Das Netzwerk der Coronakritiker: So ist es in Bremen und umzu aktiv

Haben Sie Kritik an den Corona-Maßnahmen, an den Pandemie-Einschränkungen? Schnell werden Sie dann auf Querdenken-Netzwerker stoßen, wie man sie auch in Bremen findet.

Video vom 22. Oktober 2020
Einige Menschen, die an einer Querdenker Demonstration teilnehmen. Ein Mann hält ein Plakat in die Luft mit den Worten "Der Weg in die Diktatur heißt Gehorsam!"
Bild: Radio Bremen

Sie halten den Mund-Nasen-Schutz für unnütz, die Corona-Maßnahmen für überzogen, die Pandemie für nicht real: Bundesweit protestieren Menschen auf sogenannten Querdenken-Demos, um ihren Unmut kundzutun. So schwer Kontakt mit den Organisatoren solcher Demonstrationen herzustellen ist, so schwierig ist auch die Frage zu beantworten, wer da eigentlich alles zusammen protestiert. Der Bremer Politikwissenschaftler Andreas Klee hat den Eindruck, es sei "ein bunter Haufen, wenn man das mal so flapsig sagen möchte." Für den einzelnen Teilnehmer ist manchmal deshalb schwer auszumachen, in welcher Gesellschaft er sich hier befindet.

Verschwörungsmythen als gemeinsamer Nenner

Andreas Klee bezweifelt, dass Corona wirklich der gemeinsame Nenner ist, der unterschiedlichste Menschen aus unterschiedlichsten Milieus hier zusammenbringt: "In der Summe sind es Menschen, die unabhängig von ihren jeweiligen, spezifischen Einzelinteressen eine gewisse Bereitschaft haben, an Verschwörungsmythen festzuhalten und davon ausgehen, dass es größere Mächte gibt, die hinter dem, was wir Politik oder Gesellschaft nennen, stehen." So finden sich hier äußerst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen – ebenso Menschen aus dem rechten wie auch dem linken Spektrum.

Querdenken-Demo Mitte September 2020 am Bremer Hauptbahnhof: Eine Frau, die nach eigener Aussage zum Organisationsteam der Demo gehört, aber anonym bleiben will, teilt Flyer gegen die Maskenpflicht aus. Sie erklärt, das Corona-Virus sei zwar real und vor allem für ältere und gesundheitlich angeschlagene Menschen gefährlich – eine weltweite Pandemie gebe es aber nicht, sie werde von den Medien und einer weltweiten Elite heraufbeschworen: "Diese Elite hat eben mittlerweile auch die Politik fest im Griff und das macht mir echt Angst."

Corona-Kritiker demonstrieren zwischen Hauptbahnhof und Übersee-Museum gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen.
Auch in Bremen gehen Menschen auf die Straße, um damit gegen die Coronaregeln zu demonstrieren. Bild: Radio Bremen

Dass es solche Erzählungen vermehrt auf den Querdenken-Demonstrationen gibt, bestätigt die Netzaktivistin Katharina Nocun, die sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat: "Ich würde davon ausgehen, dass Verschwörungsideologien eine sehr große Rolle unter Organisatoren, Unterstützern und Teilnehmern spielen." Menschen, die an diese Erzählungen glaubten, hätten oft ein düsteres Weltbild, wonach die Gesellschaft von einigen Wenigen kontrolliert werde. Dieser Glaube an Verschwörungsmythen ziehe sich letztlich quer durch die Gesellschaft.

Diese Leute meinen dann, sie gehörten zu den wenigen Erleuchteten, die eine angebliche Wahrheit gefunden oder eine Verschwörung aufgedeckt haben.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Bloggerin

Die Frau auf der Demo erklärt, sie beziehe ihre Informationen unter anderem von Sucharit Bhakdi oder Wolfgang Wodarg. Die Mediziner sind prominente Vordenker der Querdenken-Bewegung, mit der Organisation "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie" haben sie ihre Mitstreiter hinter sich versammelt. Ihre Unterstützerlisten haben diverse Mediziner, Heilpraktiker und auch Therapeuten aus dem Nordwesten unterschrieben. Die Initiatoren selbst sprechen von bundesweit 2.000 namentlichen Unterzeichnern – überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Oldenburger Hilfe für Maskengegner

Auch andere Kritiker haben sich in Vereinen organisiert, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Eine Schlüsselrolle nehmen die "Klagepaten" ein, die ihren Sitz in Oldenburg haben. Mitbegründet hat diesen Verein der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig. Als die Berliner Querdenken-Demo Ende August zunächst verboten wurde, zog er mit einem Eilantrag vor Gericht – und bekam Recht.

Die Anstrengungen des Vereins fokussieren sich auf die Maskenpflicht. Auf der Internetseite der Klagepaten sind zahlreiche Musterschreiben zu finden, für den Fall zum Beispiel, dass eine Schule oder eine andere Institution ein Masken-Attest nicht akzeptiert. Der Mund-Nasen-Schutz wird von vielen Corona-Kritikern mal als wirkungslose, mal als gefährliche Keimschleuder angesehen. Was die "Klagepaten" anbieten, wird offenbar rege genutzt: In den verschiedenen Telegramgruppen der Querdenken-Bewegung werden vielfach Videos von Menschen geteilt, die sich mithilfe der vorgeschriebenen Formulierungen weigern, eine Maske aufzuziehen.

Was treibt die Corona-Kritiker in Bremen an?

Video vom 22. Oktober 2020
Der Bremen Zwei Reporter Justus Wilhelm im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Bewegung in Bremen nicht so groß, wie es scheint

Diese Gruppen des Messaging-Dienstes Telegram scheinen entscheidend für die Querdenken-Bewegung zu sein. In der Gruppe "Querdenken421 Bremen" diskutieren Mitte Oktober 262 Menschen miteinander – wer genau, ist nicht ersichtlich. Diese Art der Kommunikation hat System, sagt Politikwissenschaftler Andreas Klee: Weil regelmäßige Demos derzeit schwer zu organisieren seien, habe sich der Protest mehr als sonst üblich übers Netz organisiert. Er warnt aber davor, die Zahl der Unterstützer zu überschätzen: "Es können relativ schnell Strukturen erzeugt werden, die in der Wahrnehmung relativ wirkungsvoll erscheinen – aber wenn man sie genauer anschaut, doch nicht diese Vielzahl an Menschen hinter sich vereinen, wie der Anschein erweckt wird."

Demokratischer Protest – oder im Kern demokratiefeindlich?

Ungefährlich ist die Bewegung allerdings aus Sicht des Experten trotzdem nicht: Die Proteste würden schon jetzt von rechten Gruppierungen genutzt, um ihre Ziele voranzubringen. Und das gelinge den sogenannten Neuen Rechten meist unerkannt: "Sie sind in den Netzwerken intensiv unterwegs und haben sehr weitentwickelte Verfahren entwickelt, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Da zu sein, ohne wahrgenommen zu werden, ist eine sehr stark entwickelte Kompetenz – und erst am Ende stellt man fest, mit wem sich die Leute da eingelassen haben."

Bei der Demonstration am Bremer Hauptbahnhof sind keine Symbole rechter Gruppierungen zu entdecken, rechte Parolen sind nicht zu hören. Allerdings gibt es noch eine andere Gefahr, sagt Katharina Nocun. Gerade die Wirkung, die die Verbreitung von Verschwörungserzählungen habe, dürfe nicht unterschätzt werden: "Das kann dazu beitragen, dass das Fundament von Demokratie zersetzt wird." Denn die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie sei, sich auf grundsätzliche Wahrheiten und Grundregeln zu einigen, also auch auf ein Vertrauen in die Wissenschaft. „All das lehnen Verschwörungsideologen ab. Das müssen wir als Bedrohung durchaus ernst nehmen“, so Nocun.

Wenn wir uns nicht mehr über grundlegende Fakten in einer Demokratie einig werden können, dann werden wir sehr schlechte Entscheidungen treffen.

Katharina Nocun
Katharina Nocun, Bloggerin

Aus Sicht von Andreas Klee wirkt sich auch die Größe der Demonstrationen darauf aus, wie wirksam sie von Rechten genutzt werden kann. Die Querdenken-Bewegung in Bremen sei allerdings längst nicht so professionell aufgestellt wie in anderen Städten.  "Auch wenn wir von 20.000 Leuten in Berlin sprechen, ist das eine vergleichsweise kleine Zahl. In Bremen gibt es zwar auch ein paar Leute, aber ich würde da noch nicht von einer Gefährdung in irgendeiner Weise sprechen."

Rückblick: 500 Menschen protestieren gegen Corona-Beschränkungen

Video vom 11. Oktober 2020
Ein Schild mit "Gib Gates keine Chance" auf einer Querdenker-Demo.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Lisa-Maria Röhling Autorin
  • Nikolas Golsch Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. Oktober 2020, 7:36 Uhr