibel zwischen Alten- und Krankenpflege wechseln können. Der gemeinsame Abschluss soll jetzt Druck auf diejenigen aufbauen, die ihre Mitarbeitenden schlecht bezahlen. Die Altenpflege könnte absehbar weiter Fachpersonal verlieren, wenn sie nicht adäquat bezahlt – so die Hoffnung in der Branche. Darauf bereiten sich auch die privaten Anbieter vor.
Inwiefern kann die neue Pflegeausbildung Einfluss auf das Lohnniveau haben?
Verdi-Sprecherin Kristin Bringmann und Schulleiterin Venhaus-Schreiber glauben, dass die schlechtere Bezahlung und die Rahmenbedingungen spätestens in zwei Jahren zum Problem in der Altenpflege werden. Die Ausbildung erhöhe den Druck gerade in der privaten Altenpflege, die Rahmenbedingungen und die Bezahlung zu verbessern. Unter den jetzigen Bedingungen, wo Pflegekräfte in Alteneinrichtungen rund 700 Euro weniger verdienen als im Krankenhaus, würde kaum noch jemand dort arbeiten wollen.
Das verdienen Alten- und Pflegefachkräfte im Schnitt:
Verdienst von Pflegekräften und Altenpflegern Krankenpflege 3.582 € 2.833 € Altenpflege
Quelle: Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit für die Arbeitnehmerkammer Bremen 2018
"Bis 2023 wollen wir uns in der Pflege an den Tarifvertrag der Länder annähern. Da sind wir auf einem guten Weg", so Verdi-Sprecherin Bringmann. Doch gerade die Altenpflege steht bei vielen nicht im Fokus. "Dass man mal ins Krankenhaus kommt, das ist für viele wahrscheinlicher als dass man ins Altenheim kommt – das ist für viele noch ziemlich weit weg", so die Schulleiterin. "Wir wollen alle, dass unsere jungen und alten Menschen gut versorgt werden und wenn wir das wollen, dann kostet das eben Geld."
Wo muss bei der neuen Pflegeausbildung nachgebessert werden?
Für Venhaus-Schreiber und Bringmann ist die neue generalistische Ausbildung ein Schritt in die richtige Richtung – hin zu einer ganzheitlichen und fair entlohnten Pflege. Dass es aber weiterhin die Möglichkeit gibt, die alten Abschlüsse zu machen, sehen sie kritisch. Johanna Kaste, Landesbeauftragte vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, sieht in den alten Abschlüssen noch einen Vorteil: Die Azubis der Altenpflege seien besser auf die Bedürfnisse der älteren Pflegebedürftigen vorbereitet als die neuen Generalisten.

Bringmann und Venhaus-Schreiber sehen hingegen den alten Abschluss als Schlupfloch für eine schlechtere Bezahlung in der Altenpflege. Kaste verteidigt den Abschluss und begründet die schlechtere Bezahlung in ihrer Branche mit dem generellen Unterschied in den Finanzierungsmodellen der Pflege. Werden Pflegekräfte im Krankenhaus vollständig refinanziert, seien Altenpflegeeinrichtungen auf die Pflegeversicherung angewiesen. Kaste sieht dort die Stellschraube für bessere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege.

Ein weiterer Kritikpunkt an der neuen Ausbildung sei, dass zwar die tarifliche Bezahlung der Auszubildenden sichergestellt sei, aber nicht die tarifliche Vergütung der Lehrkräfte. "Es macht uns Sorge, dass die Ausbildung dann nicht mehr gesichert werden kann, weil wir zu wenig Lehrer haben – da nützen uns die tollen Ausbildungsbedingungen auch nichts mehr", so Verdi-Sprecherin Bringmann.

Pflegeberuf im Niedriglohnsektor: Kann man davon leben?

Video vom 6. Oktober 2020
Mehrere Pflegekräfte die Plakate hochhalten und streiken.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Volontärin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November 2020, 19:30 Uhr