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"Sie hat mein volles Vertrauen" – So wichtig sind Nachbarschaftshelfer

Nachbarschaftshelfer unterstützen Ältere, damit sie länger in der eigenen Wohnung bleiben können. Doch rund 2.000 mehr Kunden als Ehrenamtliche gab es 2018 in Bremen.

Gisela Probst und Dagmar Hammer befinden sich in der Küche.
Gisela Probst (li.) und die Nachbarschaftshelferin Dagmar Hammer kennen sich mittlerweile seit sechs Jahren. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Normalerweise sitzt Gisela Probst auf dem hellgrauen Sessel in einer Ecke der Küche, wenn Dagmar Hammer kommt. Sie mag es, ihr von ihrer Woche zu erzählen, während Hammer das Geschirr spült. Wenn Dagmar Hammer sie besucht, ist Gisela Probst immer glücklicher. Ihre Sorgen, Bedenken, Nöte verschwinden, als wären sie nie da gewesen. "Wenn sie geht, bin ich ein anderer Mensch", sagt sie.

Probst ist 96 Jahre alt, Hammer 75. Vor sechs Jahren haben sich die beiden kennengelernt. Hammer war schon länger in Rente. Doch einfach zu Hause herumzusitzen, darauf hatte sie keine Lust. Sie beschloss, sich ehrenamtlich zu engagieren. Und bewarb sich als Nachbarschaftshelferin. Dass sie mit älteren Menschen gut umgehen konnte, wusste sie. Wenige Jahre zuvor hatte sie ihre Schwiegermutter gepflegt. "Für mich war der Gedanke wichtig, dass ich jemandem eine Freude machen kann, dass ich jemandem helfen kann", sagt sie.

Wenn Frau Hammer da ist, kommt Freude auf. Ich finde es sehr wichtig und bin etwas traurig, wenn sie mal nicht kommen kann.

Gisela Probst sitzt am Küchentisch.
Gisela Probst, Kundin

Die Idee war für sie nicht neu: Bereits vor 27 Jahren hatte sie sich als Nachbarschaftshelferin engagiert. Damals stand sie jedoch mitten im Arbeitsleben, hatte eine Vollzeitstelle und deshalb kaum Zeit für das Ehrenamt. Irgendwann wurde es einfach zu viel. Sie gab auf. Bis sie 2014 erneut in der Zeitung las, dass Nachbarschaftshelfer gesucht wurden. "Ich beschloss, mich erneut zu melden. Und als ich Frau Probst traf, klappte es einfach auf Anhieb."

Zwei Stunden pro Woche

Jetzt besucht sie die ältere Dame einmal pro Woche für zwei Stunden. Eigentlich seien es am Ende oft zweieinhalb, fügt sie hinzu. Beide plauderten halt gern. Meistens erledigt Hammer den Haushalt, manchmal geht sie einkaufen, wenn Probst etwas braucht. "Ich gehe bei schönem Wetter gelegentlich zum Einkaufszentrum, aber ich schaffe es nicht mehr, die Tragetaschen nach Hause zu bringen. Meine Arme sind nämlich sehr dünn", sagt Probst und zeigt die knochigen Handgelenke. Dann nimmt sie ein paar regenbogenfarbene Handschuhe aus Wolle in die Hand. "Die hat mir Frau Hammer mitgebracht, falls es mir zu Hause kalt wird", sagt sie.

Ich freue mich immer, wenn Frau Probst die Tür aufmacht und lächelt. Wenn ich sehe, dass sie gesund und munter ist.

Dagmar Hammer
Dagmar Hammer, Nachbarschaftshelferin

Gisela Probst sitzt jetzt auf einem blauen Sessel gegenüber von Hammer. Sie hat eine elegante Figur, groß und schlank, in ihrem weißen Hemd und braunen Pullover. Sie erzählt gern. Und ihre Geschichte wäre alleine einen Bericht wert. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ist ihre Familie aus dem Osten geflohen, über Ostpreußen und Mecklenburg-Vorpommern. Als Flüchtling landete sie dann in Hameln an der Weser. Sie hat Abitur während des Kriegs gemacht, dann ihr Leben lang als Anwaltssekretärin gearbeitet.

Die neuen Technologien helfen, in Kontakt zu bleiben

Neben ihr liegen auf dem Sofa Zeitungen, Zeitschriften und ein Smartphone. "Manchmal kommunizieren wir zwischendurch per Whatsapp", sagt Hammer. "Das kann sie", fügt sie mit etwas Bewunderung hinzu. Selbstverständlich ist das bei weit jüngeren Menschen nicht. Doch Probst sagt, sie habe in der Zeitung über Workshops für ältere Menschen gelesen und die Lehrerin kontaktiert. Jetzt bekommt sie einmal pro Woche Unterricht. "Es ist jetzt ein bisschen schwer, weil ich dann viel vergesse, aber Nachrichten schicken und Fotos machen, das kann ich." Das sei wichtig, damit man mit den Enkelkindern in Kontakt bleiben könne. "Sie sagen: 'Oma, du kannst das. Das hätten wir nicht gedacht'", erzählt sie mit einem Lächeln und einem gewissen Stolz.

Dagmar Hammer und Gisela Probst unterhalten sich auf dem Balkon.
Zwischen der Helferin Dagmar Hammer und Gisela Probst hat sich mit den Jahren ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Gisela Probst rechnet kurz nach und sagt, sie hätte sechs Enkelkinder und zwei Urenkel. Sie wohnten alle in anderen Städten, manche sogar in anderen Ländern, daher sei das Smartphone so wichtig. Dagmar Hammer schaut sie zustimmend an. Die 75-Jährige trägt kurze Haare und einen blau gestreiften Pullover. Wenn sie redet, formuliert sie ihre Sätze kurz und bündig, dann presst sie die schmalen Lippen zusammen. Probst sagt, Frau Hammer sei ein Mensch, der viel weiß. Der immer eine Lösung parat hat. Ein pragmatischer Mensch. Auch deshalb finde sie es gut, sich mit ihr zu unterhalten.

Anzahl der geleisteten Stunden um 19 Prozent zurückgegangen

Probst kann eigentlich das meiste alleine erledigen: Frühstück und Abendbrot, zum Mittagessen geht sie ins Restaurant. Sie lebt in einer angemieteten Wohnung. Einmal in der Woche bekommt sie Besuch vom Pflegedienst, der ihr ihre Medikamente verabreicht. Doch was sie braucht, sei mehr Gesellschaft, sagt Hammer. Für viele Senioren könnte das ein bekanntes Bild sein. Wer so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben möchte, ist oft auf die Hilfe von Ehrenamtlichen und Vereinen angewiesen. Die Nachbarschaftshilfe, die durch 17 Dienstleistungszentren (DLZ) der Awo, Caritas, Deutschen Roten Kreuzes und Paritätischen Gesellschaft in Bremen betrieben wird, ist einer solcher Dienste. Doch Paare wie Probst und Hammer werden immer seltener.

Laut Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) ist die Zahl der Ehrenamtlichen seit 2014 um knapp 800 Menschen auf 3.419 gesunken. Zwischen 2008 und 2018 ist die Anzahl der geleisteten Stunden um 19 Prozent zurückgegangen, während die der Kunden um elf Prozent gestiegen ist. Obwohl die Daten zeigen, dass es in den vergangenen Jahren Schwankungen gegeben hat, zeichnet sich eine deutliche Abnahme ab.

Mehr als jeder fünfte Bremer ist über 64 Jahre alt

Die Bevölkerung altert – auch in Bremen. Waren in den 80er Jahren weniger als 18 Prozent der Einwohner über 64 Jahre, sind es jetzt knapp 21 Prozent (Stand: Ende 2018). Und während vor 40 Jahren lediglich drei Prozent der Einwohner älter als 79 waren, sind es jetzt mehr als doppelt so viele.

Anzahl der Einwohner über 89 Jahre in Bremen

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Ehrenamtliche sind dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch ihre Arbeit sei nicht so leicht ersetzbar – auch nicht durch die neuen Technologien, sagt die Sozialsenatorin. "Wir sind soziale Wesen und blühen erst richtig auf, wenn wir mit Menschen in Kontakt sind. Deswegen brauchen Menschen auch immer Menschen."

Man kann sich bestimmte Tätigkeiten und Alltagsunterstützung auch mit Maschinen und digitalen Hilfsmitteln organisieren. Aber wir Menschen möchten reden, wir möchten sprechen und sehen, dass das Gesagte bei jemand anderem etwas auslöst. Das ist wichtig.

Die Sportsenatorin Anja Stahmann im Interview über Werder Bremen
Anja Stahmann, Bremer Sozialsenatorin

Nachbarschaftshelfer bekommen eine Entschädigung

Heute hätten die Ehrenamtlichen genauere Vorstellungen von dem, was sie wollten, und die Zeit sei häufig kürzer geworden, sagt Gregor Wittenburg, Leiter des DLZ-Horn. Einige seien Studenten, die sich nur wenige Jahre engagieren könnten. Auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt habe sich geändert, führt die Senatorin hinzu. Man hätte weniger Zeit für das Ehrenamt. Das, obwohl die Tätigkeit mit 8,50 Euro pro Stunde entschädigt wird. Bis 200 Euro im Monat kann man damit steuerfrei verdienen. Die Kunden bezahlen für den Dienst 26 bis 30 Euro im Monat, plus die Stundenentschädigung. Teilweise erstatten die Krankenkassen bis zu 125 Euro monatlich.

Die soziale Struktur hat sich geändert und der Charakter des Ehrenamts ist viel differenzierter geworden.

Gregor Wittenburg, Leiter des DLZ-Horn

Doch das Geld spielt laut einer jüngsten Umfrage der Paritätischen nur bei 57 Prozent der Ehrenamtlichen eine Rolle. Denn das Ehrenamt stellt auch gewisse Anforderungen. "Man muss ausgeglichen sein", sagt Hammer. Und mit älteren Menschen gut umgehen können. Nicht jeder komme mit jedem klar. Eine Verpflichtung in diesem Sinn gibt es jedoch nicht: Wenn es nicht passt, wird nach einem neuen Match gesucht.

Viele wollen jedoch nur mit den Kunden spazieren gehen. Man muss sich aber auch manchmal ein bisschen überwinden. Auch Dinge tun, auf die man weniger Lust hat.

Dagmar Hammer
Dagmar Hammer, Nachbarschaftshelferin

Helfer dürfen verschiedene Aufgaben übernehmen

Nachbarschaftshelfer können verschiedene Aufgaben erfüllen: putzen, einkaufen, Gesellschaft leisten, Kunden in ihrem Alltag begleiten. Nur pflegerische Tätigkeiten leisten sie nicht. "Früher sind wir mal zusammen einkaufen gegangen, jetzt mache ich das meistens alleine. Im Frühjahr bepflanze ich dann den Balkon", erläutert Hammer. "Ich mag es, im Sommer auf der Bank vor den großen Bäumen zu sitzen und zu lesen", fügt Probst hinzu. In den Jahren hat sich das Verhältnis zwischen den zwei Frauen so entwickelt, dass Hammer bei Bedarf für Probst zur Bank geht oder in ihrer Abwesenheit in der Wohnung putzen darf. "Sie hat mein volles Vertrauen", sagt die ältere Frau, während sie auf Hammer liebevoll blickt.

Dagmar Hammer sagt, sie wird weitermachen, solange sie kann. Gisela Probst schaut auf die Pflanzen auf dem Balkon, die noch nicht für den Sommer bereit sind. Sie sagt, sie freue sich darauf. Auf den Frühling, der bald kommen und die Dunkelheit vertreiben wird. Und auf Frau Hammer. Dass sie noch lange mit ihr plaudern kann. 

Darum gibt es zu wenig Nachbarschaftshelfer

Video vom 25. Januar 2020
Eine ältere Frau sitzt, eine jüngere steht. beide spülen und polieren Gläser. Im Hintergrund sieht man eine braune Schrankwand.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Januar 2020, 19:30 Uhr